Als junge Erwachsene hatten meine Eltern Christine und Josef einen Traum. Einen Traum von einem besseren Leben in Deutschland. In einem Land, in dem sich Träume erfüllen, man frei ist, man unabhängig und einfach glücklich sein kann.
Und meine Eltern hatten sich, wie so viele andere der Banater Schwaben, diesen Traum erfüllt. Sie sind in Deutschland angekommen, haben sich eine Existenz aufgebaut, haben sich ihre Wünsche erfüllt und ihren Glauben niemals aufgegeben. Auch wenn das Herz die Heimat niemals vergessen hat. Allen voran der Menschen, die die Heimat zur Heimat gemacht haben.
Meine Mutter zum Beispiel hat nicht immer Positives mit Rumänien verbunden. Für sie war die Zeit geprägt vom Kommunismus und dessen Auswirkungen auf ihr Leben und ihre Zukunft. Angekommen in Deutschland, wollte sie dieses Kapitel einfach abschließen.
Aber dann kam doch alles anders. Denn dann kam ich mit einem Traum.
Schon als kleines Mädchen träumte ich davon Ärztin zu werden. Ich wollte Menschen helfen, Krankheiten heilen, etwas Gutes tun und einen Sinn finden, wie ich meine begrenzte Zeit auf dieser Welt am besten nutzen kann.
Der Weg dahin in Deutschland war jedoch mehr als beschwerlich. Numerus-Clausus-Regelungen versperrten mir den Weg dahin. Mein kleines, verträumtes, damaliges Ich verstand nicht so ganz die Ausmaße, dass wirklich jede Kommastelle des Abiturdurchschnittes essenziell war. Der Traum Ärztin zu werden wurde nie vergessen. Nach dem Abitur entschied ich mich deshalb dafür, das Studium «Pflege Dual» bei der „Berufsfachschule für Pflege Maria Regina der Barmherzigen Schwestern“ in München zu starten. Der Wunsch, Menschen zu helfen, war nach wie vor mehr als präsent. Drei Jahre verbrachte ich in der Pflege und schloss diese Jahre auch mit der Berufsbezeichnung „Gesundheits- und Krankenpflegerin“ ab. Ich begleitete kranke Menschen in unterschiedlichen Abschnitten ihres Lebensweges und lernte so viel über Menschen, Medizin, aber auch wichtige Werte des Lebens. Ich liebte die Arbeit mit den Patienten. Aber es fehlte immer etwas. Ich wollte mich nicht nur kümmern, ich wollte Menschen heilen, ihnen neue Hoffnung geben. Wollte mehr Verantwortung übernehmen und viel mehr über den Körper, Krankheiten und Behandlungen lernen. Ich wollte mehr, fand nicht die gewünschte Erfüllung.
Mein Traum Ärztin zu werden, wurde immer stärker. Und nach so vielen Rückschlägen und Ablehnungsbescheiden, gab es für mich nur noch einen Weg. Zurück in das Land, in dem meine Eltern geboren wurden, um sich dort für den internationalen, englischsprachigen Studiengang zu bewerben. Die Reaktion meiner Eltern auf diese Idee hätte nicht zwiegespaltener sein können. Mein Vater war sofort Feuer und Flamme und begeistert von der Idee. Meine Mutter fand das Ganze hingegen furchtbar. Wie sollte sie ihr Kind in ein Land gehen lassen, aus dem sie selbst geflüchtet ist? Sie hatte doch jedes Risiko auf sich genommen, um ihren Kindern in Deutschland eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Und auch wenn sich alles in ihr gegen mein Vorhaben sträubte, unterstützte sie mich in allem.
Und so ging es für mich im September 2018 nach Cluj (Klausenburg). Wie unglaublich naiv ich doch war. Ich kannte keinen Menschen dort und sprach nicht mal die Sprache. Aber ich wollte unbedingt Ärztin werden.
Die ersten Jahre waren hart. Die Prüfungen und das Lernpensum forderten mich, man lernte seine Kommilitonen kennen, wusste nicht auf wen man sich verlassen konnte. Plötzlich war ich auf mich allein gestellt, war nicht mehr das behütete Mädchen, das im Haus ihrer Eltern lebte. Was macht man wenn der Boiler ausfällt, man kein warmes Wasser oder eine funktionierende Heizung hat? Oder wenn für einige Stunden der Strom ausfällt, man deshalb mitten in der Nacht nicht ins Haus hineinkommt, weil das elektrische Schließsystem dann natürlich auch nicht funktioniert? Irgendwie fand sich immer eine Lösung, auch wenn ich dafür meinen Vater 1200km entfernt anrufen musste.
Am meisten belastete mich jedoch das Heimweh. Meine Freunde, meine Familie waren alle in der Nähe von München. Jede verpasste Familienfeier oder Geburtstag hinterließ eine kleine Narbe in meinem Herzen.
Und ein kleiner Teil in mir fragte sich damals stetig: Ist es das Ganze wirklich wert?
Heute kann ich wirklich voller Stolz sagen: Das war es in jedem Fall. Heute bin ich Ärztin und komme nach Deutschland zurück.
Sechs Jahre später gewann ich eine zweite Heimat. Ich lernte die Menschen in Rumänien zu lieben, deren Herzlichkeit, deren Freundlichkeit, Offenheit und Hilfsbereitschaft. Und aus anfänglichen Kommilitonen, die aus aller Welt nach Cluj kamen, wurde eine Ersatzfamilie. Denn wir saßen alle im selben Boot, fernab von unseren Familien. Das verbindet. Ich entdeckte die Schönheit des Landes. Verbesserte nicht nur mein Englisch deutlich, sondern spreche mittlerweile auch fließend Rumänisch. Ich lernte nicht nur wahnsinnig viel über Medizin, sondern auch was das Leben wirklich lebenswert macht.
Für mich ist Cluj ein Ort, an dem Träume in Erfüllung gehen. Und die Stadt und die Menschen dort werden immer einen besonderen Platz in meinem Herzen behalten.
Wenn ich eines gelernt habe, dann dass man niemals seine Träume aufgeben sollte. Denn jeder Traum kann seine Heimat finden.
Nur wer mutig ist und sich vielleicht auf den beschwerlicheren Weg wagt, findet Erfüllung.
Aber wie könnte ich auch anders denken? Meine Eltern haben es mir genauso vorgelebt und sind bis heute meine größten Vorbilder.
Ich danke euch von Herzen, Mama und Papa. Ohne euch hätte ich das alles niemals geschafft.

Mein Name ist Claudia Kappes, geboren in Fürstenfeldbruck, mit Wurzeln im Banat, da meine Eltern beide aus Sanktanna stammen. Im Juli diesen Jahres habe ich erfolgreich mein Studium der Humanmedizin in Cluj-Napoca abgeschlossen. Derzeit warte ich auf mein finales Diplom, um in wenigen Monaten meine Facharztausbildung in der Gynäkologie und Geburtshilfe beginnen zu können. Und so ist der nächste Traum ein neues Ziel, das ich anstrebe.
Claudia Kappes, 15. Oktober 2024