{"id":66109,"date":"2024-07-25T15:06:41","date_gmt":"2024-07-25T12:06:41","guid":{"rendered":"https:\/\/gerhardus.ro\/?p=66109"},"modified":"2024-07-25T15:06:41","modified_gmt":"2024-07-25T12:06:41","slug":"botschaft-des-heiligen-vaters-zum-4-welttag-der-grosseltern-und-aelteren-menschen-28-juli-2024","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gerhardus.ro\/de\/botschaft-des-heiligen-vaters-zum-4-welttag-der-grosseltern-und-aelteren-menschen-28-juli-2024\/","title":{"rendered":"Botschaft des Heiligen Vaters zum 4. Welttag der Gro\u00dfeltern und \u00e4lteren Menschen &#8211; 28. Juli 2024"},"content":{"rendered":"<p><i>Liebe Br\u00fcder und Schwestern!<\/i><\/p>\n<p>Gott l\u00e4sst seine Kinder nicht im Stich, niemals. Auch dann nicht, wenn das Alter fortschreitet und die Kraft nachl\u00e4sst, wenn das Haar wei\u00dfer wird und die soziale Stellung abnimmt, wenn das Leben weniger produktiv wird und droht, als nutzlos zu erscheinen. Er achtet nicht auf \u00c4u\u00dferlichkeiten (vgl.\u00a0<i>1 Sam<\/i>\u00a016,7) und scheut sich nicht, diejenigen auszuw\u00e4hlen, die vielen unbedeutend erscheinen. Er wirft keinen Stein weg; im Gegenteil, die \u201e\u00e4ltesten\u201c sind das sichere Fundament, auf das sich die \u201eneuen\u201c Steine st\u00fctzen k\u00f6nnen, um gemeinsam das geistige Haus zu bilden (vgl.\u00a0<i>1 Petr<\/i>\u00a02,5).<\/p>\n<p>Die Heilige Schrift ist in ihrer Gesamtheit eine Erz\u00e4hlung von der treuen Liebe des Herrn, aus der sich eine tr\u00f6stliche Gewissheit ergibt: Gott zeigt uns weiterhin sein Erbarmen, immer, in jeder Lebensphase und in jeder Lage, in der wir uns befinden, auch in unserer Untreue. Die Psalmen sind voll vom Staunen des menschlichen Herzens \u00fcber Gott, der sich trotz unserer D\u00fcrftigkeit um uns k\u00fcmmert (vgl.\u00a0<i>Ps<\/i>\u00a0144,3-4); sie versichern uns, dass Gott jeden von uns bereits im Mutterscho\u00df gewoben hat (vgl.\u00a0<i>Ps<\/i>\u00a0139,13) und dass er uns auch in der Totenwelt nicht im Stich lassen wird (vgl.\u00a0<i>Ps<\/i>\u00a016,10). Deshalb k\u00f6nnen wir gewiss sein, dass er uns auch im Alter nahe sein wird, zumal in der Bibel das \u00c4lterwerden ein Zeichen des Segens ist.<\/p>\n<p>Doch in den Psalmen finden wir auch diese inst\u00e4ndige Bitte an den Herrn: \u00bbVerwirf mich nicht, wenn ich alt bin\u00ab (<i>Ps<\/i>\u00a071,9). Ein starker, sehr harter Ausdruck. Er erinnert an das extreme Leiden Jesu, der am Kreuz schrie: \u00bbMein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?\u00ab (<i>Mt<\/i>\u00a027,46).<\/p>\n<p>In der Bibel finden wir also die Gewissheit, dass Gott uns in jedem Lebensalter nahe ist, und gleichzeitig die Furcht vor dem Verlassenwerden, besonders im Alter und in Zeiten des Leids. Dies ist kein Widerspruch. Wenn wir uns umschauen, k\u00f6nnen wir leicht erkennen, dass solche \u00c4u\u00dferungen eine mehr als offensichtliche Realit\u00e4t widerspiegeln. Nur allzu oft ist die Einsamkeit die bittere Begleiterin im Leben von uns \u00e4lteren Menschen und Gro\u00dfeltern. Als Bischof von Buenos Aires besuchte ich h\u00e4ufig Altenheime und musste feststellen, wie selten diese Menschen Besuch bekamen: Manche hatten ihre Lieben seit vielen Monaten nicht mehr gesehen.<\/p>\n<p>Die Ursachen f\u00fcr diese Einsamkeit sind vielf\u00e4ltig: In vielen L\u00e4ndern, vor allem in den \u00e4rmsten, sind die \u00e4lteren Menschen allein, weil ihre Kinder zum Auswandern gezwungen sind. Oder wenn ich an die vielen Krisengebiete denke: Wie viele \u00e4ltere Menschen bleiben allein zur\u00fcck, weil die M\u00e4nner \u2013 junge und alte \u2013 in den Kampf ziehen m\u00fcssen und die Frauen, vor allem die M\u00fctter mit kleinen Kindern, das Land verlassen, um f\u00fcr die Sicherheit ihrer Kinder zu sorgen. In den vom Krieg verw\u00fcsteten St\u00e4dten und D\u00f6rfern bleiben viele alte und \u00e4ltere Menschen allein zur\u00fcck, als einzige Zeichen des Lebens in Gebieten, in denen Verlassenheit und Tod zu herrschen scheinen. In anderen Teilen der Welt gibt es einen in manchen lokalen Kulturen tiefsitzenden Irrglauben, der Feindseligkeit gegen\u00fcber \u00e4lteren Menschen hervorruft. Sie werden verd\u00e4chtigt, sich der Hexerei zu bedienen, um den jungen Menschen ihre Lebenskraft zu entziehen, so dass im Falle eines vorzeitigen Todes, einer Krankheit oder eines widrigen Schicksals, das einem jungen Menschen widerf\u00e4hrt, die Schuld auf irgendeinen alten Menschen geschoben wird. Diese Mentalit\u00e4t muss bek\u00e4mpft und ausgemerzt werden. Sie geh\u00f6rt zu den grundlosen Vorurteilen, von denen uns der christliche Glaube befreit hat, und sch\u00fcrt einen anhaltenden Generationenkonflikt zwischen Jung und Alt.<\/p>\n<p>Wenn wir genauer dar\u00fcber nachdenken, ist dieser Vorwurf an die Alten, sie w\u00fcrden \u201eder Jugend die Zukunft stehlen\u201c, heute \u00fcberall zu h\u00f6ren. Auch in den modernsten und fortschrittlichsten Gesellschaften findet er sich in anderer Form wieder. So ist es zum Beispiel eine weit verbreitete \u00dcberzeugung, dass die \u00c4lteren den Jungen die Kosten f\u00fcr ihre Pflege aufb\u00fcrden und auf diese Weise Ressourcen von der Entwicklung des Landes und damit von den Jungen abziehen. Dies ist eine verzerrte Wahrnehmung der Realit\u00e4t. Es ist, als w\u00fcrde das \u00dcberleben der \u00c4lteren das der Jungen gef\u00e4hrden. So als ob man, um die Jungen zu f\u00f6rdern, die \u00c4lteren vernachl\u00e4ssigen oder sogar beseitigen m\u00fcsste. Die Entgegensetzung der Generationen ist eine Irref\u00fchrung und eine vergiftete Frucht der Kultur der Konfrontation. Die Jungen gegen die Alten auszuspielen ist eine inakzeptable Manipulation: \u00bbDie Einheit der Lebensabschnitte steht auf dem Spiel, also der wahre Bezugspunkt f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis und die Wertsch\u00e4tzung des menschlichen Lebens insgesamt\u00ab (<i><a href=\"https:\/\/www.vatican.va\/content\/francesco\/de\/audiences\/2022\/documents\/20220223-udienza-generale.html\">Katechese<\/a><\/i>\u00a0am 23. Februar 2022).<\/p>\n<p>Der oben zitierte Psalm \u2013 wo einer fleht, im Alter nicht verlassen zu werden \u2013 spricht von einer Verschw\u00f6rung in Bezug auf das Leben der \u00e4lteren Menschen. Das scheinen \u00fcbertriebene Worte zu sein, aber man versteht sie, wenn man bedenkt, dass die Einsamkeit und die Ausrangierung \u00e4lterer Menschen weder zuf\u00e4llig noch unausweichlich sind, sondern das Ergebnis von Entscheidungen \u2013 politischer, wirtschaftlicher, sozialer und pers\u00f6nlicher Art \u2013 , die die\u00a0<i>unendliche W\u00fcrde<\/i>\u00a0eines jeden Menschen \u00bbunabh\u00e4ngig von allen Umst\u00e4nden und in welchem Zustand oder in welcher Situation sie sich auch immer befinden mag\u00ab (Erkl\u00e4rung\u00a0<i><a href=\"https:\/\/www.vatican.va\/roman_curia\/congregations\/cfaith\/documents\/rc_ddf_doc_20240402_dignitas-infinita_ge.html\">Dignitas infinita<\/a><\/i>, 1), nicht anerkennen. Das geschieht, wenn die Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr jeden Menschen verloren geht und Menschen nur noch als Kostenfaktor betrachtet werden, der in manchen F\u00e4llen zu hoch ist, um ihn zu bezahlen. Noch schlimmer ist, dass die \u00e4lteren Menschen oft selbst dieser Mentalit\u00e4t verfallen und sich nur noch als Last empfinden, und am liebsten selber verschwinden m\u00f6chten.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite gibt es heute viele Frauen und M\u00e4nner, die versuchen, sich in einem m\u00f6glichst autonomen und von anderen unabh\u00e4ngigen Leben selbst zu verwirklichen. Gemeinsame Zugeh\u00f6rigkeiten stecken in der Krise und die Individualit\u00e4t setzt sich durch; die Verschiebung vom \u201eWir\u201c zum \u201eIch\u201c scheint eines der deutlichsten Zeichen unserer Zeit zu sein. Die Familie, die als erste und am radikalsten die Vorstellung in Frage stellt, dass wir uns selbst retten k\u00f6nnen, ist eines der Opfer dieser individualistischen Kultur. Doch wenn man \u00e4lter wird und die Kr\u00e4fte nachlassen, entpuppt sich das Trugbild des Individualismus, die Illusion, niemanden zu brauchen und ohne Bindungen leben zu k\u00f6nnen, als das, was es ist; man stellt fest, dass man alles braucht, aber jetzt allein ist, ohne Hilfe, ohne jemanden, auf den man sich verlassen kann. Das ist eine traurige Entdeckung, die viele erst machen, wenn es zu sp\u00e4t ist.<\/p>\n<p>Einsamkeit und Ausgrenzung geh\u00f6ren mittlerweile zu den gel\u00e4ufigen Ph\u00e4nomenen in unserer Lebenswelt. Ihre Ursachen sind vielf\u00e4ltig: In einigen F\u00e4llen sind sie das Ergebnis eines geplanten Ausschlusses, einer Art trauriger \u201esozialer Verschw\u00f6rung\u201c; in anderen F\u00e4llen handelt es sich leider um die eigene Entscheidung. Wieder andere Male werden sie in Kauf genommen, indem man so tut, als sei es eine autonome Entscheidung. Mehr und mehr haben wir \u00bbden Geschmack an der Geschwisterlichkeit verloren\u00ab (Enzyklika\u00a0<i><a href=\"https:\/\/www.vatican.va\/content\/francesco\/de\/encyclicals\/documents\/papa-francesco_20201003_enciclica-fratelli-tutti.html\">Fratelli tutti<\/a><\/i>, 33) und es f\u00e4llt uns schwer, uns \u00fcberhaupt etwas anderes vorzustellen.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen bei vielen \u00e4lteren Menschen jenes Gef\u00fchl der Resignation beobachten, von dem das Buch Rut spricht, wenn es von der alten Noemi erz\u00e4hlt, die nach dem Tod ihres Mannes und ihrer Kinder ihre beiden Schwiegert\u00f6chter Orpa und Rut ermuntert, in ihr Herkunftsland und ihre Heimat zur\u00fcckzukehren (vgl.\u00a0<i>Rut<\/i>\u00a01,8). Noemi hat \u2013 wie viele \u00e4ltere Menschen heute \u2013 Angst davor, allein zu bleiben, doch sie kann sich nichts anderes vorstellen. Als Witwe ist sie sich bewusst, dass sie in den Augen der Gesellschaft wenig wert ist und sie ist \u00fcberzeugt, dass sie den beiden jungen Frauen, die im Gegensatz zu ihr ihr ganzes Leben noch vor sich haben, zur Last f\u00e4llt. Deshalb h\u00e4lt sie es f\u00fcr besser, zur Seite zu treten, und sie selbst fordert ihre jungen Schwiegert\u00f6chter auf, sie zu verlassen und sich woanders eine Zukunft aufzubauen (vgl.\u00a0<i>Rut<\/i>\u00a01,11-13). Ihre Worte sind eine Zusammenfassung gesellschaftlicher und religi\u00f6ser Konventionen, die unver\u00e4nderlich zu sein scheinen und die ihr Schicksal pr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Die biblische Erz\u00e4hlung stellt uns an dieser Stelle zwei verschiedene Optionen in Bezug auf die Einladung von Noemi und damit in Bezug auf das Alter vor. Eine der beiden Schwiegert\u00f6chter, Orpa, die Noemi ebenfalls gernhat, k\u00fcsst sie liebevoll, akzeptiert aber das, was auch ihr als die einzig m\u00f6gliche L\u00f6sung erscheint, und geht ihres Weges. Rut hingegen trennt sich nicht von Noemi und sagt \u00fcberraschende Worte zu ihr: \u00bbDr\u00e4nge mich nicht, dich zu verlassen\u00ab (<i>Rut<\/i>\u00a01,16). Sie scheut sich nicht, die Sitten und das allgemeine Empfinden infrage zu stellen, sie sp\u00fcrt, dass die alte Frau sie braucht, und bleibt mutig an ihrer Seite auf dem neuen Weg, der f\u00fcr sie beide beginnt. Uns allen, die wir an die Vorstellung gew\u00f6hnt sind, dass Einsamkeit ein unausweichliches Schicksal ist, lehrt Rut, dass man auf die Aufforderung \u201eVerlass mich nicht!\u201c mit \u201eIch werde dich nicht verlassen!\u201c antworten kann. Sie z\u00f6gert nicht, etwas scheinbar Unab\u00e4nderliches zu \u00e4ndern: Allein zu leben kann nicht die einzige Alternative sein! Es ist kein Zufall, dass Rut \u2013 diejenige, die der alten Noemi nahe bleibt \u2013 eine Vorfahrin des Messias ist (vgl.\u00a0<i>Mt<\/i>\u00a01,5), von Jesus, dem Emmanuel, dem \u201eGott mit uns\u201c, der Gottes N\u00e4he und Gegenwart allen \u2013 egal in welchen Umst\u00e4nden und in welchem Alter \u2013 zu Teil werden l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Die Freiheit und der Mut von Rut laden uns ein, einen neuen Weg zu gehen: Treten wir in ihre Fu\u00dfstapfen, machen wir uns mit dieser jungen Ausl\u00e4nderin und der alten Noemi auf den Weg, haben wir keine Angst, unsere Gewohnheiten zu \u00e4ndern und uns eine andere Zukunft f\u00fcr unsere \u00e4lteren Menschen vorzustellen. Unser Dank gilt all den Menschen, die trotz vieler Opfer dem Beispiel von Rut gefolgt sind und sich um einen \u00e4lteren Menschen k\u00fcmmern oder einfach t\u00e4glich Verwandten oder Bekannten, die niemanden mehr haben, ihre N\u00e4he zeigen. Rut hat sich daf\u00fcr entschieden, bei Noemi zu bleiben und Segen wurde ihr zuteil: eine gl\u00fcckliche Ehe, Nachkommen, Land. Das gilt immer und f\u00fcr alle: Wenn wir \u00e4lteren Menschen beistehen und die unverzichtbare Rolle anerkennen, die ihnen in der Familie, in der Gesellschaft und in der Kirche zukommt, werden auch wir viele Geschenke, viele Gnaden und reichen Segen empfangen!<\/p>\n<p>Lasst uns an diesem vierten Welttag, der den Gro\u00dfeltern und den \u00e4lteren Menschen in unseren Familien gewidmet ist, nicht vers\u00e4umen, ihnen unsere Liebe zu zeigen, lasst uns die besuchen, die entmutigt sind und nicht mehr hoffen, dass eine andere Zukunft m\u00f6glich ist. Entgegnen wir der egoistischen Haltung, die zu Ausgrenzung und Einsamkeit f\u00fchrt, mit dem offenen Herzen und dem fr\u00f6hlichen Gesicht derer, die den Mut haben zu sagen: \u201eIch verlasse dich nicht!\u201c und einen neuen Weg einschlagen.<\/p>\n<p>Ich segne euch alle, liebe Gro\u00dfeltern und \u00e4ltere Menschen, und all jene, die euch nahestehen, und bete f\u00fcr euch. Vergesst bitte auch ihr nicht, f\u00fcr mich zu beten.<\/p>\n<p><i>Rom, Sankt Johannes im Lateran, am 25. April 2024.<\/i><\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.vatican.va\/content\/francesco\/de\/messages\/nonni\/documents\/20240425-messaggio-nonni-anziani.html\">www.vatican.va<\/a><\/p>\n<p>Foto:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.vaticannews.va\/en\/pope\/news\/2022-04\/pope-francis-catechesis-elderly-love-honor-old-age.html\">www.vaticannews.va\/en<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Br\u00fcder und Schwestern! Gott l\u00e4sst seine Kinder nicht im Stich, niemals. 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