Die Fastenzeit ist eine Zeit der Selbstverleugnung und der Buße; sie ist aber auch eine Zeit, die vom Geist der Gemeinschaft und der Solidarität geprägt ist. Bedarf es noch anderer Worte, um die Bedeutung der Fastenzeit hervorzuheben? Hören wir die mahnenden Worte des Propheten Isaias, die in die Liturgie der Fastenzeit aufgenommen worden sind: „Nein, das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen.“ (Is 58, 6.7; vgl. erste Lesung am Freitag nach Aschermittwoch). Diese Ermahnungen des Propheten geben gut die Sorge der heutigen Menschheit wieder. Jeder Einzelne nimmt inneren Anteil an den Leiden und dem Elend aller. Almosen geben und persönlicher Einsatz sollten jedoch nicht nur vereinzelte und vorübergehende Handlungen sein, sondern der Ausdruck brüderlicher Verbundenheit.

Unsere Zeit ist sich zutiefst der Notwendigkeit bewusst angesichts der Nöte, die die Menschheit bedrängen, eine gemeinsame Verantwortung zu übernehmen. Nur auf diese Weise können diese Übel erfolgreich behoben werden. Die Fastenzeit ruft die Gläubigen zur Wachsamkeit gegen jede Art der Verschwendung und ermahnt sie zu gemeinsamen Anstrengungen. Die Wiederherstellung aller Dinge in Christus ist mit dem Geist der Fastenzeit eng verbunden. Jesus selbst wird uns eines Tages den Wert jener Hilfe offenbaren, die wir einmal unseren Brüdern und Schwestern erwiesen haben: „Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben … ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben“ (Mt 25,35-36). Der Aufruf Christi in seinen Gliedern betrifft jeden Christen. Keiner kann sich dem dringenden Hilferuf seines göttlichen Bruders entziehen. Die Erfahrung zeigt, dass christliche Gemeinschaften, die sich selbst in größter Notlage befinden, nicht am wenigsten auch für die Not der anderen empfänglich sind. In der Tat, wir begegnen hier und jetzt in den Menschen um uns herum Christus selbst, der unsere Hilfe bedarf, und dieses kann uns nicht unbeteiligt lassen. Es ist gerade ein besonderes Merkmal unserer Zeit, dass sich die Menschen in umfassender Weise der vielen Nöte bewusst werden, die die Menschheit bedrängen. Mannigfache Hindernisse erschweren vielerorts noch die Förderung der Würde jedes einzelnen Menschen. Wir haben dem eingehenden Studium dieses Problems mehrere Dokumente gewidmet. Unser heutiger Wunsch ist es jedoch, den Einsatz und die Aktionen, die sich unmittelbar um dessen Lösung bemühen, zu ermutigen. (Botschaft von Papst Paul VI. für die Fastenzeit 1973, www.vatican.va)