Auf der eigentlichen oder symbolischen Bühne der Ungarischen Kulturtage in Temeswar haben die Organisatoren bisher jedes Jahr Raum für Vorträge, Ausstellungen, Buchvorstellungen und Diskussionen im christlichen Geist geboten, die häufig vom Römisch-Katholischen Theologischen Gymnasium „Gerhardinum“ ausgerichtet wurden. Die Reihe umfasst auch eine Diskussionsrunde über den Zeitgeist aus christlicher Sicht, organisiert und moderiert von Pfr. István Gazda, reformierter Seelsorger der Reformierten Kirche „Neues Millennium“ in Temeswar, und Domherr Zsolt Szilvágyi, Bischofsvikar, Pfarrer der römisch-katholischen Pfarrgemeinde Temeswar IV. Josefstadt. Als Gäste waren Dr. Vilmos József Kolumbán, Rektor des Protestantisch-Theologischen Instituts von Klausenburg, und Prof. Dr. Dávid Diósi, Dekan der Römisch-Katholischen Theologischen Fakultät im Rahmen der der Babeș-Bolyai-Universität Klausenburg, anwesend.
Die Idee zu der Veranstaltung, die am Samstagnachmittag, dem 28. September, in der Aula des Gerhardinum-Gymnasiums stattfand, wurde erstmals während der Ungarischen Tage 2021 vorgestellt, musste aber leider aufgrund der Pandemie abgesagt werden.
Die geplante eineinhalbstündige Diskussion begann mit einer Präsentation des Römisch-Katholischen Gymnasiums durch Domherr Zoltán Kocsik, Schuldirektor, gefolgt von der eigentlichen Debatte. Diskutiert wurden Themen wie: historische Gegebenheiten, das Erbe vergangener Ereignisse, die die Welt und die Gesellschaft geprägt haben, ihre Auswirkungen auf die heutige Welt, der wirtschaftliche Kontext, die Ideologien, die unsere Zeit bestimmen und oft den persönlichen Glauben in Frage stellen, die Rolle der Kirchen, insbesondere der reformierten und der römisch-katholischen Kirche in der Vergangenheit und heute, einschließlich der sozialen Verantwortung und der Bildungsaktivitäten, der Dienst der Priester heute, die politischen Auswirkungen usw. In der Diskussion äusserten sich die Gäste freimütig und offen und beleuchteten die Faktoren, die die Gläubigen unserer Zeit beeinflussen, vom Bevölkerungsverlust durch Auswanderung bis zur Gender- bzw. Geschlechterfrage, von der Abwanderung der Arbeitskräfte bis zum Arbeitsmarkt. Im Folgenden finden Sie einige Gedanken zu den diskutierten Themen.

Wie kann ein Christ in der Postmoderne leben?
Dr. Dávid Diósi: „Wir leben in einer sich so schnell verändernden Welt, dass nicht nur die Älteren die Jüngeren nicht mehr verstehen, sondern auch die Jüngeren diejenigen nicht mehr verstehen, die nur ein paar Jahre jünger sind als sie selbst. Unser Zeitalter hat mehrere Merkmale, wie zum Beispiel die Selbstbetontheit, die Ich-Betontheit, das heißt, ich brauche niemanden, der mir sagt, was wahr, was schön, was gut ist, sondern ich filtere und entscheide selbst. Das führt natürlich dazu, dass jeder Recht hat, oder dass zwei subjektive Wahrheiten anscheinend problemlos nebeneinander bestehen können. Wenn wir uns die Religiosität anschauen, dann ist sie auch ganz anders als vor dreißig oder vierzig Jahren. Früher war es undenkbar, vor allem in Dorfgemeinschaften, dass jemand am Sonntag nicht in die Kirche ging. Das hat sich heute geändert. Religiöses Leben bedeutet nicht, dass uns jemand ständig lobt. Religion ist eine Beziehung, aber nicht zu unserem eigenen Bild, sondern zu Gott, und wir wachsen, indem wir mit ihm kommunizieren. Das postmoderne Zeitalter wird auch als das Zeitalter der Minderheiten bezeichnet. Das Christentum selbst ist eine Minderheit in der Welt. In manchen Fällen fangen diese Minderheiten an, sich untereinander zu bekämpfen und zu versuchen, die anderen zu dominieren. Auch die Kommunikation hat sich verändert: Wir müssen versuchen, uns auszudrücken, ohne Anstoß zu erregen. Natürlich will niemand beleidigen, aber das bedeutet auch, die Dinge nicht beim Namen zu nennen. Als Priester ist es schwierig, Dinge so zu sagen, dass sie noch die göttliche Botschaft enthalten, aber auch niemanden beleidigen.“

Familie, Geschlechterfragen, wer darf wen heiraten
Dr. Vilmos József Kolumbán: „Die reformierte Kirche hat die Pflicht, gemäß der Heiligen Schrift zu lehren. Ich denke, es ist wichtig, dies zu betonen, denn im Kern geht es hier darum, was die Kirche zum Beispiel über die Ehe verkündet und denkt. Als Gott den Menschen schuf, hat er auch die Aufforderung: „Seid fruchtbar, mehret euch, füllt die Erde und macht sie euch untertan“ ausgesprochen. Offensichtlich können nur diejenigen fruchtbar sein und sich vermehren, die biologisch dazu in der Lage sind. Mit anderen Worten: Die Ehe ist, zumindest für die Ungarische Reformierte Kirche in Rumänien, eine Ehe zwischen einem Mann und einer Frau. Der Grund, warum ich es für wichtig halte, dies zu betonen, ist, dass, als diese Frage aufgeworfen wurde und außerhalb der Kirchen oder sogar innerhalb der Kirchen zu diskutieren begann, eine Verzerrung entstand, nämlich dass es bei der Ehe oder der Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau nicht in erster Linie um die Erhaltung der Spezie geht. Aber Gott der Herr hat dem Menschen deshalb das männliche oder weibliche Geschlecht gegeben, um das Überleben der Art, also das Überleben der Menschheit, zu sichern. Die andere Idee in dieser Hinsicht stammt von Theologen, die sagen – denn es gibt bereits einige, die so denken -, dass es keine Rolle spielt, ob ein Mann einen Mann oder eine Frau heiratet, weil dies nicht gegen Gottes Gebot verstößt, sondern Gottes Wille sein könnte. Ihrer Meinung nach spielt es keine Rolle, dass zwei Menschen des anderen Geschlechts heiraten, denn die Erfahrung der Gemeinschaft mit Gott ist von grundlegender Bedeutung.
Der Runde Tisch endete mit einem interaktiven Teil, bei dem die Teilnehmer Fragen an die Gäste stellen konnten.

Pressestelle der Diözese Temeswar