• Das Pressebüro des Bistums Temeswar erhielt die Nachricht dass, Bischof Josef Csaba Pál am Freitagmorgen, dem 10. Juli 2020, den Piaristenpater József Ruppert OSchP, dem rumänischen Vertreter des religiösen Lehrordens, empfangen wird. P. Ruppert macht in Temeswar sein Abschiedsbesuch, da er in den Ruhestand geht. Dies ist kein endgültiges Abschied von der Stadt, von den Temeswarer Freunden und Bekannten, sondern nur, ein – sozusagen – letzter offizieller Besuch als Deligierter – präzisierte Pater Ruppert auf unsere Internetanfrage, und beantwortete auf dieserm Wege einige Fragen.

– Wann haben Sie Temeswar zum ersten Mal besucht?
– Zuerst 1973. Als junger Lehrer, in den Sommerferien, reiste ich mit einem kleinen Motorrad nach Rumänien zu Orten, an denen einst Piaristen lebten und arbeiteten. So bin ich nach Temeswar gekommen. Ich habe die Stadt bewundert, aber gleichzeitig war ich zutiefst traurig über unser ehemaliges wundervolles Schulgebäude un den damaligen Zustand der Stadt.

Haben Sie Pater Való gekannt? Wie war Ihre Beziehung zu ihm?
– Meine vier Kameraden und ich wagten uns 1974 nach Rumänien, um die hier noch lebenden Piaristen zu finden und ihnen zu helfen. Diesmal traf ich Onkel Feri Való zu ersten Mal in Arad, zurzeit war er dort stellvertretender Kaplan. Ich bewunderte seine Kultur, Weisheit und Professionalität. Später besuchte ich ihn jedes Jahr in Temeswar und versuchte in jeder Hinsicht, ihm in seiner schwierigen Situation zu helfen. Ich habe einmal den Provinzial des Piaristenordens, den Katalanen P. Josef Balcells, zu ihm gebracht. Sie waren beide tief bewegt von dem Besuch. Als P. Balcells sich verabschiedete, hat er Onkel Feris heldenhaftes Ansehen in halb italienischer und halb lateinischer Sprache gewürdigt: „Francesco, usque ad mortem!“ Diese Worte gaben ihm enorme Kraft und er sagte mir öfter, später: „Mein Vorgesetzter sagte mir, ich muss bis zum Tod durchhalten!“

– Was bedeutet für Sie die Vergangenheit und die Geschichte der Stadt Temeswar?
– Obwohl ich die Vergangenheit und die Geschichte Temeswars ein wenig kennengelernt habe, paralell zur Geschichte der Piaristenschule, kenne ich viel mehr Informationen darüber aus den Vorlesungen von János Szekernyés, einem hervorragenden lokalen Historiker. In Gesprächen mit ihm war ich sehr beeindruckt von der Wichtigkeit der Stadt in der Geschichte, von den bewgten Zeiten, Veränderungen und Ereignissen, die hier stattfanden. Es hat mich berührt, wie sehr Herr Szekernyés diese Stadt liebt und kennt. Mit Dankbarkeit erinnere ich mich noch daran, was er am Ende eines Vortrags gesagt hat: „Als wir die kulturellen Werte des Banats wissenschaftlich bewerteten, stellten wir fest, dass diejenigen, die viel für die Kultur dieser Region arbeiteten und taten, fast alle Piaristenlehrer und Piaristenschüler waren.“ Herr Szekernyés schrieb 2009 ein großartiges Buch über die Geschichte des Piaristengymnasiums in Temeswar und präsentierte auch das 2005 veröffentlichte Buch des Piaristenpaters Ferenc Both: „Fünfzig Jahre Geschichte des Piaristengymnasiums in Temeswar.“ Wer etwas über die Geschichte von Temeswar um die Jahrhundertwende erfahren möchte, sollte dieses Buch lesen.

– Das wirken des Piaristenordens in Ungarn wurde von zwei großen Schlägen getroffen: 1920 die Trianon-Friedensvertrag und, 1948 – die Verstaatlichung der kirchlichen Schulen und das Verbot der religiösen Orden. Was ist mit den Piaristen passiert?
– Einige Jahre nach dem Vertrag von Trianon wurde 1925, auf Verordnung des Römischen Ordensgeneralats, der Piaristenorden in Rumänien, mit vier Schulen und vier Klöstern (Sighetul Marmației/Marmaroschsiget, Carei/Grosskarol, Cluj/Klausenburg und Temeswar) (neu)gegründet. Somit wurde die Bildungsarbeit fortgestzt, wenn auch mit vielen Problemen und vielen Hindernissen. 1948 wurde die Arbeit der Patres verboten und die Gebäuden – Schulen und Klöster – verstaatlicht. Dies war wirklich ein großer Schlag: die Piaristenlehrer, die vielleicht seit Jahrzehneten unterrichten und die Jugend erzogen haben – dies war ihre Berufung, der Zweck und Sinn ihres Lebens – mussten über Nacht beenden. Sie konnten an keiner öffentlichen Schule unterrichten, weil sie dann akzeptieren mussten, dass sie in einem obligatorischen atheistischen Geist ihre Arbeit verrichten müssen. Die Piaristen wurden zerstreut: einige haben es geschafft pastorale Arbeit in den Pfarreien zu finden oder sich in ihrer Familie zurückzuziehen. Dann zogen sie im Laufe der Jahrzehnte langsam in ein besseres Zuhause. Nach der Wende lebten Annfang der neunziger Jahre nur noch wenige.

– Wie haben Sie nach dem Regimewechsel das Wiedersehen mit Temeswar, den Geistlichen von hier gesehen? Welche Aufgaben, welche Erwartungen hatte Ihr Mandat?
– Es ist eine lange Geschichte. In einem solchen Interview kann man nicht alles erzählen. Wir konnten nicht viel tun, bevor sich das Regime nicht änderte. Ich kam 1991 nach Rom, als stellvertretender Leiter des Piaristenordens, und von da an hatte ich zusätlich zu meinem eigenen Eifer die Pflicht, die Situation der Piaristen hier einzuschätzen und zu pflegen. Gott sei Dank, hatte ich viele Helfer! Unser Prinzip war alles aus unserer Vergangenheit zu retten, was möglich war. Zusammen mit Pater Tibor Gindele, Erzdechant von Marmaroschsiget, besuchten wir mehrmals im Jahr, die noch lebenden Piaristen, verhandelten mit den Bischöfen, erlangten die Rechtspersönlichkeit des Piaristenordens zurück, kontaktierten die ehemaligen Alumni und pflegten die Piaristengräber… Als dann möglich war, die verstaatlichten Grundstücke zurückzuerkämpfen, haben wir alles gefordert. Einige unserer Klagen sind noch in Verhandlung. Nach dem Tod von Pater Gindele, im Jahr 2002 stand uns S.E. Eugen Schönberger, Bischof von Sathmar zur Seite, und wir erhielten viel Hilfe von ihm. Noch heute vertritt er den Piaristenorden vor den rumänischen Behörden. Zwei ungarische Piaristen eröffneten seit zehn Jahren ein Studienhaus in Miecurea Ciuc. 2009, als ich meine Misssion in Rom abschloss, ernannte mich der ungarische Provinzial als Deligierter für Rumänien. Jetzt hatte ich viel mehr Möglichkeiten von Budapest hierher zu kommen, an vielen Veranstaltungen teilzunehmen. Unser größter Schatz in Temeswar war das wundervolle Schulgebäude und die Klosterkirche. S.E. Ladislaus Böcskei, damals Generalvikar von Temeswar, sowie seine Mitstreiter, kämpften mit viel Mühe um diesen Gebäudekomplex zurückzubekommen, das 2010, nach langen Kämpfen, endgültig an die Kirche zurückgegeben wurde. Unsere Bitte war, dass eine katholische konfessionelle Schule darin entstehen soll. Das Bistum – Dank Bischof Martin Roos – begann mit der Renovierung des Gebäudes und bis heute erwartete mich bei jedem Besuch eine freudige Neuigkeit: das Internat wurde eröffnet, das Kindergarten, die Vorschulklassen haben ihre Tätigkeit begonnen, das Dach wurde erneuert, der Turm restauriert, die wunderschöne Kantine funktioniert wieder… In einem der letzten Berichte las ich diesen schönen Satz: „Gerhardinum ist die Schule der Diözese.“ Sicher kann man jetzt spüren, dass das Gebäude einen Besitzer hat. Es ist ein wunderbares Gefühl für uns, Piaristen zu wissen, dass das Piaristenleben innerhalb der Mauern unserer alten Schule wieder aufgenommen wurde – wenn auch in einer anderen Form.

Welche sind Ihre Erfahrungen und Ihre Erinnerungen an die Alumni-Treffen in Temeswar?
– Es begann mit einem Brief, das ich 2004 vom Alumnus Otto Nowy erhalten habe. Er erkundigte sich besorgt nach der „Wiedergeburt“ der Piaristenschule in Timișoara. Ich antwortete und… eine Lawine setzte sich in Bewegung! Es stellte sich heraus, dass sich seit Jahren regelmäßig großartige Menschen, hervorragende Alumni, regelmäßig in Schwetzingen, Deutschland treffen. Sie haben mich dann eingeladen – ich bin zu ihrem Treffen gegangen. Es gab dort wirklich Jahr für Jahr ein Wunder! Lateinische Messe, kleiner Alumni-Chor, Predigt in drei Sprachen, gefolgt von einem Treffen, einem Gespräch. Ungarn, Rumänen, Deutsche, Katholiken, Protestanten und andere Religionen kamen in einer aufrichtigen Liebe zusammen: Wir sind Piaristen-Alumni! Ihre Liebe und Zuneigung zu ihrer alten Schule und ihren Lehrern war berührend. Dort entstand zunächst die Idee, das 100-jährige Bestehen des Schulgebäudes in Temeswar, vor Ort zu feiern. Der Hauptorganisator war István Miskovits, ein Mann voller Ideen, Energie und offen für harte Arbeit. Er wurde von vielen lieben guten Alumni-Freunden unterstützt: Ottó Nowy, dem hoch angesehenen Herrn István Higyed und vielen anderen, und natürlich der Geschäftsführung von „Gerhardinum“, mit der Schuldirektorin Ilona Jakab und dem Spiritual Zoltán Kocsik. Es wurden drei wundervolle Feiertage organisiert. In diesen Jahren wurde auch das Piaristen-Museum im Schulgebäude fertiggestellt.

– Wie sehen Sie die Lehr- und Bildungsarbeit an dem Gerhardinum?
– Es braucht viel Mut – ich hätte fast Rücksichtslosigkeit gesagt – dass eine aussenstehende Person die Arbeit eines Schullehrers kommentiert. Aber, wenn ich während der Unterrichtszeit das Lyzeum betrete, begrüßen mich die Schüler mit einem lauten „Laudetur…“, dem üblichen Gruß in allen Piaristenschulen. Das ist auch heute ein Zeichen dafür, dass sie gebildet werden. Sie grüßen auf piaristische Weise, ein Zeichen dafür, dass hier eine gewisse Tradition erhalten bleibt. Sie sind gut ausgebildet: Bei den Zeremonien hören sie die zweisprachigen Reden schweigend und geduldig an, denn normalerweise wird alles auf Rumänisch und Ungarisch ausgesprochen. Sie besuchen die hl. Messe, können beten, zusammen singen, nehmen an Exerzitien teil. Dies alles zeigt, dass sie in einer christlichen, religiösen Atmosphäre leben. Die Ergebnisse, Diplome und Auszeichnungen der Wettbewerbe zeigen, dass jeder, der die Arbeit hier ernst nimmt, schöne Ergebnisse erzielen kann. Dies sieht und erlebt ein externer Besucher. Außerdem hatte ich oft die Gelegenheit, mit dem Schulleiter oder dem geistlichen Leiter über ihre pädagogischen Absichten und Anliegen zu sprechen, und obwohl ich mir oft Sorgen gemacht habe, ob sie das geplante Ziel erreichen können: sie haben es geschafft! – aber nur mit harter Arbeit. Ich bin immer mit dem guten Gefühl gegangen, dass die Schule in guten Händen ist, sie haben großartige Lehrer und die Ausbildung ist christlich und piaristisch im Geiste. 

In Temeswar hatte der Orden nach 1990 zwei Mitbrüder. Wie wurden sie ausgewählt ?
– Wenn der Piaristenorden jemanden als Confrater auswählt, ist dies nicht nur als eine Art Ehrung gedacht, sondern vielmehr: als Empfang in die Piaristenfamilie. Pfarrer László Túry, Domprobst, war ein treuer Piaristenschüler und ein Hüter und Verkünder des Piaristengeistes. Er wollte ein Piaristenpater sein, aber zu der Zeit war es unmöglich. Ich weiß von Bischof László Böcskei, dass in seinen Seminarjahren alles, was die jungen Priester über die Piaristen erfuhren, von Pfarrer Túry erzählt, bzw. vorgetragen wurde, der immer mit größter Liebe und Wertschätzung über die Piaristen sprach. Er war auch an der Organisierung und Durchführung des Großen-Alumni Treffen 2009 und an allen Piaristenbewegungen beteiligt. 2012 haben wir Ihn in die Piaristenfamilie aufgenommen. Ich traf den derzeitigen Pfarrer von Temeswar-Josefstadt, Zsolt Szilvágyi, als er Lehrer in „Gerhardum“ war. Obwohl er kein Piaristenschüler war – konnte aufgrund seines jungen Alters es gewesen sein – war er sich der Ernsthaftigkeit und Schönheit der Piaristenausbildung immer sehr bewusst. Er fühlte sich dem Ansatz der Piaristenpädagogik immer nahe. Dies setzte er auch in die Praxis um, als er im Gerhardinum unterrichtete. Er half mit aufrichtiger Liebe und Überzeugung in allen Angelegenheiten der Piaristen: Er unterstützte Onkel Feri Való in seinem hohen Alter, pflegte das Piaristengrab, organisierte große Alumni-Treffen und half, die fast vergessenen Piaristengräber zu finden. Er strahlt einen piaristischen Geist aus, weshalb wir ihn 2009 als einen Mitglied unserer Piaristenfamilie akzeptiert haben.

Mit welchen Gedanken und Gefühlen beenden Sie diese Zeit? Wird es einen Nachfolger geben?
– Ich bin vor fast dreißig Jahren hierher gekommen, nach Temeswar, zu Bischof Sebatian Kräuter, um ihn zu bitten, uns zu helfen, alles zu entdecken und zu retten, was von der piaristischen Vergangenheit von Temeswar übrig geblieben ist. In den letzten Jahrzehnten haben wir ein riesiges intellektuelles, kulturelles und materielles Erbe gesammelt. Das „Gerhardinum“ bewahrt dieses Piaristen-Erbe. Ich glaube, dass das schöne Barockgemälde im Büro des Direktors, das die Florentiner Piaristen dem „Gerhardinum“ als Zeichen ihrer Wertschätzung gestiftet haben, diese Schule mit Befriedigung betrachten kann, da die Arbeit hier im Geiste dessen geleistet wird, was die Piaristen vor Jahrzehnten getan haben. Und dass genau wie er, der heilige Gründer des Ordens, es sich zur Zeit der ersten Piaristenschule in Italien vorstellte. Ich bin froh, Teil dieser Arbeit zu sein. Die Zukunft darf jedoch nicht mehr von einem alternden, sondern von einem jungen Menschen geplant werden. Der Provinzial wird jemanden ernennen, der mich ersetzt, und die Arbeit wird fortgesetzt. Aber natürlich können die Fäden der Liebe, die hier eingefädelt sind, nicht zerrissen werden, und deshalb hoffe ich sehr, dass ich nicht zum letzten Mal in Temeswar sein werde.

– Was war ihr Lieblingserlebnis in Temeswar?
– Es ist eine Tradition in „Gerhardinum“, dass Lehrer und Schüler, um Allerseellen, auf den Friedhof zum Grabe der Piaristenlehrer gehen. Ich habe vor ein paar Jahren auch einmal an dieser Gedenkfeier teilgenommen. Fast die gesamte Schule, Kinder und Lehrer, befanden sich auf dem Friedhof. Es war eine wunderschöne Zeremonie: Die Schüler sangen und beteten. Dann machten sich alle auf den Heimweg. Nach ein paar Schritten blieb ich am Ende der Reihe und schaute noch einmal auf die Piaristengräber zurück. Ich war bewegt zu sehen, dass immer noch zehn Schüler standen und beteten. Sie blieben eine Weile dort und beteten für die Piaristenlehrer, die sie nicht kannten. Sie wussten nur, dass sie ihr Leben für die Erziehung und für die Schüler opferten. Diese freiwilligen betenden Jugendlichen fühlten etwas von dieser piaristischen Erziehung, die das Wort „Frömmigkeit“ genau lehrt, dass man alles respektieren muss, was heilig ist, was schön ist, was gut ist und, dass man lernen sollte, einander und die Vergangenheit zu respektieren. Solange es in dieser Schule solche Leiter und Lehrer gibt, die bereit und in der Lage sind, ihre Schüler dafür zu erziehen, wird der Geist der Piaristen weiterleben.

Pater Ruppert, wir bedanken uns herzlichst für das Gespräch, für Ihre Mühe und für alle Informationen!

S.E.

Übersetzung: Maria Lazar