Liebe Brüder und Schwestern in Christus!
Die Auferstehung Christi ist mehr als ein schönes Fest
Ostern ist das größte Fest der Christenheit. Aber Ostern ist nicht nur ein Fest. Es ist viel mehr als dies. So wie der Apostel Paulus es sagt: „Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer, leer auch euer Glaube.“ (1 Kor 15,14) Unser ganzes Leben ist darauf aufgebaut.
- Liebe Brüder und Schwestern, wir haben eine große Gnade: wir können unser Leben mit dem lebendigen, auferstandenen Jesus leben. Zu Beginn der Fastenzeit erzählte uns eine sechsfache Mutter, die sich vor einigen Jahren bekehrt hat, dass sie jetzt an Krebs erkrankt ist, aber entdeckt hat, dass es etwas ganz anderes ist, mit Jesus zu leiden. Vor ihrer Bekehrung erschien ihr das Leiden wie ein tiefer, hoffnungsloser, sinnloser Abgrund. Jetzt fühlt sie sich irgendwie gestützt und von Gottes Händen getragen. Das ist etwas ganz anderes.
Jedes Jahr feiern wir das österliche Triduum: den Tod und die Auferstehung Jesu Christi.
Wir verwenden oft konkrete Geschichten, um abstrakte Wahrheiten hervorzuheben, um sie leichter in ein Bild fassen und verstehen zu können. Hier ist keine andere Geschichte nötig… Die Auferstehung Jesu ist die Geschichte selbst. Er wurde gekreuzigt, starb und wurde begraben… und am dritten Tage ist Er auferstanden. Jesus lebt. Der Rest der Geschichte ist eigentlich unsere Lebensgeschichte mit ihm, von den Aposteln und Christen der ersten Jahrhunderte bis zum heutigen Tag. Heute sind wir an der Reihe, es geht um unsere Lebensgeschichte mit Ihm. Die Tatsache, dass Er unter uns lebt, macht unser christliches Leben sinnvoll und aufregend zugleich. Kürzlich schrieb ich einem Jungen ein paar Zeilen zu seinem Geburtstag. Er hat mir Folgendes geantwortet: „Ich habe Jesus in mein Leben aufgenommen und möchte, dass mein Leben Gott gefällt.“
Wenn jemand Ihn in sein Leben aufnimmt, so wird sein Herz erhellt, weil er jenem Licht, jener Wirklichkeit begegnet ist, die sein Leben erfüllt. Es kann ein langer Weg bis dahin sein. Auch die Apostel haben nicht sofort verstanden, obwohl sie bereits einige Zeichen der Auferstehung Christi gesehen hatten.
- Liebe Brüder und Schwestern! Christus ist auferstanden, der Karfreitag ist vorbei… aber für viele ist es immer noch Karfreitag. Millionen von Menschen leiden unter Kriegen, Verfolgung, Spaltung, Krankheit. Der auferstandene Jesus will bei ihnen sein. Er ruft seine Kirche, er ruft uns, bei ihnen zu sein, damit sie durch uns seine Nähe spüren können. Er ist da, wo Menschen leiden…
Der Auferstandene erleidet noch einen Karfreitag in jedem leidenden Menschen. Er lädt auch uns ein: Willst du mit mir kommen, willst du mir folgen? Das bedeutet zweierlei: Zum einen lebe ich die Tiefe des Evangeliums, ich richte mein Leben nach dem Evangelium aus, und zum anderen verstehe ich zutiefst jene, die leiden, ich bin ihnen nahe, denen, die leiden, weil sie vielleicht Jesus verlassen haben und ihr Leiden hoffnungslos ist. Jesus, der für uns die Qual des Karfreitags erlitten hat, will bei denen sein, die heute leiden. Dort wartet Er auf uns. Wenn wir den Auferstandenen nicht aus unserem Leben verlieren wollen, müssen wir ihn dort suchen, wo Menschen leiden, wo er das Leid der Menschen lindern will, wo nur seine Nähe dem Leid einen Sinn geben kann. So wird der Ort des Leidens zum Ort der Begegnung mit Jesus. Paradoxerweise erwartet Er uns in seiner Liebe gerade dort, wo Er am verlassensten ist. Wird das unsere Kirchen füllen? Das kommt auf den Ort an. Aber nicht darum geht es in erster Linie, ob und wie wir die Kirche füllen. Vor allem geht es darum: Bin ich Ihm, dem Gekreuzigten, und seinen Absichten treu? Wenn wir mit Ihm im Garten Seiner Verlassenheit sind, dann werden der Ölberg und der Kalvarienberg zu einem himmlischen Garten, zum Garten des Ostermorgens, zum Ort der Auferstehung… Er wird durch die verschlossenen Türen der Verzweiflung eintreten, Er wird unter uns sein und auch zu uns sagen: „Friede sei mit euch“ und Er wird bei uns sein (wie Klaus Hemmerle es so schön beschreibt – cf. Msgr. Klaus Hemmerle, Grundstrukturen der Kirche von morgen, 10.03.1984).
Mit diesen Gedanken wünsche ich allen meinen Brüdern und Schwestern, dass sie die Gegenwart und Nähe des Auferstandenen in jeder Situation ihres Lebens entdecken mögen!
Temeswar, am Ostersonntag des Herrenjahres 2024
† Josef,
Bischof von Temeswar







