{"id":71511,"date":"2025-01-28T20:11:58","date_gmt":"2025-01-28T18:11:58","guid":{"rendered":"https:\/\/gerhardus.ro\/?p=71511"},"modified":"2025-01-28T20:11:58","modified_gmt":"2025-01-28T18:11:58","slug":"predigt-seiner-exzellenz-josef-csaba-pal-bischof-von-temeswar-bei-der-heiligen-messe-zum-gedenken-an-die-deutschen-aus-rumaenien-die-1945-zwangshaft-in-die-udssr-deportiert-wurden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gerhardus.ro\/de\/predigt-seiner-exzellenz-josef-csaba-pal-bischof-von-temeswar-bei-der-heiligen-messe-zum-gedenken-an-die-deutschen-aus-rumaenien-die-1945-zwangshaft-in-die-udssr-deportiert-wurden\/","title":{"rendered":"Predigt Seiner Exzellenz Josef Csaba P\u00e1l, Bischof von Temeswar,  bei der Heiligen Messe zum Gedenken an die Deutschen aus Rum\u00e4nien,  die 1945 zwangshaft in die UdSSR deportiert wurden"},"content":{"rendered":"<p>Liebe Schwestern und Br\u00fcder, liebe ehemalige Russlanddeportierten!<\/p>\n<p>Wir haben soeben das Evangelium geh\u00f6rt, welches dar\u00fcber spricht, was Jesus hier auf der Erde getan hat und tut. H\u00f6ren wir einen Teil davon noch einmal: <strong>\u201eDer Geist des Herrn ruht auf mir; \/ denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt,\/ damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verk\u00fcnde \/ und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe<\/strong><strong>.\u201c (Lk 4, 18-19)<\/strong><br \/>\nBleiben wir hier stehen. Wir gedenken unserer ehemaligen Deportierten, die nach Russland verschleppt wurden nur darum, weil sie Deutsche waren. Sie haben dort grausame Qualen, ja sogar Folter erdulden m\u00fcssen, viele sind dann auch gestorben. Das Leid ist ein Geheimnis. Kaum k\u00f6nnen wir es in seiner Tiefe verstehen.<br \/>\nH\u00f6ren wir jetzt das Zeugnis eines Menschen, der 10 Jahre lang in Russland verschleppt war und im Jahre 2017, im Alter von 100 Jahren, gestorben ist. Es ist die Rede \u00fcber den Benediktiner Ordensmann P. Dr. Placidus Olofsson OSB (1916-2017). Er beschreibt wie der Glaube ihm und seinen Mitgefangenen in jenen grausamen Situationen geholfen hat. Sie haben mit den anderen Deportierten vier Regeln ausgearbeitet, die vielen von ihnen geholfen haben. Ich beschreibe sie hier, denn es ist m\u00f6glich, dass sie auch uns heute helfen k\u00f6nnen. Ich zitiere ihn mit wenigen Ausz\u00fcgen aus einem Interview mit ihm, kurz vor seinem Tod:<br \/>\nDie erste Regel: <em>Das Leid d\u00fcrfen wir nicht allzu ernst nehmen.<\/em> Das w\u00fcrde uns nur schw\u00e4cher machen, wobei ich ja, um das Leid zu ertragen, all meine Energie brauche, sagte er. Somit haben wir nicht erlaubt, dass jemand beginnt sich zu beklagen. Wenn jemand damit begonnen hat, dann haben wir ihn nach einem halben Satz unterbrochen und wir haben ihn gebeten, dass er \u00fcber seinen Beruf reden m\u00f6ge, uns seine Fachkenntnisse mitteile. In diesen zehn Jahren habe ich so unz\u00e4hlige Berufe erlernt&#8230; Das war aber ein Begriff: wir d\u00fcrfen uns nicht beklagen! Also, die erste Regel: wir sollen das Leid nicht allzu ernst nehmen und uns nicht beklagen. Das ist auch heutzutage keine schlechte Regel, denn es gef\u00e4llt uns ja auch, uns zu beklagen. Wenn jemand zum Beispiel einen Mercedes besitzt und das Benzin ein bisschen teurer geworden ist, dann beklagt sich dieser Mensch vom Morgen bis zum Abend eben dar\u00fcber, dass das Benzin teurer geworden ist.<br \/>\nPater Placidus beschreibt auch die zweite Regel: <em>Wir sollen die kleinen Freuden des Lebens suchen<\/em>, denn es gibt viel Freude, aber wir bemerken sie oft nicht. Es war nicht leicht unter jenen entsetzlichen Umst\u00e4nden zu erlernen, dass es sogar auch dann noch im Leben kleine Freuden gibt. Wir sollten diese entdecken und uns freuen, denn das ist die Kunst des Lebens, erz\u00e4hlte Pater Placidus. Damals fanden die olympischen Spiele von Helsinki (Sommer 1952) statt. Auch wir haben Olympia gespielt und wir haben es so gemacht: 6 oder 8 Personen unter uns machten Wettbewerb, wer w\u00e4hrend des Tages mehrere kleine Freuden findet. Der wird Sieger werden. Diese Sieger bildeten dann eine zweite Gruppe, in der wir dann den Olympiasieger fanden. Einmal hatten wir einen Sieger, der 17 Freuden an einem Tag gefunden hatte. Und er schilderte am Ende: <em>Br\u00fcder, ich hatte keine Zeit zum Leiden, denn ich sollte die kleinen Freuden suchen und sie im Ged\u00e4chtnis immer wieder wiederholen, damit ich sie am Abend auch aufz\u00e4hlen kann<\/em>.<br \/>\nDie dritte Regel, laut Pater Placidus: <em>Wenn ich mich damit nicht abfinden will, dass ich vor dem Menschen mit der Pistole nur eine Ameise bin, dann muss ich meine ganzen Kr\u00e4fte sammeln, um zu zeigen, zu beweisen, dass ich menschlicher, besser, edler bin als der Bewaffnete<\/em>. Das mobilisierte unsere Energie, sagte Pater Placidus und erz\u00e4hlte auch ein Beispiel: Irgendwann erhielten wir ein Papier zum unterschreiben, dass wir in 6 Tagen zur\u00fcck in die Heimat gelassen werden. Das bedeutete, dass wir in diesen letzten 6 Tagen nicht mehr arbeiten mussten. W\u00e4hrend wir aber noch mit dem Unterschreiben besch\u00e4ftigt waren, kam der Fabrikdirektor b\u00f6se schreiend zu uns, dass er keine Pr\u00e4mie mehr bekommen wird, weil wir den Plan in diesen Tagen nicht erf\u00fcllen werden. Jetzt bot sich uns die Gelegenheit an, zu zeigen, wer wir sind, unsere Menschlichkeit zu beweisen. Wir haben entschieden, dass eine Gruppe unter uns, obwohl wir nicht dazu verpflichtet waren, diese Arbeit in den n\u00e4chsten 6 Tagen erf\u00fcllt, damit der Direktor seine Pr\u00e4mie bekommt. Es ist eine Kleinigkeit, aber das hat uns sehr viel geholfen in unserem Selbstbewusstsein. Dem Menschen, der uns 10 Jahre lang gedem\u00fctigt hatte, konnten wir nun zeigen, dass wir <em>Menschen<\/em> sind, dass wir anders sind als er.<br \/>\nDie vierte Regel: <em>Wer sich in irgendetwas verankern kann, der vermag das Leid leichter zu ertragen. <\/em>Wir, gl\u00e4ubige Menschen, hatten jemanden, an wen wir uns klammern konnten: an den lieben Gott. Deswegen war es f\u00fcr uns leichter, alles zu ertragen. Wir haben noch hinzugef\u00fcgt, dass Er ja allm\u00e4chtig ist und Er will, dass wir das alles \u00fcberleben. Das war etwas Gro\u00dfartiges!<br \/>\nBisher das Zeugnis von Pater Placidus&#8230;<br \/>\nDie vier \u00dcberlebensregeln sind aber &#8211; denke ich, liebe Schwestern und Br\u00fcder, &#8211; auch f\u00fcr uns g\u00fcltig: das Leid sollen wir nicht zu ernst nehmen; die kleinen Freuden des Lebens sollen wir erkennen und feiern; wir d\u00fcrfen nicht behaupten \u201eich bin der beste Mensch auf Erden\u201c, denn der andere kann auch ein besonderer Mensch sein, aber unter schwierigen Umst\u00e4nden muss ich edler sein, als mein Umfeld; und schlie\u00dflich: ich soll mir dessen bewusst sein, dass auch der liebe Gott will, dass ich meine jetzige Schwierigkeiten und Leiden \u00fcberwinde, &#8211; wenn ich mich in Ihm verankere, schaffe ich das leichter.<br \/>\nHeute beten wir f\u00fcr unsere lieben Deportierten, die schon zum lieben Gott heimgegangen sind, aber auch f\u00fcr diejenigen, die noch am Leben sind, dass sowohl die einen, als auch die anderen die N\u00e4he und G\u00fcte Gottes erfahren. Was wir von ihnen lernen k\u00f6nnen, dass soll uns in unserem Leben Wegweiser sein. <em>Amen<\/em>.<\/p>\n<p>Domkirche zum Hl. Georg,<br \/>\nr\u00f6misch-katholische Kathedrale von Temeswar,<br \/>\nSonntag, 26. Januar 2025, 10.00 Uhr,<br \/>\nHl. Messe in deutscher Sprache<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Schwestern und Br\u00fcder, liebe ehemalige Russlanddeportierten! Wir haben soeben das Evangelium geh\u00f6rt, welches dar\u00fcber spricht, was Jesus hier auf der Erde getan hat und tut. H\u00f6ren wir einen Teil davon noch einmal: \u201eDer Geist des Herrn ruht auf mir; \/ denn der Herr hat mich gesalbt. 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