{"id":25045,"date":"2020-05-12T17:04:03","date_gmt":"2020-05-12T14:04:03","guid":{"rendered":"https:\/\/gerhardus.ro\/?p=25045"},"modified":"2020-05-12T17:08:39","modified_gmt":"2020-05-12T14:08:39","slug":"wenn-jedes-christliche-haus-zum-ort-der-gottesbegegnung-und-der-naechstenliebe-wird-dann-war-diese-zeit-nicht-sinnlos-fuer-uns","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gerhardus.ro\/de\/wenn-jedes-christliche-haus-zum-ort-der-gottesbegegnung-und-der-naechstenliebe-wird-dann-war-diese-zeit-nicht-sinnlos-fuer-uns\/","title":{"rendered":"\u201eWenn jedes christliche Haus zum Ort der Gottesbegegnung und der N\u00e4chstenliebe wird, dann war diese Zeit nicht sinnlos f\u00fcr uns\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>ADZ-Gespr\u00e4ch mit Zsolt Szilv\u00e1gyi, Pfarrer in der Temeswarer Josefstadt und Vikar f\u00fcr pastorale Angelegenheiten<\/em><\/strong><br \/>\n<em><br \/>\nTrost spenden, Hoffnung wecken: Das waren schon immer die Aufgaben der Kirche. Vor allem in Krisenzeiten ist der Mut spendende Einsatz der Kirchenvertreter mehr denn je gefragt. Schwere Zeiten wie die aktuelle Corona-Krise haben zwar die Kirchentore verriegelt, doch viele Herzen ge\u00f6ffnet. Wie viele andere Kirchen auch hat sich die R\u00f6misch-Katholische Kirche auf die neuen Gegebenheiten eingestellt und h\u00e4lt den Kontakt zu ihren Gl\u00e4ubigen mit Hilfe des World Wide Web aufrecht. Zsolt Szilv\u00e1gyi (43), Pfarrer in der Josefstadt und Vikar f\u00fcr pastorale Angelegenheiten der Di\u00f6zese Temeswar\/Timi<\/em><em>\u0219<\/em><em>oara, erz\u00e4hlt in folgendem Gespr\u00e4ch, wie die kirchlichen T\u00e4tigkeiten derzeit stattfinden und wie er und seine Gemeinde diese schweren Zeiten erleben. Die Fragen stellte ADZ-Redakteurin Raluca Nelepcu. Zsolt Szilv\u00e1gyi ist seit 2010 Pfarrer in der Temeswarer Josefstadt. \u201eWo Gebet und Liebe sind, dort ist Gott gegenw\u00e4rtig\u201c, sagt er.<\/em><\/p>\n<p><strong>Sie sind wohl der erste Pfarrer in der Di\u00f6zese Temeswar, der die Online-Gottesdienste, die \u00fcber Facebook live \u00fcbertragen werden, eingef\u00fchrt hat. Wann ist Ihnen bewusst geworden, dass eine solche Art des Messe-Zelebrierens unbedingt n\u00f6tig ist?<\/strong><br \/>\nWir haben aus unserer Pfarrkirche zu Temeswar-Josefstadt am 15. M\u00e4rz die \u00dcbertragungen der Hl. Messen begonnen. Es war der erste Sonntag, an dem h\u00f6chstens einhundert Menschen an einem Gottesdienst teilnehmen durften. Ich bin froh, dass wir uns schnell f\u00fcr diese M\u00f6glichkeit der \u00dcbertragung entschlossen haben. Seitdem \u00fcbertragen wir die Gottesdienste jeden Tag. Wir freuen uns, dass unsere Gemeindemitglieder auf diesem Weg an der Heiligen Messe teilnehmen k\u00f6nnen. Neben unseren Gemeindemitgliedern beteiligen sich auch Katholiken aus anderen Gemeinden, sogar aus anderen L\u00e4ndern wie Deutschland, England, Ungarn und Serbien daran. Wir haben sogar eine Person, die regelm\u00e4\u00dfig aus Australien die Heilige Messe auf diesem Weg mitfeiert.<\/p>\n<p><strong>Es zirkuliert in diesen Tagen ein Witz, in dem der liebe Gott und der Teufel an einem Tisch sitzen und der Teufel sich freut, dass er all die Kirchen Gottes geschlossen habe. Woraufhin Gott antwortet, dass es ganz anders sei, denn er habe eigentlich eine Kirche in jedem Haus er\u00f6ffnet. Wie viel Wahrheit steckt darin?<\/strong><br \/>\nErstmal muss ich sagen, dass die Schlie\u00dfung der Kirchen uns allen wehgetan hat. Wir warten sehr darauf, dass wir die Gottesdienste wieder in den Gottesh\u00e4usern unter Teilnahme der Gemeinde feiern k\u00f6nnen. In diesen Wochen habe ich aber oft die Worte des hl. Paulus wiederholt. Er schreibt an die R\u00f6mer: \u201eWir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten f\u00fchrt.\u201c (R\u00f6m. 8,28) Wir sollen Gott aus ganzem Herzen lieben, seinen Willen suchen. So kann diese Krisenzeit nicht nur eine Belastung, sondern auch eine Chance sein, dass man den Glauben an Gott noch bewusster lebt, dass die Familien mehr Zeit dem Gebet und dem Lesen der Hl. Schrift widmen. Ich sehe jetzt schon die guten Fr\u00fcchte dieser schweren Zeit, was unser Glaubensleben betrifft. Zum Beispiel, dass viele Personen an der \u00dcbertragung der Hl. Messen teilnehmen. Ein anderes konkretes Beispiel f\u00e4llt mir ein: Wir beten jeden Abend mit einer Gruppe von jungen Erwachsenen per Zoom den Rosenkranz. So beteiligen sich oft zirka 30 Personen am Gebet. Wenn jedes christliche Haus zum Ort der Gottesbegegnung und der N\u00e4chstenliebe wird, dann war diese Zeit nicht sinnlos f\u00fcr uns.<\/p>\n<p><strong>Wie pflegen Sie in Zeiten der Corona-Krise den Kontakt zu den Gl\u00e4ubigen, zu den Mitgliedern Ihrer Pfarrei?<\/strong><br \/>\nDas Internet und das Telefon bleiben zurzeit die besten und oft die einzigen M\u00f6glichkeiten, die Verbindung mit den Gl\u00e4ubigen zu halten. Wir k\u00f6nnen dankbar sein, dass wir die technischen Vorz\u00fcge unserer Zeit haben. Es w\u00e4re viel schwieriger gewesen, eine solche Krisenzeit in dieser Weise vor knapp 20 Jahren zu bew\u00e4ltigen. Ich versuche jeden Tag, mindestens einen alten Menschen und eine Familie aus unserer Gemeinde anzurufen. Die Menschen waren erstmal ein wenig \u00fcberrascht, warum der Pfarrer anruft. Mit der Zeit gew\u00f6hnen sie sich schon daran, dass ich mich einfach daf\u00fcr interessiere, wie es ihnen geht. Ich ermutige vor allem unsere j\u00fcngeren Gl\u00e4ubigen, dass sie sich in ihrer Umgebung umschauen, um zu erfahren, wer Hilfe braucht. Jeder Christ soll verstehen, dass er mitverantwortlich f\u00fcr seinen N\u00e4chsten ist. Man kann nicht alles von den Beh\u00f6rden erwarten. Vor allem die alten Menschen brauchen oft Hilfe, unter anderem beim Einkaufen. Die Freiwilligen unserer Pfarrei helfen in solchen F\u00e4llen gerne mit. Das Internet erm\u00f6glicht aber schon wunderbare Alternativen f\u00fcr die Gruppenstunden. Wir halten, zum Beispiel, mehrere Gruppenstunden mit den Familien und den Jugendlichen auf den Internetplattformen Zoom oder Skype.<\/p>\n<p><strong>Sie sind als Vikar f\u00fcr pastorale Angelegenheiten f\u00fcr die verschiedensten Bereiche zust\u00e4ndig, wie zum Beispiel Jugendarbeit, Familien oder Laienbildung. Was findet in diesem Sinne noch statt? Wie organisieren Sie die T\u00e4tigkeiten?<\/strong><br \/>\nWir mussten wegen der Pandemie auf die meisten unserer Programme verzichten. Die Pandemie kam auch f\u00fcr uns, wie f\u00fcr alle eigentlich, sehr \u00fcberraschend. Wir hatten f\u00fcr jedes Wochenende sogar mehrere geplante Veranstaltungen. Es hat einige Tage gedauert, bis wir nach neuen M\u00f6glichkeiten gesucht haben. Wie ich schon erw\u00e4hnt habe, kommt uns das Internet zur Hilfe. Es kann nat\u00fcrlich nicht alles stattfinden. Die Fortbildung der Laienmitarbeiter, die wir im Februar begonnen haben, setzen wir beispielsweise per Zoom fort. Damals waren \u00fcber 100 Teilnehmer bei diesem Kurs dabei. Zu unserer \u00dcberraschung waren schon beim ersten virtuellen Vortrag zirka 90 Leute dabei. Manchmal haben wir uns \u00fcber die Technik beklagt. Jetzt merken wir, wie viel davon abh\u00e4ngt.<\/p>\n<p><strong>Sie haben vor Ostern eine Wohlt\u00e4tigkeitsaktion durchgef\u00fchrt und zusammen mit Ihren Mitarbeitern und Freiwilligen Lebensmittelpakete an bed\u00fcrftige Menschen verteilt. Planen Sie noch andere Aktionen in diesem Sinne? Wie finanzieren sich solche Aktionen, angesichts der Tatsache, dass es nun nicht mehr m\u00f6glich ist, Kollekten im Rahmen der Gottesdienste zu organisieren und auch keine Klingelbeutel mehr herumgehen?<\/strong><br \/>\nUnsere Pfarrei in der Temeswar IV Josefstadt ist eine sozial offene Gemeinde. Die Gl\u00e4ubigen haben das Evangelium richtig verstanden, dass wir unseren Glauben vor allem durch die N\u00e4chstenliebe zeigen sollen. Wir organisieren im Laufe des Jahres mehrere Aktion f\u00fcr die Bed\u00fcrftigen, f\u00fcr alte und kranke Menschen. Vor Weihnachten und Ostern bereiten wir immer zirka einhundert Lebensmittelpakete f\u00fcr alte Menschen vor. Diese Aktion wird von unserer Frauengruppe koordiniert. Im November sammeln wir Lebensmittel f\u00fcr Alten- und Kinderheime. Auch sonst spenden die Gl\u00e4ubigen gerne f\u00fcr die Caritas-Organisation oder f\u00fcr den Malteser Hilfsdienst. Diese Wohlt\u00e4tigkeitsaktionen finanzieren wir vor allem aus den Spenden unserer Gl\u00e4ubigen. Wir wollen nat\u00fcrlich diese Aktionen fortsetzen. Diese gr\u00f6\u00dferen Aktionen sind ein Zeichen daf\u00fcr, dass wir die Botschaft des Evangeliums verstanden haben. Unsere N\u00e4chstenliebe soll sich aber auf keinen Fall nur auf bestimmte Aktionen beschr\u00e4nken. Jeder soll in seiner Umgebung aufmerksam sein und durch kleine, allt\u00e4gliche Dienste den Menschen in Not nach eigenen Kr\u00e4ften und M\u00f6glichkeiten beistehen.<\/p>\n<p><strong>Sie halten den Kontakt zu Ihren Gemeindemitgliedern mit Hilfe des Internets aufrecht. Sch\u00fctten die Menschen nun eher ihre Herzen aus oder sind sie da eher zur\u00fcckhaltender im Vergleich zum direkten Kontakt?<\/strong><br \/>\nNat\u00fcrlich w\u00e4re der direkte Kontakt die beste M\u00f6glichkeit zum Austausch und zum Gespr\u00e4ch. Wir leben aber in einer Notsituation. Wir sollen die M\u00f6glichkeiten der Technik nutzen, um miteinander in Verbindung zu bleiben. Auch per Telefon kann man gute Gespr\u00e4che f\u00fchren. Das Telefon und das Internet k\u00f6nnen aber nicht alles ersetzen. So zum Beispiel ist das Beichtgespr\u00e4ch an die pers\u00f6nliche, direkte Begegnung gebunden. Man kann also nicht per Telefon beichten. Die Kirche will dadurch einerseits das Beichtgeheimnis sch\u00fctzen, aber auch deutlich machen, dass die Technik die pers\u00f6nlichen, menschlichen Begegnungen nicht ganz ersetzen kann.<\/p>\n<p><strong>Was empfehlen Sie den Gl\u00e4ubigen, die kein Internet haben und sonst immer zur Kirche gegangen sind, um diese schweren Zeiten zu \u00fcberstehen?<\/strong><br \/>\nDie Hl. Messe ist f\u00fcr uns, Katholiken, sehr wichtig. Soweit es m\u00f6glich ist, sollen wir an den Gottesdiensten teilnehmen, entweder pers\u00f6nlich oder, in dieser Ausnahmezeit, per Internet. Gott ist aber nat\u00fcrlich nicht nur an die Hl. Messe gebunden. Gott ist in unserem Leben gegenw\u00e4rtig. Er begleitet uns. Ich empfehle den Gl\u00e4ubigen, die keine M\u00f6glichkeit haben, an den Gottesdiensten teilzunehmen, dass sie beten, die Hl. Schrift lesen und vor allem, dass sie die N\u00e4chstenliebe jeden Tag praktizieren. Wo Gebet und Liebe sind, dort ist Gott gegenw\u00e4rtig. Wir sollen niemals vergessen, dass wir trotz der Isolation und Entfernung nicht allein sind, denn Gott ist mit uns. Ich w\u00fcnsche, dass sich jeder Christ dieser Gewissheit bewusst wird.<\/p>\n<p><strong>Wie stellen Sie sich vor, dass die katholischen Kirchen nach der Pandemie aussehen werden? Wie bisher, oder glauben Sie, dass da vielleicht mehr oder weniger Menschen die Gottesdienste besuchen werden?<\/strong><br \/>\nViele Menschen stellen sich die Frage: Wie wird das Leben \u00fcberhaupt nach dieser schweren Pandemie aussehen? Es ist richtig, dass wir uns diese Frage stellen. Es ist ein Zeichen, dass wir die Botschaft dieser Krisenzeit verstehen m\u00f6chten. Also was sollten wir aus dieser Krise lernen? Auf diese Fragen suche ich auch, wie so viele, die Antwort. Diese Krise hat unsere menschliche Existenz ersch\u00fcttert und l\u00e4sst uns ernsthaft nachdenken: Was ist eigentlich in unserem Leben wichtig? Wozu arbeiten und rennen wir so viel? Worauf bauen wir unsere Existenz auf? Diese schweren Fragen f\u00fchren mich noch st\u00e4rker zum Grund meines Lebens, zu Gott. Ich hoffe, dass viele Menschen die Wichtigkeit der Beziehung zu Gott verstehen, dass sie aus dem Glauben heraus die Priorit\u00e4ten ihres Lebens aufstellen, dass sie mehr Zeit f\u00fcr die wesentlichen Dinge des Leben haben, wie zum Beispiel Familie, Dienst an den Bed\u00fcrftigen. Ich hoffe und ich bete darum, dass die Post-Corona-Zeit eine Zeit der Erneuerung f\u00fcr die Kirche und auch f\u00fcr unsere ganze Gesellschaft sein wird. Ob das so sein wird oder nicht, wird vor allem von uns, von mir und von Ihnen abh\u00e4ngen.<\/p>\n<p><strong>Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch!<\/strong><br \/>\n<strong><br \/>\nErschienen in: <em>Allgemeine Deutsche Zeitung<\/em>, Bukarest, Mittwoch, 28. Jahrgang\/Nr. 6842 vom 13. Mai 2020, S. 3.(Interview der Woche)<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ADZ-Gespr\u00e4ch mit Zsolt Szilv\u00e1gyi, Pfarrer in der Temeswarer Josefstadt und Vikar f\u00fcr pastorale Angelegenheiten Trost spenden, Hoffnung wecken: Das waren schon immer die Aufgaben der Kirche. Vor allem in Krisenzeiten ist der Mut spendende Einsatz der Kirchenvertreter mehr denn je gefragt. Schwere Zeiten wie die aktuelle Corona-Krise haben zwar die Kirchentore verriegelt, doch viele Herzen ge\u00f6ffnet. 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