{"id":33354,"date":"2021-07-06T16:34:30","date_gmt":"2021-07-06T13:34:30","guid":{"rendered":"https:\/\/gerhardus.ro\/?p=33354"},"modified":"2021-07-06T16:35:26","modified_gmt":"2021-07-06T13:35:26","slug":"ich-bin-alle-tage-mit-euch-botschaft-des-papstes-zum-tag-der-grosseltern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gerhardus.ro\/de\/ich-bin-alle-tage-mit-euch-botschaft-des-papstes-zum-tag-der-grosseltern\/","title":{"rendered":"\u201eIch bin alle Tage mit euch\u201c &#8211; Botschaft des Papstes zum Tag der Gro\u00dfeltern"},"content":{"rendered":"<p>Liebe Gro\u00dfeltern, liebe \u00e4ltere Menschen,<br \/>\n\u201eIch bin alle Tage mit euch\u201c (vgl. Mt 28,20b). So lautet die Verhei\u00dfung, die der Herrn seinen J\u00fcngern gab, bevor er in den Himmel auffuhr. Dies sagt er heute auch zu einem jeden von euch. \u201eIch bin alle Tage mit dir, lieber Gro\u00dfvater, liebe Gro\u00dfmutter.\u201c Auch ich m\u00f6chte mich als Bischof von Rom und als ein Mensch, der ebenfalls schon \u00e4lter ist, anl\u00e4sslich dieses ersten Welttags der Gro\u00dfeltern und \u00e4lteren Menschen mit diesen Worten an euch wenden. Die ganze Kirche ist euch nahe. Oder sagen wir besser: sie ist uns nahe. Du bist ihr nicht gleichg\u00fcltig, sie liebt dich und m\u00f6chte dich nicht allein lassen!<br \/>\nIch bin mir sehr wohl bewusst, dass diese Botschaft euch in einer schwierigen Zeit erreicht. Die Pandemie war ein unerwarteter und heftiger Sturm, eine harte Pr\u00fcfung, die das Leben aller getroffen hat, insbesondere aber uns \u00e4ltere Menschen. Sehr viele von uns sind krank geworden, viele von uns sind heimgegangen oder mussten mitansehen, wie das Leben ihres Ehepartners oder eines geliebten Menschen zu Ende ging, zu viele waren f\u00fcr sehr lange Zeit zur Einsamkeit gezwungen und isoliert.<br \/>\nDer Herr kennt alle unsere Leiden in dieser Zeit. Er ist denen nahe, die die schmerzliche Erfahrung machen, bei Seite geschoben zu werden; unsere Einsamkeit \u2013 die durch die Pandemie noch verschlimmert wurde \u2013 ist ihm nicht gleichg\u00fcltig. Der \u00dcberlieferung nach wurde der heilige Joachim, der Gro\u00dfvater Jesu, von seiner Gemeinschaft versto\u00dfen, weil er keine Kinder hatte; sein Leben wurde \u2013 wie das seiner Gattin Anna \u2013 als nutzlos angesehen. Aber der Herr schickte ihm einen Engel, um ihn zu tr\u00f6sten. Als er traurig au\u00dferhalb der Stadttore verweilte, erschien ihm ein Bote des Herrn und sagte: \u201eJoachim, Joachim! Der Herr hat dein eindringliches Gebet erh\u00f6rt\u201c. Giotto scheint in einem seiner ber\u00fchmten Fresken diese Begebenheit nachts anzusiedeln, in einer jener vielen schlaflosen N\u00e4chte voller Erinnerungen, Sorgen und W\u00fcnsche, die auch viele von uns aus eigener Erfahrung gut kennen.<br \/>\n\u201eIch bin alle Tage mit dir\u201c<br \/>\nAber selbst wenn alles dunkel erscheint wie in diesen Monaten der Pandemie, schickt der Herr weiterhin Engel, um uns in unserer Einsamkeit zu tr\u00f6sten und uns wieder und wieder zu sagen: \u201eIch bin alle Tage mit dir\u201c. Das sagt er zu dir, zu mir, zu allen. Das ist der Sinn dieses Welttages, und es war mir ein Anliegen, ihn gerade in diesem Jahr zum ersten Mal zu begehen, nach dieser langen Zeit der Isolierung und der langsamen Wiederaufnahme des sozialen Lebens. M\u00f6gen alle Gro\u00dfeltern, jeder \u00e4ltere Mensch \u2013 vor allem diejenigen von uns, die besonders einsam sind \u2013 den Besuch eines Engels erhalten!<br \/>\nManchmal werden sie das Gesicht unserer Enkelkinder haben, manchmal das Gesicht von Familienmitgliedern, von guten alten Freunden oder von Menschen, die wir gerade in dieser schwierigen Zeit kennengelernt haben. In dieser Zeit haben wir gelernt zu verstehen, wie wichtig Umarmungen und Besuche f\u00fcr einen jeden von uns sind. Wie traurig stimmt es mich, dass dies an manchen Orten immer noch nicht m\u00f6glich ist!<br \/>\n\u201eIch selbst kann bezeugen, dass ich den wichtigsten Ruf meines Lebens, der mich auf den Stuhl Petri brachte, erhielt, als ich das Ruhestandsalter erreicht hatte\u201c<br \/>\nDer Herr aber sendet uns seine Boten, auch durch das Wort Gottes, diesen immerw\u00e4hrenden Zuspruch f\u00fcr unser Leben. Lasst uns jeden Tag einen Abschnitt des Evangeliums lesen, lasst uns mit den Psalmen beten, lasst uns die Propheten lesen! Wir werden von der Treue des Herrn innerlich bewegt sein. Die Schrift wird uns auch helfen zu verstehen, was der Herr heute von unserem Leben erwartet. Denn er sendet Arbeiter in seinen Weinberg zu jeder Stunde des Tages (vgl. Mt 20,1-16) und in jeder Lebensphase. Ich selbst kann bezeugen, dass ich den wichtigsten Ruf meines Lebens, der mich auf den Stuhl Petri brachte, erhielt, als ich das Ruhestandsalter erreicht hatte und mir schon dachte, dass ich nicht mehr viel Neues anfangen k\u00f6nne. Der Herr ist uns immer nahe, auf immer neue Weise l\u00e4dt er uns ein, mit neuen Worten, mit seinem Trost, aber immer ist er uns nahe. Ihr wisst, dass Gott ewig ist und dass er nie in den Ruhestand geht, niemals.<br \/>\nIm Matth\u00e4usevangelium sagt Jesus zu den Aposteln: \u00bbDarum geht und macht alle V\u00f6lker zu meinen J\u00fcngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe\u00ab (Mt 28,19-20). Diese Worte gelten auch uns heute, und sie helfen uns, besser zu verstehen, dass es unsere Berufung ist, unsere Wurzeln zu bewahren, den Glauben an die Jungen weiterzugeben und sich um die Kleinen zu k\u00fcmmern. H\u00f6rt gut zu: Was ist unsere Berufung, jetzt, in unserem Alter? Die Wurzeln bewahren, den Glauben an die Jungen weitergeben und sich der Kleinen annehmen. Vergesst das nicht.<br \/>\nEs spielt keine Rolle, wie alt du bist, ob du noch arbeitest oder nicht, ob du allein bist oder eine Familie hast, ob du in jungen Jahren Gro\u00dfmutter oder Gro\u00dfvater geworden bist, oder sp\u00e4ter, ob du noch selbst\u00e4ndig bist oder Hilfe brauchst. Denn es gibt kein Pensionsalter f\u00fcr die Aufgabe der Verk\u00fcndigung des Evangeliums oder der Weitergabe von Traditionen an die Enkel. Es ist notwendig, sich auf den Weg zu machen und vor allem aus sich herauszugehen, um etwas Neues anzufangen.<br \/>\n\u201eEs gibt also auch f\u00fcr dich noch eine neue Berufung in diesem entscheidenden Moment der Geschichte\u201c<br \/>\nEs gibt also auch f\u00fcr dich noch eine neue Berufung in diesem entscheidenden Moment der Geschichte. Du wirst dich fragen: Wie aber ist das m\u00f6glich? Meine Kr\u00e4fte gehen zur Neige, und ich glaube nicht, dass ich viel tun kann. Wie kann ich anfangen, mich anders zu verhalten, wenn inzwischen die Gewohnheit mein Leben bestimmt? Wie kann ich mich denen widmen, die \u00e4rmer sind als ich, wenn ich gedanklich schon so mit meiner eigenen Familie besch\u00e4ftigt bin? Wie kann mein Blick sich weiten, wenn ich nicht einmal die Wohnung verlassen darf, in der ich wohne? Ist meine Einsamkeit nicht eine zu schwere Last? Wieviele von euch stellen sich diese Frage: Ist meine Einsamkeit nicht eine zu schwere Last? Jesus selbst bekam eine \u00e4hnliche Frage von Nikodemus gestellt: \u00bbWie kann ein Mensch, der schon alt ist, geboren werden?\u00ab (Joh 3,4). Das kann geschehen, antwortet der Herr, wenn man sein Herz f\u00fcr das Wirken des Heiligen Geistes \u00f6ffnet, der weht, wo er will. Der Heilige Geist ist frei \u2013 er gelangt \u00fcberall hin und tut, was er will.<br \/>\nWie ich bereits einige Male sagte, werden wir aus der Krise, in der sich die Welt befindet, nicht unver\u00e4ndert hervorgehen: wir werden besser oder schlechter daraus hervorgehen. \u00bbGott gebe es, dass [&#8230;] es nicht das x-te schwerwiegende Ereignis der Geschichte gewesen ist, aus dem wir nicht zu lernen vermocht haben.\u00ab Wir sind ganz sch\u00f6n dickk\u00f6pfig! Gott gebe, \u00bbdass wir nicht die \u00e4lteren Menschen vergessen, die gestorben sind, weil es keine Beatmungsger\u00e4te gab [&#8230;]. Dass ein so gro\u00dfer Schmerz nicht umsonst war, dass wir einen Sprung hin zu einer neuen Lebensweise machen und wir ein f\u00fcr alle Mal entdecken, dass wir einander brauchen und in gegenseitiger Schuld stehen. So wird die Menschheit wiedergeboren\u00ab (Enzyklika Fratelli tutti, 35). Niemand rettet sich allein. Wir stehen in gegenseitiger Schuld. Wir sind alle Br\u00fcder und Schwestern.<br \/>\nDaher m\u00f6chte ich euch sagen, dass wir euch brauchen, um in Geschwisterlichkeit und sozialer Freundschaft die Welt von morgen aufzubauen: die Welt, in der wir leben werden \u2013 wir mit unseren Kindern und Enkeln \u2013, wenn sich der Sturm gelegt hat. Wir alle m\u00fcssen \u00bbaktiv Anteil haben beim Wiederaufbau und bei der Unterst\u00fctzung der verwundeten Gesellschaft\u00ab (ebd. 77). Unter den vielen Pfeilern, die diesen Wiederaufbau tragen werden, gibt es drei, die ihr besser als andere mitaufbauen k\u00f6nnt. Drei Pfeiler: Tr\u00e4ume, Erinnerung und Gebet. Die N\u00e4he des Herrn wird selbst den Schw\u00e4chsten unter uns die Kraft geben, einen neuen Weg einzuschlagen \u2013 durch das Tr\u00e4umen, durch das Erinnern und durch das Gebet.<br \/>\nEine Verhei\u00dfung des Propheten Joel lautete: \u00bbEure Alten werden Tr\u00e4ume haben und eure jungen M\u00e4nner haben Visionen\u00ab (Jo\u00ebl 3,1). Die Zukunft der Welt liegt in diesem Bund zwischen Jung und Alt. Wer, wenn nicht die Jungen, kann die Tr\u00e4ume der \u00c4lteren aufnehmen und weitertragen? Aber daf\u00fcr ist es notwendig, weiter zu tr\u00e4umen: In unseren Tr\u00e4umen von Gerechtigkeit, von Frieden, von Solidarit\u00e4t liegt die M\u00f6glichkeit, dass unsere jungen Menschen neue Visionen haben und wir gemeinsam die Zukunft aufbauen k\u00f6nnen. Es ist n\u00f6tig, dass auch du bezeugst, dass es m\u00f6glich ist, erneuert aus einer harten Pr\u00fcfung hervorzugehen. Und ich bin sicher, dass die aktuelle Pr\u00fcfung nicht die einzige sein wird, denn in deinem Leben hast du bestimmt schon einige durchgemacht, und du warst in der Lage, sie zu bestehen. Lerne auch aus diesen Erfahrungen, damit du jetzt gut aus der Krise kommst.<br \/>\n\u201eDas Erinnern ist eine echte Aufgabe eines jeden \u00e4lteren Menschen.\u201c<br \/>\nDaher ist das Tr\u00e4umen mit dem Erinnern verkn\u00fcpft. Ich denke daran, wie wertvoll die schmerzhafte Erinnerung an den Krieg ist und wie viel die neuen Generationen daraus \u00fcber den Wert des Friedens lernen k\u00f6nnen. Und du bist es, der das weitervermittelt, du, der du das Leid der Kriege erlebt hast. Das Erinnern ist eine echte Aufgabe eines jeden \u00e4lteren Menschen. Das Erinnern und die Weitergabe der eigenen Erinnerung. Edith Bruck, die die Trag\u00f6die der Shoah \u00fcberlebt hat, sagte einmal, dass \u00bbschon die Erleuchtung eines einzigen Gewissens die M\u00fche und den Schmerz wert ist, die Erinnerung an das, was gewesen ist, wachzuhalten.\u00ab Und sie f\u00e4hrt fort: \u00bbLeben bedeutet f\u00fcr mich Erinnerung\u00ab. Ich denke auch an meine Gro\u00dfeltern und an diejenigen von euch, die auswandern mussten und wissen, wie schwer es ist, seine Heimat zu verlassen, wie es so viele auch heute noch auf der Suche nach einer Zukunft tun. Einige von ihnen befinden sich vielleicht in unserer N\u00e4he und k\u00fcmmern sich um uns. Diese Erinnerung kann dazu beitragen, eine menschlichere, gastlichere Welt zu schaffen. Aber ohne Erinnerung kann man nichts aufbauen; ohne Fundamente kann man kein Haus bauen. Niemals. Und das Fundament des Lebens ist die Erinnerung.<br \/>\n\u201eDas Gebet der alten Menschen kann die Welt sch\u00fctzen und ihr vielleicht entscheidender helfen als die rastlosen Anstrengungen vieler Menschen\u201c<br \/>\nKommen wir schlie\u00dflich zum Gebet. Mein Vorg\u00e4nger, Papst Benedikt, ein heiligm\u00e4\u00dfiger Greis, der weiterhin f\u00fcr die Kirche betet und wirkt, sagte einmal: \u00bbDas Gebet der alten Menschen kann die Welt sch\u00fctzen und ihr vielleicht entscheidender helfen als die rastlosen Anstrengungen vieler Menschen.\u00ab Das hat er 2012, fast am Ende seines Pontifikats gesagt. Das ist sch\u00f6n. Dein Gebet ist ein sehr kostbares Gut: es ist eine Lunge, welche die Kirche und die Welt dringend brauchen (vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 262). Gerade in dieser f\u00fcr die Menschheit so schwierigen Zeit, in der wir alle im selben Boot die st\u00fcrmische See der Pandemie durchqueren, ist euer Gebet f\u00fcr die Welt und f\u00fcr die Kirche nicht vergeblich, sondern f\u00fcr alle ein Zeichen gelassener Zuversicht auf ein gutes Ende.<br \/>\nLiebe Gro\u00dfeltern und \u00e4ltere Menschen, zum Abschluss dieser meiner Botschaft m\u00f6chte ich auch euch auf das Beispiel des seligen \u2013 und bald heiligen \u2013 Charles de Foucauld hinweisen. Er lebte als Einsiedler in Algerien und \u00e4u\u00dferte dort an der Peripherie \u00bbden Wunsch, sich als Bruder eines jeden Menschen empfinden zu k\u00f6nnen\u00ab (Enzyklika Fratelli tutti, 287). Seine Geschichte zeigt, wie es auch in der Einsamkeit der eigenen W\u00fcste m\u00f6glich ist, f\u00fcr die Armen der ganzen Welt f\u00fcrbittend einzutreten und wirklich allen zum Bruder und zur Schwester zu werden.<br \/>\nIch bitte den Herrn, dass, auch dank seines Beispiels, jeder von uns das eigene Herz weitet und empf\u00e4nglich macht f\u00fcr die Leiden der Geringsten und f\u00e4hig, im Gebet f\u00fcr sie einzutreten. M\u00f6ge jeder von uns lernen, allen, und besonders den J\u00fcngsten, jene Worte des Trostes zu wiederholen, die wir heute auf uns bezogen haben: \u201eIch bin alle Tage bei dir\u201c. Vorw\u00e4rts, nur Mut! Der Herr segne euch.<\/p>\n<p>Rom, St. Johannes im Lateran, am 31. Mai 2021, Fest Mari\u00e4 Heimsuchung<br \/>\nFRANZISKUS<\/p>\n<p>(Quelle: <a href=\"https:\/\/www.vaticannews.va\/de\/papst\/news\/2021-06\/papst-franziskus-botschaft-grosseltern-wortlaut-welttag.html\">www.vaticannews.va\/de<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Gro\u00dfeltern, liebe \u00e4ltere Menschen, \u201eIch bin alle Tage mit euch\u201c (vgl. Mt 28,20b). So lautet die Verhei\u00dfung, die der Herrn seinen J\u00fcngern gab, bevor er in den Himmel auffuhr. 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