Maria Radna feiert heuer ein doppeltes Jubiläum: 500 Jahre seit der Errichtung der ersten Kapelle im damaligen Weinberg, am Ort der jetzigen Wallfahrtskirche, aber auch 200 Jahre seit der Kosekrierung des Gotteshauses durch den Erzbischof von Gran/Esztergom, durch den damaligen Fürstprimas Alexander Rudnay. Auch wenn die Gesundheitsvorschriften keine grossen Feierlichkeiten erlauben, kann der historische Moment nicht unmarkiert bleiben.
Die Ereignisse der Vergangenheit werden in schriftlichen Chroniken aufbewahrt; Augenzeugen sprechen am authentischsten über die jüngsten und gegenwärtigen Ereignisse. Die nächsten Seiten enthalten die Worte unterschiedlichen Menschen: Gottesdiener, ältere Menschen, die an ihrer Religion festhalten, junge Menschen, die im Glauben aufwachsen, Bewahrer unserer gemeinsamer Feste und Pilger am jahrhundertealten Gnadenort von Maria-Radna.

Raluca Nelepcu ist Journalistin bei der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien, studierte in Temeswar Journalistik und Germanistik und ist ehemalige Schülerin des Nikolaus-Lenau-Lyzeums. Nebst ihrer Zusammenarbeit mit der deutschsprachigen Redaktion der Radio-Temeswar, unterstützt sie öfter auch die Media-Tätigikeitdes Bistums Temeswar.

Welche ist Ihre erste Erinnerung, eine Erinnerung aus der Kindheit, die mit diesem heiligen Ort in Verbindung steht? Mit wem sind Sie das erste Mal nach Radna gefahren?
– Ich war das allererste Mal in Radna, da war ich wohl 15 Jahre alt. Meine damalige Religionslehrerin an der Nikolaus-Lenau-Schule in Temeswar, Frau Burmann, organisierte mit meiner Klasse einen Ausflug nach Radna, damals mit dem Zug. Ich kann mich noch sehr gut an diese Ausfahrt erinnern. Ich fuhr mit meiner Klassenkollegin und mittlerweile sehr guter Freundin, Astrid Weisz, die ihren einige Jahre jüngeren Bruder Harald (heute Erfolgsschauspieler am DSTT) mitnahm, mit dem Orgelrestaurator Andrei Sas (der in einer Parallelklasse war), und mit anderen Kollegen nach Radna. Der Ausflug war sehr informations- und lehrreich, wir beteten im Zug und gingen sogar den Kreuzweg hinter der Basilika. Später lernte ich Maria Radna dank meines Journalistenberufs besser kennen und schloss den Ort ins Herz.

  Wann sind Sie das erste Mal allein oder mit einer Jugendgruppe nach Radna gegangen? Welche Gefühle hatten Sie in jenen Augenblicken?
– Ich noch nie allein nach Radna gefahren. Ich war immer entweder mit Freunden oder mit meiner Familie unterwegs. Ich erinnere mich aber an eine dieser Fahrten dorthin – ich war mit meiner Freundin bei der Messe dort und wir beteten zur Heiligen Jungfrau Maria, damit sie uns in einer bestimmten Situation helfen möge. Die Hilfe ließ nicht lange auf sich warten. Ich fühle mich in der Radnaer Basilika immer sehr wohl, irgendwie geborgen. Ich glaube fest an die Wunder, die durch die Vermittlung der Mutter Gottes geschehen. Auch in meinem Leben hat sich mindestens ein solches Wunder dank ihrer Hilfe zugetragen.

 Sind Sie irgendwann mal nach Radna zu Fuß gepilgert? Wie haben Sie jene Pilgerfahrt erlebt?
– Ich bin ein einziges Mal nach Radna gepilgert, habe es aber nicht bis zum Ziel geschafft, doch das ist letztendlich nicht so wichtig. Wie sagt man doch so schön: Der Weg ist das Ziel. Eine Fußwallfahrt ist etwas ganz Besonderes. Man ist zusammen und doch allein, mit seinen eigenen Gedanken. Wenn es schwer wird, wenn die Füße nicht mehr weitergehen wollen, weil sich Blasen an den Sohlen gebildet haben, dann hilft man sich gegenseitig, man baut sich psychisch gegenseitig auf. Man betet viel, man sing. Für mich war auch das Treffen mit den anderen Wallfahrern und mit den Menschen von unterwegs ein erhebendes Erlebnis. Ich habe Menschen mit so unterschiedlichen Hintergründen getroffen, und doch hat uns eins verbunden: unser Glaube an Gott. Die Menschen unterwegs waren freundlich, offen, haben uns zu essen und zu trinken gegeben und uns ermutigt, nicht aufzugeben und auch für sie zu beten. Ich habe zwar nur die Hälfte des Wegs geschafft, werde es aber irgendwann mal wieder versuchen und sogar schaffen, zu Fuß nach Radna zu gelangen. Davon bin ich fest überzeugt.

  Sie haben im Laufe der Jahre, in Radna, verschiedene Pilger und Gläubige getroffen, die in ihrer eigenen Muttersprache singen und beten. Wie stehen Sie dieser Vielfalt an Sprachen, Liedern und Gebeten gegenüber?
– Radna ist ein Ort, an dem es egal ist, welche Sprache man spricht, welche Ethnie man vertritt und manchmal gar, welchen Glauben man hat; denn es pilgern nicht nur Katholiken nach Radna, um zur Mutter Gottes zu beten. Doch zurück zur Sprachenvielfalt: Für mich ist es normal, im Rahmen der Messe und allgemein um mich herum verschiedene Sprachen zu hören. Wir leben ja im Banat, wo diese Vielfalt zur Normalität gehört, weil sie seit Jahrhunderten diesen Landesteil prägt. Radna macht davon keine Ausnahme.

Die Atmosphäre der Wallfahrten nach Radna ist eine ganz besondere, oft sehr vielfältig. Welche Episode ist Ihnen im Gedächtnis geblieben, was hat Sie bei einer solchen Wallfahrt beeindruckt?
– Ich habe, beruflich, viele solche Wallfahrten erlebt. Ich habe oft darüber in der Zeitung berichtet. Für mich war und ist es immer wieder erstaunlich, zu sehen, wie viele Menschen doch immer wieder den Weg nach Radna finden. Die deutsche Wallfahrt war für mich immer ein ganz besonderes Ereignis. Banater Schwaben von nah und fern sind jedesmal dabei, sie singen ihre alten Marienlieder und erinnern sich an ihre Kindheits- und Jugendjahre, die sie auch mit Radna in Verbindung bringen. Erstaunlich, wie viel Kraft Maria Radna nach so vielen Jahren auf diese Menschen ausübt.

 Was bedeutet Ihnen persönlich Maria Radna?
– Maria Radna ist der Ort, an dem ich meine manchmal herumschwirrenden Gedanken wieder ordnen kann. Es ist der Ort, an dem ich geheiratet und mein Kind getauft habe. Das alles ist in einer Kirche geschehen, die sich mitten in einer Baustelle befand, also noch vor dem Abschluss der großangelegten Sanierungsarbeiten, die das Klosterkomplex und die Basilika erlebt haben. Ich hätte vielleicht einen anderen Ort wählen können, damit die Kirche schön auf den Fotos aussieht, nicht wahr? Ich habe das nicht getan, aus einem ganz bestimmten Grund: Maria Radna lag mir damals schon sehr am Herzen. Die schönsten Dinge der Welt können ja sowieso nicht gesehen, sondern nur mit dem Herzen gefühlt werden.

– Das Pressebüro der Diözese Temeswar bedankt sich herzlichst für das Gespräch!