Am Morgen betrete ich durch das Tor den Hof meiner Arbeitsstelle. Wie jeden Tag, nichts Ungewöhnliches. Am Eingang reicht mir der Kurier unserer Institution einen weißen Briefumschlag im Format DIN A4, auf dem als Empfänger mein Name steht. Ich schaue im nächsten Augenblick auf den Absender… Der Brief kommt aus Pécs/ Fünfkirchen in Ungarn, von Br. Koncz Asztrik OH… Neugier und Freude vermischen sich miteinander. Das Kürzel OH bezeichnet einen Mönchsorden: Ordo Hospitalis Sancti Ioannis de Deo, also den Orden der Barmherzigen Brüder.
Br. Asztrik gehört diesem Orden an, der mehr als 200 Jahre lang auch in Temeswar auf dem Gebiet der Medizin mit beachtlichen Ergebnissen gewirkt hat – bis das kommunistische Regime beschloss, dass es damit vorbei sein müsse… dass der Orden von der Landkarte Temeswars getilgt und aus der Stadt vertrieben werden sollte.
Der Absender des Briefumschlags, Br. Asztrik, ist seit mehreren Jahren ein angenehmer Briefpartner und hat uns vor etwa einem Jahr auch besucht. Er hat keine familiären Wurzeln in Temeswar oder im Banat, doch sein Großvater ist in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs hier, in Temeswar, verstorben. Ein Grab hat er nicht mehr. Nur an ein, zwei Orten wird noch an diese Menschen erinnert, die in Kriegszeiten unter denkbar schwierigen Umständen ums Leben gekommen sind…
Als Mitglied des Ordens der Barmherzigen Brüder gehört Br. Asztrik zu jener Gemeinschaft von Menschen, die sich um unsere Gesundheit kümmern. Doch, wie sich zeigt, nicht nur um unsere körperliche Gesundheit, sondern auch um unser seelisches Wohlbefinden und um die Freude des Geistes und des Intellekts.
Der Umschlag enthält lediglich eine Zeitschrift. Aber was für eine Zeitschrift! Sie trägt schlicht den Namen „Misericordia“ (Barmherzigkeit) – sie könnte auch gar nicht anders heißen! Herausgegeben wird sie in Wien von der Ordensprovinz der Barmherzigen Brüder Europa Mitte. Und in dieser Ausgabe erfahren wir etwas über ein Herbarium (Pflanzenbuch) und seinen Verfasser…
Im vergangenen Jahr, während seines Besuchs, unterhielt ich mich mit Br. Asztrik über die Klöster des Ordens, über dessen Krankenhäuser, die es einst auch in Temeswar, Großwardein (Oradea) und Sathmar (Satu Mare) gab, über die heutigen Herausforderungen und über… die bedeutenden Persönlichkeiten vergangener Zeiten, deren Andenken es verdient, wieder ins Bewusstsein gerufen und auch heute noch in Erinnerung gehalten zu werden.
Das „Herbarium vivum“ ist ein dreibändiges Werk, ein besonders schön illustriertes Manuskript, das auf seinen Seiten Abbildungen und Belege von 1.216 gepressten und getrockneten Pflanzen vereint. Diese stammen aus Feldsberg (heute Valtice, Tschechische Republik, Südmähren) und der umliegenden Bergregion, aber auch aus anderen Ländern.
Doch … wer ist derjenige, der dieses Herbarium geschaffen hat?
P. Paulus Falck SJ taufte am 15. Januar 1731 in Temeswar, in der alten Jesuitenkirche am heutigen Sankt-Georgs-Platz, das Kind Johann Adam Bock (lat. Boccius), Sohn von Johann Adam Bock, dem obersten Militärarzt des Temescher Banats, und seiner Ehefrau Maria Magdalena. Taufpaten waren Johann Marco Reisenbichel, Einnehmer (Perceptor) der kaiserlichen Militärkasse, und seine Ehefrau Maria Susanna. (Ein weiterer Sohn des Ehepaars Bock, Philipp Anton, wurde am 22. März 1727 ebenfalls in Temeswar geboren)
Die weitere Geschichte berichtet uns, dass Johann Adam Bock senior noch im selben Jahr verstarb, woraufhin seine Frau mit ihrem Sohn und den übrigen Kindern nach Wien übersiedelte. Nach seinem Studium in Prag kam Johann Adam Bock junior mit den Barmherzigen Brüdern in der böhmischen Hauptstadt in Kontakt. Im Jahr 1748 trat er dem Orden bei und nahm den Ordensnamen Norbertus an.
Unter diesem Namen – Frater Norbertus Boccius OH – gelangte er nach Feldsberg, wo er nicht nur lernte, Kranke zu pflegen und ihre Seelen zu trösten, sondern auch Prior des Klosters und ein erfahrener Arzt wurde. Darüber hinaus unterrichtete er Anatomie und Chirurgie an der Ordensschule, deren Leitung er 1778 übernahm. Zwischen 1784-1796 erfüllte er die Rolle des Ordensprovinzials für die Habsburger-Monarchie und ab 1796-1806 war er erneut als Prior in Feldsperg tätig.
Zu all diesen Tätigkeiten gehörten damals auch die Botanik und der Anbau von Heilpflanzen. Von dort war es nur noch ein kleiner Schritt bis zur Entstehung des bereits erwähnten „Herbarium vivum“…
Drei umfangreiche Bände, gefüllt mit gepressten Pflanzen… echte Pflanzen, nicht bloß Zeichnungen oder künstlerische Darstellungen, sondern Kräuter, die sonst längst zu Staub zerfallen wären. Jede einzelne Pflanze ist jedoch so in Szene gesetzt, als würde sie aus einem Gefäß oder einem kunstvoll verzierten Blumentopf sprießen, der auf die Seiten gemalt wurde, auf denen die Pflanzen gepresst sind. Dies verleiht dem Herbarium nicht nur einen besonderen botanischen Wert, sondern auch einen unbestreitbaren künstlerischen Wert. Darüber hinaus gehören seine drei Bände zu den ältesten Werken dieser Art, die im heutigen Tschechien erhalten geblieben sind.
Das Herbarium befindet sich im Archiv des Konvents in Brünn (Brno), Tschechien, und steht unter der Obhut von Bruder Martin Macek OH.
Neben der Geschichte des Priors Norbertus Boccius (Norbert Bock), des Verfassers des Herbariums, entfaltet sich eine weitere Geschichte: diejenige der Illustratoren der drei Bände. Es waren drei Brüder – Josef, Franz und Ferdinand Bauer –, Söhne von Lukas Bauer, dem Hofmaler der fürstlichen Familie Liechtenstein. Diese Familie unterstützte die Tätigkeit der Barmherzigen Brüder in erheblichem Maße und besaß unter anderem Herrschaftsgüter in Eisgrub (Lednice) und Feldsberg (Valtice).
Der Maler Lukas Bauer verstarb relativ jung und hinterließ seine drei Söhne als Waisen. Prior Bock erkannte früh das künstlerische Talent der Brüder und beschäftigte sie mit der Illustration des Herbariums. Darüber hinaus legte er 1770 den Grundstein für ein weiteres Werk mit dem Titel „Liber Regni Vegetabilis“ (Buch der Pflanzenwelt). Die späteren Bände dieses Werkes trugen den Titel „Hortus Botanicus“ (Botanischer Garten).
Zusammen bilden diese botanischen Werke die sogenannte „Codex Liechtenstein“-Sammlung – ein wahrhaft umfangreiches Projekt, dessen Umsetzung sich über mehrere Jahrzehnte erstreckte. Bis zum Jahr 1804 waren nicht weniger als 14 Bände mit insgesamt 2.748 Aquarellen und 3.100 Pflanzen entstanden.
Franz (Francis) Bauer (1758–1840) wurde zum ersten fest angestellten botanischen Maler der „Kew Gardens“ in Großbritannien. Im Jahr 1790 wurde er von Sir Joseph Banks in diese Position berufen und erhielt den Titel „Botanick Painter to His Majesty“ (Botanischer Maler Seiner Majestät).
Ferdinand Bauer (1760–1826), der jüngere Bruder von Franz, war ein bedeutender Illustrator und Forschungsreisender. Er arbeitete eng mit Franz zusammen und nahm als Naturhistoriker und Künstler an der Expedition der britischen Schiffe HMS Investigator sowie an der Umsegelung Australiens teil. Diese Reise unternahm er gemeinsam mit Kapitän Matthew Flinders und dem Botaniker Robert Brown in den Jahren 1801–1803. Er fertigte Tausende detaillierter Skizzen an und verwendete dabei einen geheimen Farbcode, um die Flora und Fauna Australiens möglichst naturgetreu wiederzugeben. Seine Sammlung befindet sich heute im Natural History Museum in London.
Josef Anton Bauer (1756–1831), der dritte Bruder der Familie, schlug eine andere künstlerische Laufbahn ein und war als Hofmaler des Fürsten von Liechtenstein tätig.
Im Gewahrsam des Kreis-Staatsarchivs Temesch (Serviciul Județean Timiș al Arhivelor Naționale) in Temeswar befindet sich ein Exemplar eines chirurgischen Traktats vom 4. August 1764, das aus Feldsberg (Valtice) stammt. Zu jener Zeit war Norbert Bock (†14. Juli 1806, Felrdsperg) bereits wieder im dortigen Kloster und Krankenhaus tätig… Wurde diese Abhandlung vielleicht von ihm an das Kloster seiner Heimatstadt geschickt?
Gewiss ist jedoch, dass sein geistiges und wissenschaftliches Erbe bis heute ein wunderschönes, farbenprächtiges Mosaiksteinchen im überaus reichen Mosaik des Temeswarer christlichen Geisteslebens geblieben ist.
Dr. Claudiu Călin, Diözesanarchivar











