Am 23. und 24. Mai 2026 – am Pfingstfest – fanden traditionell, jedes zweite Jahr, die Heimattage der Banater Schwaben in Ulm. Der Heimattag, der heuer unter dem Motto: „Heimat im Herzen – Zukunft prägen“ stattfand, verbindet dabei bewährte Programmpunkte mit neuen Angeboten und rückt Ulm einmal mehr in den Mittelpunkt des banatschwäbischen Gemeinschaftslebens. Den Auftakt machte am Pfingstsamstag das Donauschwäbische Zentralmuseum, das ab 10 Uhr kostenlose Führungen durch die Dauerausstellung und die Donau-Ausstellung angeboten hat. Am Nachmittag traten gegenüber dem Ulmer Rathaus Trachtengruppen der Deutschen Banater Jugend und Trachtengruppen sowie Jugendgruppen des Demokratischen Forums der Deutschen im Banat auf: In diesem Jahr war die Banat-Ja-Gruppe aus Neuarad dabei. Begleitet wurde das Programm vom Original Banater Echo unter der Leitung von Manuel Ries. Anschließend empfing Ulms Oberbürgermeister Martin Ansbacher Vertreter der Landsmannschaft und der Jugendgruppen im Rathaus, bevor der Festzug zum Auswandererdenkmal am Donauschwabenufer zog und dort ein Kranz niedergelegt wurde. Diözesanarchivar Dr. Claudiu Călin sprach hier die Festrede. Um 19 Uhr lud die Gruppe „Lustige Schwaben“ zu einem „Schwowische Owed“ ins Donauschwäbische Museum ein, während im Edwin-Scharff-Haus in Neu-Ulm ein europäischer Jugendbegegnungsabend geplant wurde. Am Pfingstsonntag fand das große Treffen in der Donauhalle statt. Vor dem Gebäude spielte die Original Donauschwäbische Blaskapelle Reutlingen unter Johann Frühwald, im Foyer wurde eine Ausstellung zu 75 Jahren seit der Deportation in den Bărăgan eröffnet, die von Dr. Swantje Volkmann und Walter Tonța gestaltet wurde. Zu den Gästen zählte auch Silviu Sarafolean, Vorsitzender des Verbandes der ehemaligen Bărăgan-Deportierten aus Temeswar. Um 10 Uhr fing die Pfingstmesse mit Heimatpfarrer Paul Kollar als Hauptzelebrant, Pfr. Ioan Cădărean (Lippa-Neudorf) und Pfr. Markus Krastl als konzelebranten an. Das Hochamt wurde musikalisch von der Original Donauschwäbischen Blaskapelle Reutlingen begleitet, Fahnenabordnungen und Trachtenpaare zogen feierlich ein. Im Anschluss folgten Grußworte und Ansprachen aus Politik und Gesellschaft. Aus dem Banat, seitens des Bistums Temeswar, beteiligten sich Pfr. Ioan Cădărean (Lippa-Neudorf) und Diözesanarchivar Dr. Claudiu Călin, so auch der neugewählte Vorsitzende des Demokratischen Forums der Deutschen im Banat, Benjamin Neurohr und der Vorsitzende des Demokratischen Forums des Deutschen im Banater Bergland, Erwin Josef Țigla an den Heimattagen in Ulm. Am Nachmittag bot der Heimattag in Halle und Nebenräumen ein kulturell dichtes Programm: Dr. Hertha Schwarz sprach über die Entstehung der Namen deutscher Siedlungen im Banat im 18. Jahrhundert, die AG Tracht präsentierte ihr neues Buch zu den Frauensonntagstrachten der Banater Schwaben, und Dr. Hildegard Zappel stellte ihr Kochbuch „Banater Lieblingsgerichte“ vor. Auch die Literatur kam nicht zu kurz: Katharina Kilzer stellte auf dem „grünen Sofa“ die aus Glogowatz stammende junge Schriftstellerin Betty Boras vor, die aus ihrem Debütroman gelesen hat. Auf der Bühne zeigten die Jugendgruppen Volkstänze, für Tanzmusik sorgten die Weinbergmusikanten unter Gerhard Wetzler; ab 18 Uhr spielte „Akustik 3“ unter Hans Pfleger zum Tanz auf. Ergänzt wurde das Heimattag-Geschehen durch Informationsstände von Vereinen, Institutionen und Verlagen sowie durch ein breites gastronomisches Angebot. Die Landsmannschaft der Banater Schwaben lud alle Besucherinnen und Besucher herzlich ein, die Feiertage in Ulm als Fest der Begegnung, der Erinnerung und der gelebten Gemeinschaft zu verbringen, so der Bundesvorstand.
Im Folgenden wiedergeben wir die Festrede des Diözesanarchivar Dr. Claudiu Călin, die am Samstag, dem 23. Mai, vor dem Auswandererdenkmal gehalten wurde.
Heimat im Herzen – Zukunft prägen!
Sehr geehrter Herr Erster Bürgermeister Martin Bendel,
Sehr geehrter Herr Bundesvorsitzender Peter Dietmar Leber,
Sehr geehrte Vertreter des Konsulats Rumäniens, der Landsmannschaften, Kreisverbände, Heimatortsgemeinschaften,
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Landsleute von Nah und Fern!
Dieses Jahr darf das Motto unseres Treffens – hier an der Donau – drei Substantive und ein Verb zusammenbringen: die Heimat, das Herz und die Zukunft bzw. prägen. Es gibt keinen Menschen auf dieser Welt, der in seinem Leben diese Worte nicht bewusst oder unbewusst zusammen in einem Gedanken oder in einem Satz benutzt hat! Und für uns ist heute die Donau der schöne blaue, staubfreie Weg, der dieses Motto von hier bis zum Schwarzen Meer bringt!
Als Vertreter der Diözese Temeswar – zusammen mit Pfr. Cădărean – möchte ich aber darauf hinweisen, dass das Banat und unsere Lokalkirche – unsere neue/alte Heimat – sich auf das 1000-jährige Jubiläum der Diözese Tschanad vorbereiten. Historische Ausstellungen, Begegnungen zwischen Jugendlichen, Priestern und unterschiedlichen Konfessionen, Gebet und Gesang, Austausch – all dies charakterisiert diese Vorbereitung, die sich auf fünf oder sogar sechs Jahre erstreckt.
Eins wird uns aber klar: Das Banat hatte eine reiche, manchmal atemberaubende Geschichte auch vor dem glücklichen Moment seiner Befreiung im Jahr 1716. Und deutsche Leute waren – zusammen mit Madjaren, Slawen, Rumänen und noch einigen, die wir heute nicht mehr genau kennen – auch damals ein ganz wichtiger Bestandteil der Kirche, der Kultur und der Bevölkerung des Banats. Der Heilige Gerhard, ein Benediktinermönch aus Venedig, kam auf einem nicht gerade einfachen Weg um das Jahr 1000 nach Ungarn und 1030 ins Banat. Von Gott gerufen, von Gott begleitet! Er kam aus seiner alten Heimat, die er bestimmt in seinem Herzen mittrug, um den Glauben, die Kirche und unsere Zukunft zu gestalten. Mit ihm kamen zwölf weitere Benediktiner aus Martinsberg/Pannonhalma und aus mehreren Klöstern, darunter zwei deutschsprachige: Heinrich und Walter, die in der neuen Heimat bzw. in der neuen Diözese Gesang, Liturgik und Sprachlehre unterrichteten. Sie gestalteten damals mit Herz und Glauben die Zukunft unserer Glaubenskultur und unserer Spiritualität und sind zugleich die ersten von den geschichtlichen Quellen klar erwähnten Deutschen auf dem Gebiet des Banats und des heutigen Rumäniens.
Von der Arader Gegend bis ins Banater Bergland entfaltete sich ein buntes, an Ortschaften, Klöstern, Institutionen und Einrichtungen reiches Banat… Unter den neuen Bewohnern unseres Landstrichs, die der damalige ungarische König oft herlockte, waren damals schon Ansiedler, Söldner, Mönche, Verwaltungsangestellte deutscher, slawischer, madjarischer, französischer, spanischer und italienischer Herkunft. Auch sie hatten einmal eine alte Heimat, die sie mit ins Herz, ins Banat brachten, um dort mit Talent, Treue und sogar Hingabe eine neue Zukunft für ihre Familien und für die neue Heimat aufzubauen.
Die Türkenherrschaft ist im Banat, und nicht nur dort, meistens mit Schrecken, Zerstörung, Tod, Verfolgung und Vertreibung verbunden… In der Ausstellung, die wir heuer in der Temeswarer Domkirche zeigen – über die Zeit von 1552 bis 1716 –, befinden sich viele Geschichten von Menschen und Orten aus der damaligen Schreckenszeit. Darunter aber auch die des jungen Studenten aus Rekasch, wohl ein Schokatze – Lorenzo Tomašević, der den Weg nach Loretto in Italien wagte, dort studierte und 1653 als Priester zu seiner Gemeinde zurückkam. Noch mehr: Seine Gemeinde baute inzwischen eine Kirche zur Aufnahme Mariens in den Himmel – dies durfte man nur am Rande der Ortschaft tun – eine Kirche, die am selben Tag gesegnet wurde und seine Primiz beherbergte. In diesem Fall war die Heimat ein Ort, den man im Herzen durch die Welt trug, um in dieselbe Heimat zurückzukehren und dort die Zukunft weiter zu prägen!
Aber auch unter den türkischen Besatzern gab es genügend Beispiele, die das Banat bald schon auch als ihre Heimat definierten: In Hannover, auf dem Neustädter Friedhof bzw. vor dem Eingang, steht ein Grabstein mit folgender (adaptierter) Inschrift: „Der im Jahr 1685/86 aus Temeschwar rekrutierte Spahi Mehmed / starb nach acht Jahren Gefangenschaft (…) / die Gnade Gottes möge über ihn kommen, / der seiner Seele auf immer die Erkenntnis (Gottes) gebe.“ Wie wichtig musste für diesen Ritter Temeschwar gewesen sein, dass er es als seinen Herkunftsort klar nannte und es sogar auf seinem Grab einmeißeln ließ! Das bedeutet nicht weniger als: Heimat im Herzen!
Die Reise unserer Vorfahren, nach 1716, mit den Ulmer Schachteln bis Wien und dann auf langen, schweren Wegen bis in die Banater Heide und ins Banater Bergland ist für uns der wichtigste Moment unserer Geschichte. Damals war die schwer geprüfte Diözese schon siebenhundert Jahre alt. Die Geschichte der Banater Schwaben und Berglanddeutschen fing aber erst an, geschrieben zu werden, gestalten zu werden! Was für die Siedler neue Heimat und Versprechen eines neuen, besseren Lebens war, bedeutete für die Kirche, für das alte Tschanader Bistum, eine Wiedergeburt! Mit den Ansiedlern kamen auch Priester, Ordensleute oder sogar Bischöfe. Sie begleiteten ihre Herde, sie stärkten sie im Glauben und in der neuen Aufgabe: das Banat, die neue Heimat, zu gestalten! Pfarrer Franz Lukas de Buisson stammte aus der Bischofsstadt Bamberg und diente eine Zeit lang in Temeswar als Zeremoniar des Bischofs Falkenstein. Dann übernahm er die Pfarrei Russowa an der Donau, die leider 1737–1738 von den Türken zerstört wurde. Pfarrer und Gläubige flohen bis Neuarad und ließen das meiste ihrer Habe zurück. Einige blieben mit ihrem Pfarrer in Neuarad, der später als Dechant auch in Guttenbrunn und Lippa tätig war. In schweren Zeiten verstanden diese Menschen, weiterzumachen, weiterzuarbeiten und eine neue Zukunft nach Krieg und Zerstörung zu gestalten!
Nach dem Zweiten Weltkrieg und nach der Zerstörung versuchten auch die meisten unserer Eltern und Großeltern, ihre Zukunft zu gestalten! Trotz brauner Pest, roter Verfolgung, Flucht, Deportation und Ausreise bis weit, weit nach Frankreich, Brasilien und Übersee blieb der Banater Schwabe oder Berglanddeutsche treu der Aufgabe seiner Vorfahren: Mit der Banater Heimat im Herzen haben viele die Zukunft ihrer Kinder, ihrer Familien überall in der Welt gestaltet! Man kann oft traurig werden, wenn man die Zersplitterung des Banats nach 1919, die Vertreibung oder die Flucht nach 1944–1945 und die Auswanderung Tausender und Abertausender von Landsleuten während der kommunistischen Regime und bis 1990–1992 vor Augen hält. Das Glück und der Friede vieler Landsleute wurden damals von den gottlosesten Diktaturen der Geschichte zerstört. Nun leben aber die Nachkommen der Siedler, die das Ufer der Donau in Ulm vor dreihundert Jahren verließen, auf mehreren Kontinenten und bauen dort ihre Zukunft auf. Einige sind noch im rumänischen Banat geblieben … leider viel weniger im serbischen Banat. Fleiß, Glaube, ja Hartnäckigkeit und Treue bewegen sie, ihre Kultur und Identität zu bewahren. In Deutschland leben jetzt die meisten von ihnen. Die Landsmannschaft, die Heimatverbände und all ihre kulturellen Einrichtungen tragen weiter, nicht nur im Herzen, die Erbschaft der irgendwann neuen, aber zugleich alt gewordenen Heimat Banat und gestalten die Zukunft, die Identität der kommenden Generationen hier … wieder am Ufer der alten, blauen Donau. In Österreich, Frankreich, Brasilien, Argentinien, Kanada oder in den Vereinigten Staaten leben, arbeiten, feiern, singen und beten auch viele Nachkommen unserer Landsleute. Ob sie regelrechte Wunder in der Landwirtschaft zustande bringen oder durch ihre kulturellen Einrichtungen den Namen ihrer alten Heimat überall bekannt machen, tragen sie das Motto ihrer Vorfahren weiter: Heimat im Herzen – Zukunft prägen!
Als Diözesanarchivar muss ich mit Bewunderung feststellen, dass es in den letzten Jahren immer mehr Personen aus Übersee gibt, die nach den Tauf-, Ehe- oder Sterbeeintragungen ihrer Vorfahren fragen. Es gibt viel Interesse seitens der Nachkommen der Ausgewanderten, es gibt manchmal auch Besuche aus Übersee, bei denen sogar nach Verwandten und noch im Banat lebenden Familienmitgliedern gefragt wird. Und manchmal gibt es sogar glückliche Begegnungen, ja eine Art Wiedersehen nach Generationen!
Bischof emeritus Martin Roos – der uns alle, heute begrüßt – benutzte einmal in einer Predigt bei den Heimattagen in Temeswar folgendes Zitat: „Mach dir die Fremde zur Heimat, aber lass deine Heimat dir nie zur Fremde werden!“ …denn nur mit der Heimat im Herzen kann man die Zukunft gestalten! Der Glaube, die Wurzeln und der Zusammenhalt sind die Kraft eines jeden Neubeginns!
Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!









