Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde durch den Erlass Nr. 7161 des Staatlichen Verteidigungskomitees der Sowjetunion, unterzeichnet am 16. Dezember 1944 von Iosif Wissarionowitsch Stalin, dem Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, beschlossen: „Die Mobilisierung und Internierung zur Arbeit in der UdSSR aller arbeitsfähigen Deutschen – Männer zwischen 17 und 45 Jahren und Frauen zwischen 18 und 30 Jahren, die sich in den von der Roten Armee befreiten Gebieten Rumäniens, Jugoslawiens, Ungarns, Bulgariens und der Tschechoslowakei befinden.“
Ab Januar 1945 wurden aus dem Banat etwa 33.000 Schwaben „mobilisiert“, das heißt zur sogenannten Wiederaufbauarbeit in die UdSSR deportiert.
Unter denen, die in die überfüllten Viehwaggons verladen und an die Grenze zur UdSSR gebracht wurden, befand sich auch eine junge Mutter aus Knees/-Satchinez. Sie ließ ihren erst zweijährigen Sohn in der Obhut ihrer Schwiegereltern zurück, ohne zu wissen, ob sie ihn jemals wiedersehen würde.
Im Strudel des Krieges waren die Schicksale von Millionen Familien betroffen. Doch das Schicksal des kleinen Jungen aus Knees, der mehrere Jahre von seinen Großeltern großgezogen wurde, nahm einen ganz besonderen Verlauf. Das Kind, das damals die Tragödie der Welt um sich herum noch nicht begreifen konnte, sollte später Priester und schließlich Bischof werden: Seine Exzellenz Martin Roos, emeritierter Bischof von Temeswar, den die Mitglieder des Pressebüros der Diözese gebeten haben, sich an jene Zeiten zurück zu erinnern.

– Hochwürdigster Herr Bischof, welche persönlichen Erinnerungen wecken diese Gedenktage der Deportationen in Ihnen, zumal auch Ihre Mutter zu jenen gehörte, die zur Zwangsarbeit in die UdSSR verschleppt wurden?
– Von dem 15. Januar 1945 habe ich keine persönlichen Erinnerungen. Ich war damals knapp zwei Jahre alt und habe vermutlich, als die Mutter sich verabschieden musste, geschlafen. Ich habe von der Aufregung um mich herum nichts mitbekommen. Natürlich habe mit der Zeit das Fehlen der Mutter wahrgenommen und gespürt. Im Winter war bei uns jeden Abend die „Spinnstube“. Da kamen die Nachbarn zusammen, die Frauen haben gesponnen, die Männer besprachen die Dorfpolitik oder haben Karten gespielt. Eines Abends, ich seh mich heute noch, saß ich auf dem Diwan, auf dem Sofa, und habe lauthals geheult, geweint. Als die Leute langsam zusammenkamen, fragte einer nach dem anderen: Was hat er denn, warum weint denn der Martin? Da antwortete die Großmutter, die Bescheid wusste: Er weint um seine Mutter. Darauf weinten alle mit, denn jeder hatte jemanden aus der Familie oder der Verwandtschaft unter den Verschleppten… Dies ist meine erste Erinnerung an das Fehlen der Mutter, der Eltern. Geblieben ist diese Erinnerung bis zum heutigen Tag!

– Wie verlief das Zusammenholen der zur Deportation bestimmten Leute? Gab es einen Sammelpunkt, an den sie abgeholt wurden?
– Alles, was ich weiß, habe ich später erfahren oder mir selber zusammengereimt. Wahrscheinlich wurden die Leute vorher verständigt. Auch liefen schon Tage vor der „Aushebung“ Gerüchte im Dorf herum, man wusste, dass Listen im Rathaus angefertigt wurden, manche, die schon vorher erfahren hatten, was bevorsteht, machten sich „aus dem Staub“, versteckten sich, um dem Schicksal zu entfliehen. Mit dem 15. Januar hat man die Leute mit Lebensmittel für mehrere Wochen und warmer Kleidung in die Schule bestellt. Von hier wurden die Unglücklichen mit Pferdewagen von Knez nach Winga gefahren, wo sie einige Tage ebenfalls in der Schule lagerten, bevor sie mit den Verschleppten aus der gesamten Gegend gesammelt und in Viehwaggons verladen wurden. Während dieser Zeit konnte man die Angehörigen hier besuchen und mit dem einen oder anderen noch versorgen. Man kann sich vorstellen, welche Szenen sich noch in diesen wenigen Tagen auf dem Bahnhof von Winga abgespielt haben. Irgendwann wurden dann die Waggons von einem Zug abgeholt und die mehrwöchtige Fahrt konnte beginnen. Ich weiß nicht, auf welchem Wege der Zug gefahren ist. Ein Teil wurde über Sighetul Marmației/Marmaroschsiget in die Ukraine gefahren. Ein anderer Zug nahm die Route über die Moldau und bei Focșani über die Grenze. In diesen beiden Grenzstationen wurden unsere Leute in sowjetische Waggone umverladen und auf den breiteren russischen Eisenbahngeleisen in die Ukraine transportiert. In Focșani ließ man die Leute bei der Umverladung sich mit Wasser versorgen, so umlagerte man den einzigen Brunnen. Aus Knez stand im Gewühle ein ziemlich hagerer, schlecht gekleideter Mann da und wartete, dass die Reihe an ihn kommen solle, um sich mit Wasser zu versorgen. Der russische Posten, in der Meinung, er habe es mit einem Moldowener zu tun, fuhr ihn barsch an: „Was suchst du da? Schau, dass du weiterkommst!“ Das ließ sich unser Landsmann nicht zweimal sagen und machte sich stante pede zu Fuß aus der Moldau nach Knez auf den Weg. Nach Wochen tauchte er zu Hause auf. Insofern ist er mit dem Leben davongekommen, denn mit seiner geschwächten Gesundheit und seiner armseligen Aufmachung wäre er in Russland oder auch schon auf dem Weg dahin erfroren. Man wusste zunächst nicht, wohin die Leute verbracht wurden, auf wie lange oder ob diese jemals wieder nach Hause zurückkommen würden. In dieser Unsicherheit lebten wir monatelang. Im Dorf gab es nunmehr nur noch Alte und Kinder und die „Kolonisten“. Ich hatte das Glück, dass ich allein war und die Großeltern von Vaters Seite mich weiterhin umsorgt haben. Die Großeltern von der Mutter, die drei Töchter und drei Schwiegersöhne in Russland und den Sohn im Krieg hatten, umsorgten zwei weitere Enkelkinder, Cousins von mir. Eine andere Tante stand da allein mit zwei Kindern, der Mann und Vater, nach Rußland verschleppt, kam nie wieder nach Hause, ist in Russland an den Entbehrungen verstorben. – Andere Kinder hatten niemanden. Der Vater war im Krieg, die Mutter nach Russland verschleppt. Für diese verlassenen Kinder schuf Prälat Nischbach das sogenannte Kinderhilfswerk. In den Pfarreien wurden Lebens-mittel und Kleider gesammelt. Die Kinder wurden meist von den Lioba-Schwes-tern beherbergt, aber auch im Temeswarer katholischen Waisenhaus in der Bonnaz-Gasse bei den Notre-Dame-Schulschwestern versorgt. Im Diözesanarchiv gibt es noch Listen von diesen Sammlungen. Vor allem wäre das Kinderhilfswerk von Neuarad mit seinen fleißigen Helfern zu nennen.

– Wie viele Personen wurden aus Ihrem Heimatdorf Knees deportiert, und wie viele von ihnen sind wieder nach Hause zurückgekehrt?
– Ungefähr 150 Personen wurden deportiert, davon sind 38 infolge der Entbehrungen ums Leben gekommen. Nachdem die Leute verschleppt waren, kamen nach den ersten Monaten hier und da eine Karte mit wenigen Worten, aber doch ein Lebenszeichen: Es geht mir gut, bin gesund. Grüße an die Kinder, an die Eltern und so viel. Aber es war eine erste Nachricht und man erfuhr, wo sie sind. Die meisten waren im Donezkbecken, in den Kohlengruben. Andere arbeiteten in der Landwirtschaft oder beim Aufbau. Sie schleppten Steine und Mörtel. Irgendwelche Ruinen, die vom Krieg bombardiert waren, wurden wieder brauchbar gemacht. Da man im Winter auch bei tiefen Temperaturen arbeiten musste, fror der Mörtel schnell und im Frühjahr fiel das Ganze wieder zusammen. Insofern war die Arbeit nicht einmal sehr sinnvoll. Solange Russland von Amerika mit Konserven und Lebensmitteln beliefert wurde, ging es den Verschleppten halbwegs gut. Sonst gab es eine leere Krautsuppe, die nicht lange vorhielt. In der Not ging man betteln, wobei die Einheimischen selbst kaum etwas hatten, doch fiel auch für die Lagerleute immer noch etwas ab… Ab 1946 kamen die ersten Krankentransporte nach Hause. Abgemagert bis auf die Knochen, starb so mancher an den Folgen dahin, andere waren schon unterwegs an Unterernährung gestorben.

– Wie gestaltete sich das Wiedersehen mit Ihrer Mutter bei deren Rückkehr aus der UdSSR? Wie verlief die Heimreise?
– Ende1949 entließ man schließlich die Überlebenden aus den Lagern nach Hause. Mutter kam am 21. November, ihrem 28. Geburtstag, zu Hause an. Ich erinnere mich noch sehr gut.
Nachdem die ersten Transporte angekommen waren, versammelte sich fast das halbe Dorf ständig zu jedem ankommenden Zug auf dem Bahnhof. Man wartete gespannt, wann wohl die eigenen Angehörigen dem Zug entsteigen würden…Wir hatten von meiner Patentante, die ein-zwei Tage früher angekommen war, erfahren, dass meine Mutter mit einem der nächsten Züge eintreffen werde. So eilte die alte Großtante mit mir zum Bahnhof und wir warteten aufgeregt von einem Zug auf den nächsten. Als am 21. November nachmittags der „Motor“ von Temeswar einfuhr und meine Mutter aus einem der hinteren Wagen stieg, zerrte mich die Großtante mit sich nach fort und sagte plötzlich nur noch so viel: „Da ist deine Mutter!“ Das war nach fünf Jahren die erwartete Begegnung. Wie die Mutter später selber erzählte, überschaute sie beim Aussteigen zuerst mal die große Ansammlung der Menschen und entdeckte zunächst die Großtante, dann neben ihr „den herangewachsenen Jungen“, dabei dachte sie für sich: „Das muss er wohl sein!“. Nach einer kurzen Begrüßung nahmen wir uns beide an der Hand und gingen so nebeneinander gemeinsam nach Hause. Die alte Großtante haben wir unterwegs irgendwo ganz aus den Augen verloren.

– Was erzählte Ihre Mutter über das Lager? 
– Für das Gesprächsthema der nächsten Wochen und Monate war gesorgt: Das Lagerleben, das Leben der Einheimischen um das Lager herum, die Bettelgänge, die Arbeit in den Gruben, auf dem Bau, in der Landwirtschaft. Man erzählte sich, wie sie in überfüllten Viehwaggons transportiert wurden, während der langen, drei bis vier Wochen dauernden Fahrt. Man aß, was man von zu Hause mitgenommen hatte. Sie hatten etwas Proviant eingepackt, aber irgendwann ging alles zur Neige. In den Lagern standen die aus Holz zusammengezimmerten Baracken, vielerorts waren die Gebäude noch in den Trümmern gelegen, ohne Türen und ohne Fenster. Mit der Zeit brachten die Männer diese irgendwie in einen besseren Zustand. Im Januar und Februar 1945 war es bitterkalt. Die Bewacher erlaubten den Deportierten in der Regel nur dann, im Lager zu verbleiben, wenn es mindestens minus vierzig Grad kalt war.
Schon bald nach dem Abtransport der Verschleppten erreichten uns die ersten Todesnachrichten, was meine ersten und ältesten Erinnerungen an das Trauma „Russland“ darstellen. Dabei versammelte man sich im Trauerhaus um gemeinsam zu beten und miteinander zu weinen, ließ Trauerbildchen drucken und verteilte diese als Erinnerung und Gebetszettelchen. Davon findet man auch heute noch in den alten Gebetbüchern welche. Man müßte diese sammeln und irgendwo hinterlegen. Es sind eindrucksvolle Dokumente der Zeitgeschichte!
Was man in Russland erlebt und durchgestanden hatte, wurde oft in ein Gedicht oder noch mehr, in ein Lied gefasst: „Tief in Russland bei Stalino“, „Nach meiner Heimat da zieht´s mich wieder“, „Heute Nacht bin ich aufgewacht und hab´ geweinet“… dabei sang man sich das Leid und die schlimmen Erlebnisse von der Seele. Schon in Russland selbst entstand eine ganze Lagerliteratur.

– Wo und wie wurden jene beerdigt, die leider verstorben sind? Gab es Priester, die die Beerdigungen durchführten?
– Wer im Lager verstarb, wurde von Lagerinsaßen auf einem Friedhof bestattet. Es gab aber keinen Priester, und nur selten kam ein Kreuz auf das Grab. Die Verwandten oder Nachbarn pflegten natürlich, solange sie da waren, die Gräber ihrer Angehörigen und verabschiedeten sich wehmütig von ihren Toten, als es hieß, „Es geht nach Hause!“

– Wie verlief die Heimreise?
– Jeder packte seine Habseligkeiten zusammen und machte sich mit den anderen meist in größeren Gruppen auf den Weg. In Sighetu Marmației betraten die Verschleppten abermals das Land. Meine Mutter brachte mir sogar Bonbons mit. In den letzten Jahren erhielten sie einen kleinen Lohn für ihre Arbeit, und im größeren Nachbarort konnten sie auf dem Markt kaufen, was angeboten wurde. Doch oft waren sie verschuldet, weil die Lebensmittel im Lager teurer waren als der monatliche Verdienst. Neben dem bereits erwähnten Kinderhilfswerk gründete Prälat Nischbach 1947 auch das Heimkehrerhilfswerk, dessen Ziel es war, den zurückkehrenden Deportierten eine erste Hilfe angedeihen zu lassen. An den Grenzübergängen erwarteten die Benediktinerinnen der Lioba-Kongregation sowie Priester aus dem Bistum die Heimkehrenden mit Geld, Medikamenten, Lebensmitteln und Kleidung, um ihnen den weiteren Heimweg zu erleichtern. Finanziert wurde all dies durch Sammlungen, die die Caritas der Diözese organisierte. Diese beiden Stiftungen der Diözese bedeuteten eine erhebliche Hilfe. Hier sind die Schwester Patrizia Zimmermann von den Benediktinerinnen wie der damalige Kaplan Stefan Fischer zu nennen. Beide bezahlten ihren Einsatz an der Grenze mit einigen Jahren Gefängnis unter der kommunistischen Herrschaft.

– Wie erfolgte die Wiedereingliederung in die Gemeinschaft und in die Gesellschaft? Musste Ihre Mutter sich regelmäßig bei der Miliz melden?
– Nein, die Heimkehrer wurden nicht mehr schikaniert. Jeder versuchte, Arbeit zu finden, und das sogenannte normale Leben begann wieder. Im Grunde musste sich jeder so durchschlagen, wie er konnte.
Einige jedoch wurden einige Jahre später, im Sommer 1951, in den Bărăgan deportiert. In diesem Fall war nicht ihre Nationalität der „Grund“, sondern die bessere wirtschaftliche Lage der Familie. Man war wohlhabender als der Durchschnitt, diese waren damals die „Chiaburii“, „Feinde der Arbeiterklasse“, die aber durchaus ehrbare Leute waren, die keinem etwas Böses getan hatten. Auch aus unserer entfernteren Verwandtschaft wurde eine Familie für fünf Jahre in die Bărăgan-Steppe verschleppt und unter freiem Himmel, auf freiem Felde ausgeladen, ihrem Schicksal überlassen, dabei war der alte Großonkel bereits über 90!
Uns selber ließ man in Ruhe, da in unserer Familie drei alte Leute waren, ein minderjähriges Kind und als alleinverdienende Person die Mutter. Wir waren insgesamt zu fünft in der vorderen Stube des Hauses, in der Kammer hausten die beiden Kolonisten. Eine keineswegs beneidenswerte Lage. Aber das ist bereits ein anderes Kapitel!

– Mit den Kolonisten!?
– Ja. Aus dem Motzenland, aus dem Gebiet der drei Kreisch-Flüsse, kamen die sogenannten Krischenjer, Siedler in die Häuser der deutschen Familien. Wo es zwei Zimmern gab, wurde in eines davon eine Motzenfamilie einquartiert. Wir hatten Glück, denn zu uns kamen nur der Familienvater, der „Moș Petre“ und sein ältester Sohn, Nicolae, aus der Gegend von Vața de Jos/Brad. Die Mutter und zwei weitere Kinder blieben zu Hause in Tomești. Den Sohn holte man später zum Militär, und der Vater kehrte schließlich in sein Heimatdorf zurück, weil er im Banat keine entsprechende Arbeit fand. Er war nämlich Zimmermann von Beruf. Bis 1951 wohnte er jedoch in unserem Haus. Aufgrund des im Jahr 1945 erlassenen Gesetzes Nr. 187 erhielten diese Kolonisten das von den Deutschen beschlagnahmte Land, das Vieh sowie die landwirtschaftlichen Geräte und Maschinen. Auch Moș Petre bekam 9 Katastraljoch Ackerland, das er aber nicht selber bearbeitete, sondern weiterverpachtete. Jeden Herbst kam er, um seinen Anteil abzuholen, den er dann sofort am Ort verkaufte und mit dem Geld wieder nach Tomești zurückkehrte. Es waren wahrlich seltsame Zeiten!

– Wurden aus der Diözese Temeswar auch Priester deportiert? Welche Kenntnisse haben Sie über deren Schicksal?
– Vom Gebiet unseres Bistums, allein aus dem Kreis Karasch-Sewerin wurden Priester deportiert, weil man es versäumte, dort die Verordnung – wonach Priester und Ordensleute von der Deportation ausgenommen seien – nicht rechtzeitig bekannt gemacht hatte. So wurden die Seelsorger Matthias Albert, Fidel Deschu, P. Placidus Harnisch OFM, Geysa Heinrich, Franz Hönig, Anton Keller, Alfred Luffi, Stephan Missa, Nikolaus Schwarz, Franz Wachter und Nikolaus Wagner verschleppt. Die Pfarrer Geysa Heinrich und Alfred Luffi wurden später nach Deutschland entlassen; sie meldeten sich beim Bischof von Würzburg, der sie in seine Diözese aufgenommen hat. Nikolaus Schwarz kehrte in die Diözese Temeswar zurück und wurde in seiner früheren Pfarrei Russkberg wieder angestellt. In Deutschland habe ich die meisten von diesen Mitbrüdern noch persönlich kennengelernt und erlebt.

– Vielen Dank für das Gespräch!

X X X X X

Anhang

I. Deportierte Priester und Ordensleute

Matthias Albert, Neupriester – Primiziant, wurde am 19. Januar 1945 in die UdSSR deportiert.
Fidel Deschu, Kaplan in Steierdorf, wurde am 19. Januar 1945 in die UdSSR deportiert.
Josef Harnisch, P. Placidus, Fanziskaner, wurde 1945 von Hermannstadt mit den dortigen katholischen Gläubigen in die UdSSR deportiert.
Geysa Heinrich, ehemaliger Pfarraverweser in Nadrag, wurde 1945 zur Zwangsarbeit in die UdSSR deportiert.
Franz Hönig, Pfarrverweser in Mehadia, wurde zwischen 1945-1947 zur Zwangsarbeit in die UdSSR deportiert.
Anton Keller, Kaplan in Arad-Sanktmartin, Sackelhausen und Guttenbrunn; wurde zwischen 1945-1947 zur Zwangsarbeit in die UdSSR deportiert.
Alfred Luffi, Pfarrverweser in Bulci/Bultsch, wurde zwischen 1945-1947 zur Zwangsarbeit in die UdSSR deportiert.
Stephan Missa, Neupriester – Primiziant, wurde am 15. Januar 1945 in die UdSSR deportiert. Gestorben am 5. Januar 1948.
Nikolaus Schwarz, Pfarrverweser in Russberg, wurde vom 15. Januar 1945 bis am 31. Dezember 1946 in die UdSSR zur Zwangsarbeit deportiert.
Franz Wachter, 1944 zum Priester geweiht, im Militärdienst, wurde zwischen 1945-1947 zur Zwangsarbeit in die UdSSR deportiert.
Nikolaus Wagner, Pfarrverweser in Bethausen, wurde zwischen 1945-1947 zur Zwangsarbeit in die UdSSR deportiert.
(Quelle: Schematismus Dioecesis Timișoaraensis, 1948, Liste der verfolgten Priester – Diözesanarchiv Temeswar)

1. In der von Dr. Ilie Schipor verfassten Arbeit Deportarea în fosta URSS a etnicilor germani din România. Argumente arhivistice ruse befinden sich auch zahlreiche Angaben über das deportierte kirchliche Personal. So zum Beispiel:

„Einer der ersten Schritte von General Rădescu, mit denen er die Ausnahme bestimmter geschlossener sozial‑, berufs- sowie ethnischer Gruppen von der Deportation beantragte, erfolgte am 21. Januar 1945. An diesem Tag übermittelte der rumänische Regierungschef der Alliierten Kontrollkommission vier Listen mit über 1000 Personen, und zwar:

  • eine Sonderliste mit 67 Personen, Österreicher aus dem Lager Ciurel, die von der Kommission politisch überprüft worden waren und dennoch zur Zwangsarbeit herangezogen wurden;
  • eine Liste mit 169 Personen aus dem Lager Târgu Jiu, bei denen festgestellt wurde, dass sie keinerlei politische Tätigkeit ausgeübt hatten und daher von der Verschleppung auszunehmen seien;
  • eine Sonderliste mit 228 Ordensmännern und Ordensfrauen, für die die Apostolische Nuntiatur in Rumänien interveniert hatte;
  • eine Sonderliste mit 609 Mitgliedern der Gesellschaft der Sozialschwestern, für die ebenfalls die Apostolische Nuntiatur interveniert hatte.

Die Liste der 228 Ordensleute enthielt Namen von Angehörigen der katholischen Kirche, die die Apostolische Nuntiatur der rumänischen Regierung übermittelt hatte, um die notwendigen Maßnahmen zur Ausnahme von der Deportation in die UdSSR zu veranlassen. Sie stammten aus: dem Ordensinstitut „Sfânta Ursula“ in Hermannstadt/Sibiu (17), den diakonischen Ordensgemeinschaften in Bukarest, Kronstadt/Brașov und Constanța (16), den Franziskaner‑ und „Notre‑Dame“-Orden (9), dem Ordenspersonal aus Temeswar/Timișoara (132), Ordensleuten, die im Lager Târgu Jiu interniert waren (11), sowie Ordenspersonal in anderen als den oben genannten Situationen (33).
In der Liste der 609 Mitglieder der Gesellschaft der Caritas(Sozial)‑Schwestern waren genannt: 31 Mitglieder der Leitung der Gesellschaft; 58 Schwestern des Ordens „Surorile Sfintei Francisca“; 29 Benediktinerinnen; 14 Schwestern des Ordens „Sfânta Vincenţia“ aus Großkomlosch/ Comloșu Mare und Marienfeld/ Teremia Mare; sowie 477 Schwestern des „Notre‑Dame“-Ordens aus Temeswar/ Timișoara, Perjamosch/ Periam, Lippa/ Lipova, Orawitz/ Oravița, Detta/ Deta, Orzydorf/ Orțișoara, Lugosch/ Lugoj, Neu‑Arad/ Aradu Nou, Großsanktnikolaus/ Sânnicolau Mare, Warjasch/ Variaș, Glogowatz/ Glogovăț, (Arad)Sanktmartin/ Sânmartin, Neubeschenowa/ Beșenova Nouă (heute Dudeștii Noi, Kreis Temesch), Hatzfeld/ Jimbolia, Arad und Lipova/Lippa‑Teresianum.“
„Oft führten die von den ausländischen diplomatischen Vertretungen in Bukarest unternommenen Schritte – ebenso wie viele Interventionen der rumänischen Regierung, der Ministerien, verschiedener Institutionen oder Privatpersonen – nicht zur Rückholung und Freilassung jener Bürger, für die eine Ausnahme von der Deportation beantragt worden war. Oberst Moss, Leiter des Sekretariats der Britischen Militärmission in der Alliierten Kontrollkommission, schrieb am 22. Januar 1945 an General Winogradov: »In Fortsetzung meines Schreibens Nr. 11.542 vom 17. Januar 1945, in dem ich Ihnen eine Liste von Geistlichen aus dem Banat zur Prüfung vorgelegt habe, muss ich Ihnen mitteilen, dass drei von ihnen – Priester aus dem Kreis Severin – leider am 17. Januar d.J. in Karansebesch in die Waggons verladen wurden, und zwar: DESHO [Deschu] Fidelis, Vikar in Steierdorf, geboren am 5. Mai 1917; HEINRICH Geza, Vikar in Rusca Montană [richtig: in Nadrag], geboren am 28. September 1917; SCHWARTZ Iosif, Kurator in Rusca Montană, geboren am 28. Juli 1900.«“

2. Auf der Facebook‑Seite der Diplomatischen Archive des rumänischen Außenministeriums wurde am 10. Januar 2024 eine Zusammenfassung der tragischen Ereignisse des Winters 1945 sowie eine Reihe digitalisierter Dokumente aus dem Bestand dieser Institution veröffentlicht. Dort ist Folgendes zu lesen: „Unter den in Bukarest akkreditierten ausländischen diplomatischen Missionen ragen die Interventionen des päpstlichen Nuntius Andrea Cassulo hervor, der in unserem Land eine bemerkenswerte humanitäre Tätigkeit entfaltete und die Rechte aller verfolgten, leidenden und notleidenden Menschen verteidigte – unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder Religion.“ (Quelle: … – Diplomatische Archive des Außenministeriums | Facebook)

II. Kinderhilfswerk und Heimkehrerhilfswerk – zwei caritative Werke

Prälat Josef Nischbach
Foto: banat.dvhh.org

Über die Zahl der Opfer des Zweiten Weltkriegs liegen keine exakten Daten vor. Schätzungen zufolge kamen im Krieg etwa 60 Millionen Menschen ums Leben, davon rund zwei Drittel Zivilisten (etwa 20 Millionen Soldaten und 40 Millionen Zivilpersonen – Quelle: ro.scribd.com). Viele Zivilisten verloren ihr Leben infolge von Genoziden, Massakern, Bombardierungen, Krankheiten und Hunger. Neben den Toten gab es eine noch weit größere Zahl von Zivilisten, die direkt oder indirekt unter den Folgen des Krieges litten. Zu ihnen gehörten auch jene inneren und äußeren Flüchtlinge, Vertriebenen, Evakuierten oder Umgesiedelten, Deportierten, zur Zwangsarbeit Verschleppten, Repatriierten und Kriegsgefangenen, die während des Krieges und unmittelbar danach „unterwegs“ durch Europa waren.
Nach Forschungen des Imperial War Museum in Großbritannien könnte die Zahl der Menschen in Europa, die von den erzwungenen Bevölkerungsbewegungen während des Krieges und in den folgenden Jahren betroffen waren, bis zu 65 Millionen erreichen.
Nach 1945 gab es auf unserem Kontinent zahlreiche Menschen, Familien und Kinder, die nicht nach Hause zurückkehren durften, keinen Ort mehr hatten, wohin sie zurückkehren konnten, nicht unter sowjetische Herrschaft zurückkehren wollten, politische Repressalien fürchteten, ihre Angehörigen nicht wiederfanden oder zu Waisen geworden waren.
Aufgrund des Krieges und der Deportationen blieben auch im Banat, auf dem Gebiet unserer Diözese, Hunderte, wenn nicht Tausende von Kindern ohne beide Eltern zurück. Gleichzeitig benötigten auch die Deportierten Hilfe, die aus den Arbeitslagern der Sowjetunion zurückkehrten. In diese caritative Arbeit waren sowohl Priester der Diözese Temeswar/ Timișoara als auch Ordensleute eingebunden, insbesondere Benediktinerinnen. Zu den herausragenden kirchlichen Persönlichkeiten dieser Zeit und dieser Hilfstätigkeiten gehörten Domherr Josef Nischbach, päpstlicher Prälat, sowie Sr. Dr. Hildegardis Wulff OSB, Priorin des Benediktinerinnenklosters St. Lioba in Temeswar/ Timișoara.
Nach den biografischen Unterlagen von Schw Hildegardis Wulff, die im Diözesanarchiv des Römisch‑Katholischen Bistums Temeswar/ Timișoara aufbewahrt werden, wurde die Kinderhilfsbewegung Kinderhilfswerk im März 1945 gegründet; im September desselben Jahres entstand auch das Heimkehrerhilfswerk, das den aus gesundheitlichen Gründen aus der UdSSR zurückkehrenden Deportierten Unterstützung bieten sollte.
In seinen Erinnerungen schrieb Prälat Nischbach: „Nachdem ich die Situation mit Dr. Augustin Pacha, unserem Bischof, besprochen hatte, begann ich auf seine Anweisung hin als Domherr die caritative Tätigkeit. Zunächst sammelte ich in größeren Heimen die Kinder unserer deportierten Gläubigen aus Temeswar/Timișoara. Mit Hilfe der Gläubigen organisierten wir ihre Verpflegung und Betreuung. Als in den Monaten Oktober–November 1945 unsere deutschen Gläubigen – Männer und Frauen –, die nach Russland deportiert worden waren und dort erkrankt zurückkehrten, allmählich heimkamen, richtete ich mehrere Hilfsstellen für die Rückkehrenden ein. Die Russen brachten sie nur bis zur Grenzstation, ließen sie dort zurück und überließen sie ihrem Schicksal. Wir organisierten Hilfsstellen in Sighetu Marmației, Oradea, Curtici, Iași, Focșani, Bukarest und Großsanktnikolaus/ Sânnicolau Mare. Diese Hilfsstellen wurden größtenteils von unseren Diözesanpriestern und den Benediktinerinnen geleitet. Von Seiten der Diözese versorgten wir die Hilfsstellen mit Lebensmitteln, Geld, Kleidung und Medikamenten. Wir setzten diese caritative Tätigkeit bis 1949 fort, bis alle unsere Banater Gläubigen aus Russland zurückgekehrt waren.“ (Zitat aus: Hetényi Varga Károly: Papi sorsok a horogkereszt és a vörös csillag árnyékában II., S. 262.) Zugleich leisteten die Priester diesen Menschen auch geistlichen Beistand.

Kinderhilfswerk 1944-1948
Über das Kinderhilfswerk schreibt Schw. Dr. Hildegardis Wulff OSB in ihrer Autobiographie „Canadischer Brief“ Folgendes:

Schw. Hildegardis Wulff OSB

„Nach der Verschleppung der Eltern waren Hunderte von deutschen Kindern verlassen zurückgeblieben. Rumänien hatte damals gar keinerlei Einrichtungen zur Betreuung dieser deutschen Kinder. In manchen Familien waren 3-4 und mehr kleine Kinder im Alter von 2-10 Jahren mutterseelenallein im Haus. Wer sollte für sie sorgen? Einige hatten Verwandte, die meisten waren verlassen und allein.
Es war nur selbstverständlich, dass wir Schwestern, die aus unserer Stadt kommenden Kinder bei uns aufnahmen; dass ich mich an einige sozial tätige Persönlichkeiten der Stadt Temeschwar wendete, die noch aus der „alten Zeit“ stammend, Verständnis für diese Fragen hatten. Die alte Leiterin des „Rumänischen Rotes Kreuz“, der Armenfond der Stadt Temeschwar stellte uns die ersten Hilfsmittel zur Verfügung. (…) Für uns andere Schwestern bedeutete das Kinderhilfswerk einen grossen Arbeitzuwachs. Das Kinderheim war kein „Ferienlager“ für kurze Wochen, es war auch kein Kindergarten für eine bestimmte Altersstufe. Wir hatten Buben und Mädchen von 1-14 Jahren. Sie kamen oft schon morgens um 6 Uhr, wenn die betreuenden Personen zur Arbeit gingen und ein grosser Teil blieb auch zum Nachtessen noch da. Die Kinder hatten bei uns ihre Bettchen, wo die Kleineren vor oder nach Tisch schliefen, sie wurden gebadet und gewaschen, Nägel und Zähne gepflegt, ärztlich beobachtet und betreut. Wir mussten ihnen nicht nur zu Essen geben, sondern sie kleiden, ihre Kleider reinhalten und pflegen, sie brauchten Schulbücher, man musste sie beaufsichtigen beim Lernen, eine Anzahl schlief sogar in unserem Hause. Außerdem füllten sie nun Sommers und Winters fast den ganzen Tag Hof und Garten. (…) Unser Kinderhilfswerk war so populär, dass – man denke, es war schon mitten im Kommunismus – die Temeschwarer Arbeiter ohne Rücksicht auf Confession und Nationalität, einen stattlichen Anbau an unser Kinderheim vollkommen kostenlos errichtet haben: Grund und Boden waren unser, die Ziegeln gab die Kirchengemeinde aus einem vorhandenen Bestand, alle notwendigen Dinge: Holz, Cement, Kalk, Sand brachten die Bauarbeiter von den Staatsbauten, wo sie gerade beschäftigt waren mit (Die Vorstellung, dass auch Staatseigentum „heilig“ ist und nicht genommen werden darf, hat erst der Kommunismus in Rumänien eingeführt) alles Andere wurde geschenkt die Arbeiten leisteten die Braven Samstagnachmittag und Sonntags, so, dass wir ganz ohne geringste Unkosten zu einer notwendigen Vergrößerung des Heimes gekommen sind! Im Zusammenhang mit dem Kinderheim müssen wir unserer großen Wohltäterin und Freundin Dr. med Elisabeth Radu, der Kinderärztin gedenken. Sie stammte, als echte Temeswarerin, von deutschen, rumänischen, ungarischen und jüdischen Vorfahren, war katholisch getauft, einer ihrer Brüder war sogar Domherr gewesen. (…) Frau Dr. Radu kümmerte sich um das leibliche und seelische Wohlbefinden der Schwestern und der Kinder und war wirklich eine hervorragende, erfahrene Ärztin und Freundin.“

Heimkehrerhilfswerk
In den biografischen Unterlagen von Schw. Dr. Hildegardis Wulff OSB wird erwähnt, dass diese Tätigkeit praktisch ein landesweites Hilfsnetz darstellte, mit Anlaufstellen und Zentren in mehreren Ortschaften Rumäniens.
„1945
Ende September Heimkehrerhilfswerk, Schw. Patricia und 3 Notre-Dame­Schwestern.
Hilfsstelle des Heimkehrerhilfswerkes in Maramuresch mit Pfarrer Josef Sundhausen, zusammen mit Schw. Patricia.
Hilfsstelle in Grosswardein, in Bukarest mit Stadtpfarrer [Josef] Schubert, Kaplan Pojar und Kaplan Baltheiser.

1946
Hilfsstelle in Focșani mit Kpl. Stefan Fischer und Schw. Adelheid
Hilfsstelle in Iași, Priorin mit Lehrer Joh. Weber im Lebensmittelwaggon nach Iași zu Kaplan Fischer
Hilfsstelle Maramuresch, Kapl. Michael Sauer und Schw. Patricia pendeln zwischen Maramuresch und Grosswardein
Hilfsstelle Grosswardein-Oradea mit Schw. Gerburg“

In ihrer Schrift „Canadischer Brief“ schreibt Schw. Dr. Hildegardis Wulff OSB über das Heimkehrerhilfswerk Folgendes:
„…als aus der weiter nördlich ebenfalls an der Grenze gelegenen Stadt Großwardein von kirchlicher Seite ein anderer Hilferuf an uns kam. Von den im Januar 1945 nach Russland Verschickten kamen Kranke, Sterbende, Mütter mit kleinen Kindern, alle in furchtbarem Zustand, verhungert, ohne Kleider und Mittel zurück. Während in späteren Jahren der kommunistische rumänische Staat sich um diese Heimkehrer angenommen hat, entsprach es der Mentalität der damaligen neuen kommunistischen Behörden und ihrer fremdnationalen Vertreter diesen Unglücklichen nicht nur keine Hilfe angedeihen zu lassen, sondern sie eher noch zu quälen oder zu strafen.
Schon war Schwester Patricia für ihre umsichtige, praktische, tatkräftige Tätigkeit so bekannt, dass man sie nach Grosswardein erbat. Während zur gleichen Zeit der unermüdliche Domherr Nischbach, paralell mit dem Kinderhilfswerk das Heimkehrer-Hilfswerk errichtete, und dafür Geld und Lebensmittel sammelte, fuhr Schwester Patricia nach Grosswardein.
Der Ort ist mit der Eisenbahn nicht so ganz einfach zu erreichen gewesen, die Reisen waren immer sehr ermüdend und langwierig. Wenn ich daran denke wie viele Nächte wir in der Ecke eines rumänischen Dritter-Klass-Wagens an den harten Bänken zwischen Bauern, Zigeunen und Soldaten zugebracht haben um dann am Morgen, angekommen, sofort den ganzen Tag weiterzuarbeiten! Schwester Patricia richtete ihr Hauptquartier im Kloster der Vincentinerrinnen ein, einem sehr altmodischen, weitläufigen Gebäudekomplex, unweit der Bahn. Man stellte ihr auch für die Nahrungsmittel im Keller Magazine zur Verfügung. Zeitweilig hat wohl auch ein junger Geistlicher unserer Diözese oder ein Vertreter der lutherischen Kirche aus Siebenbürgen mitgearbeitet. Ich glaube aber sagen zu dürfen, dass die Hauptsache in ihrer Hand war. (…) Diese Arbeit an der Grenze forderte sehr sehr viel Mühe, Courage und Geschicklichkeit. Schwester Patricia hat sich damit ein grosses Verdienst geschaffen. Die Kirche war die einzige Körperschaft, die damals so etwas wagen durfte und konnte. Aber wir mussten es ja später hoch bezahlen. Man kam im Rahmen dieser Arbeit mit hunderten von Menschen zusammen und es ließ sich nicht umgehen, dabei auch Menschen zu helfen, die das kommunistische Rumänien verlassen wollten. (…) Solche Dinge sind nicht leicht zu arrangieren. Sie hat dann später dafür acht bittere Jahre im Zuchthaus absitzen müssen. Aber die Familienväter, junge Menschen, Bräute und Kinder, denen sie geholfen hat, konnten mit ihrer Familie vereint ein christliches Leben führen und in der Freiheit sein.“
Im Archiv der Diözese Temeswar befindet sich auch ein Schreiben mit dem Aktenzeichen 266/1945, adressiert an den „Herrn Präfekten des Kreises Arad“, in dem die Römisch‑Katholische Pfarrei Neu‑Arad die Ausstellung einer Genehmigung für „die Ordensschwester Patrizia Varvara Zimmermann, Caritasschwester mit Wohnsitz in Temeswar III – derzeit in Neu‑Arad –, zur Sammlung von Lebensmitteln für die in das Land zurückkehrenden Repatriierten beantragt. Die Genehmigung sollte für die Kreise Arad und Temesch‑Torontal gelten. Die genannte Ordensschwester war vom Römisch‑Katholischen Bistum Temeswar entsandt worden, um die Kinder der Familien, die nun in das Land zurückkehren, mit Nahrung zu versorgen und zu betreuen.“

Unterstützung für Bessaraber, Dobrudscha‑Deutsche und Bukowiner
„Heim ins Reich“ war die Bezeichnung des Programms und der Politik des nationalsozialistischen Deutschlands, das auf die massenhafte Umsiedlung der deutschstämmigen Bevölkerung aus mehreren Ländern und Regionen Europas – darunter auch aus Bessarabien, der Dobrudscha und der Bukowina – in das Gebiet des Dritten Reiches abzielte.
Der Umsiedlung dieser deutschen Gemeinschaften lagen folgende Faktoren zugrunde:

  • Der deutsch‑sowjetische Nichtangriffspakt vom 23. August 1939 (Molotow‑Ribbentrop‑Pakt) und sein geheimes Zusatzprotokoll, durch das Bessarabien in die Einflusszone der Sowjetunion eingegliedert wurde. Nach der Besetzung Bessarabiens und der Nordbukowina durch die UdSSR im Juni 1940 schlossen Deutschland und die Sowjetunion im September 1940 ein Sonderabkommen über die Überführung der deutschen Bevölkerung aus diesen Gebieten in das Reich.
  • Das der am 26. Juni 1940 von der Sowjetunion an Rumänien gestellte Ultimatum, in dem es heißt: „Die Regierung der UdSSR schlägt der Königlichen Regierung Rumäniens vor:
  1. Bessarabien unter allen Umständen an die Sowjetunion zurückzugeben;
  2. Den nördlichen Teil der Bukowina gemäß der beigefügten Karte an die Sowjetunion zu übertragen. Die sowjetische Regierung bringt die Hoffnung zum Ausdruck, dass die rumänische Regierung die vorliegenden Vorschläge der UdSSR annehmen wird und dass dies die Möglichkeit eröffnet, den langwierigen Konflikt zwischen der UdSSR und Rumänien auf friedlichem Wege zu lösen. Die sowjetische Regierung erwartet die Antwort der Königlichen Regierung Rumäniens im Laufe des 27. Juni dieses Jahres.“

Die Gebiete wurden zwischen dem 28. Juni und dem 3. Juli 1940 evakuiert und von der Roten Armee besetzt, was bedeutete, dass ein großer Teil der deutschen Gemeinschaften in diesen Regionen unter sowjetische Verwaltung geraten wäre – eine Situation, die das nationalsozialistische Deutschland vermeiden wollte.

  • Das Abkommen zwischen der rumänischen Regierung und der nationalsozialistischen deutschen Regierung vom 22. Oktober 1940, das die Umsiedlung der deutschstämmigen Bevölkerung aus der Südbukowina und der Dobrudscha in das Dritte Reich regelte. Diese Umsiedlung wurde von der Volksdeutsche Mittelstelle (VoMi) organisiert.
  • Ebenfalls nicht zu vernachlässigen ist die unter dem Motto „Heim ins Reich“ durchgeführte Propagandakampagne, durch die die deutsche Bevölkerung in den von sowjetischem Einfluss betroffenen oder politisch instabilen Regionen ermutigt wurde, ihre Heimat zu verlassen, wobei ihnen die deutsche Staatsbürgerschaft, Land und Besitz in Deutschland versprochen wurden. Leider erfüllten sich diese Versprechen für viele nicht, und die Menschen brachen nur mit dem Allernotwendigsten auf.

Das Drama dieser Gemeinschaften endete nicht mit ihrer Umsiedlung. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geriet ein großer Teil Deutschlands unter sowjetische Besatzung. Aus Angst vor der neuen politischen Lage machten sich viele der bessarabiendeutschen, dobrudschadeutschen und bukowinadeutschen Familien erneut auf den Weg und versuchten, „in die Heimat“ zurückzukehren, in ihre alte Heimat – eine „Heimat“, das in Wirklichkeit nirgendwo auf der Welt mehr existierte, wie Schw. Hildegardis Wulff in ihrem „Canadischer Brief“ hervorhob:
„Als ich im Sommer 1945 in Bukarest war und schon alle Hebel zur Befreiung der Reichsdeutschen Schwestern in Bewegung gesetzt hatte, erhielt ich einen Telefonaufruf aus Temeschwar. Schwester Veronica teilte mir mit, dass der Pfarrer des nah an der ungarischen Grenze liegenden Ortes Neu-Arad, Herr [Päpstlicher] Kämmerer Kienitz, in Temeschwar dringend um eine Schwester zur Hilfe angefragt habe, denn an der ungarisch/ rumänischen Grenze in Arad seien große Transporte deutscher Menschen angekommen, welche die rumänische Behörde nicht ins Land lasse, die Ungarn aber verwehrten ihnen die Rückreise.
Was waren das für Leute? In den ersten zwei Kriegsjahren hatte Adolf Hitler Petroleum, Holz, Schweine und andere Produkte des reichen Rumäniens gebraucht, aber keine Devisen gehabt, um sie zu zahlen. Daher hatte man aus Bessarabien, der Dobrudgea und der Bukowina in grossen Trecks die deutschen Menschen angesiedelt, deren Vorfahren vor hundert oder zweihundert Jahren aus dem übervölkerten Deutschland dort hingezogen waren. Mit Wagen und Pferden und allem Hausrat waren diese Menschen 1939 und 1940 in dem guten Glauben nach Deutschland gezogen, der „Führer“ gäbe ihnen wirklich dort neues Feld und neue Häuser zur Ansiedelung. Die Versprechungen blieben leer und unerfüllt, die Russen kamen ins Land, und beraubt, vergewaltigt und verzweifelt hatten diejenige der Umsiedler, die nicht inzwischen weiter nach dem Westen entkommen waren, den Weg in die alte Heimat gesucht. Dabei war den armen Leuten meistens ihre eigentliche Rechtslage unklar. Mit ihren in Rumänien liegenden Besitztümern waren ja die rumänischen Lieferungen an die deutsche Armee bezahlt worden, die Leute hatten einen Schein als deutsche Staatsbürger in der Hand, die rumänische Regierung hatte keinerlei Verpflichtungen mehr ihnen gegenüber. Der Nationalsozialismus war vorüber, seine Versprechungen wertlos, was sollten die armen Menschen tun? Jetzt hatten sie eine Verzweiflungsreise hinter sich, je Familie in einem grossen Güterwagen, wo die Großmütter und das Neugeborene, Kranke und Gesunde, die Ziege und die Matratzen wild nebeneinander untergebracht waren. Die Reise durch Europa hatte drei Wochen gedauert, nun standen die Waggons auch schon lange an der Grenze, die Leute hungerten, viele waren krank. Sie. wollten «in die Heimat», aber auf dieser Welt hatten sie keine mehr.
Man konnte die Leute nicht ohne Hilfe lassen. (…) Schwester Patricia gelang es, ihre Landsleute in den umliegenden Ortschaften für ihre caritative Aufgaben zu gewinnen; im Handumdrehen sammelte sie bei den damals noch wohlhabenden Bauern Wagenladungen von Lebensmitteln. In einigen der grossen, stattlichen Neu-Arader Bauerngehöften wurden in riesigen Kesseln Eintopfgerichte gekocht, Brote gebacken, Zwiebeln, Tomaten, Gurken in Körben gesammelt und mit mehreren Wagen und Pferden fuhr sie zu den ausgehungerten Menschen und konnte den Verzweifelten wenigstens eine tägliche Sättigung verschaffen. Schwester Patricia gelang es auch, einige Ärzte und Krankenhäuser in Arad so weit zu interessieren, dass den Kranken unter den Ankömmlingen geholfen werden konnte. Es handelte sich noch um etwas ganz anderes: Der Kommunismus, der sich in Rumänien immer mehr durchsetzte, nahm keine Rücksicht mehr auf die Tatsache, dass die königlich-rumänische Regierung von 1940 bis 1944 die volksdeutschen Männer und Burschen zum Eintritt in die deutsche Waffen-SS gezwungen hatte. Kein deutscher Mann konnte während des Krieges in der rumänischen Armee dienen. Wer deutscher Muttersprache war, wenn auch auf rumänisches Gebiet geboren, musste seinen Kriegsdienst bei den Deutschen machen. Ausnahlnslos alle, die von der deutschen Armee nach dem Krieg in ihr rumänisches Geburtsland zurückkehren wollten, wurden von der neuen rumänischen Behörde als Feind und Landesverräter betrachtet und hatten mit Gefängnisstrafen zu rechnen. (…) Schwester Patiricia hat mit ihrer Arbeit bei diesen armen Heimatvertriebenen viel Gutes geleistet.“

Schlussfolgerung
Betrachtet man sowohl die persönlichen Zeugnisse als auch die Archivdokumente, die diplomatischen Interventionen, die Listen, die caritativen Initiativen sowie die Berichte über die allein zurückgebliebenen Kinder oder über jene, die krank aus den Lagern heimkehrten, entsteht das Bild einer Epoche, in der sich individuelles Leid und kollektive Tragödie auf eine Weise miteinander verflochten, die sich kaum in Worte fassen lässt. Die Deportationen des Winters 1945 bedeuteten einen tiefen Bruch im Leben der Menschen, in den Gemeinschaften und in der moralischen Struktur der Gesellschaft selbst.
Mitten in diesem Chaos zeigt die Reaktion der Kirche und jener, die sich in den Werken Kinderhilfswerk und Heimkehrerhilfswerk engagierten, dass es jenseits der unpersönlichen Mechanismen der Geschichte Menschen gab, die nicht gleichgültig blieben. Priester, Ordensschwestern, Ärzte, Freiwillige und einfache Gläubige versuchten, das zu heilen, was noch zu heilen war: zu nähren, zu pflegen, zu trösten, zu suchen, heimzubringen und den Vertriebenen ihre Würde zurückzugeben. In einer Zeit, in der der Staat keine Unterstützung bot und Angst das öffentliche Leben beherrschte, wurden diese Gesten zu Formen moralischen Widerstands.
Das Schicksal des Kindes aus Satchinez – des späteren Bischofs Martin Roos – ist nur eines von unzähligen Beispielen, die zeigen, dass das Leben trotz tiefer Wunden weiterging und die Gemeinschaften die Kraft fanden, sich wieder aufzurichten. Das Zeugnis Seiner Exzellenz, zusammen mit den vorgelegten Dokumenten und Berichten, erinnert uns daran, dass die Erinnerung an jene Jahre nicht nur eine historische Pflicht ist, sondern auch ein Akt der Verantwortung gegenüber der Gegenwart.
Heute, acht Jahrzehnte später, laden uns diese Seiten der Geschichte dazu ein zu verstehen, wie zerbrechlich das Leben der Menschen in Zeiten politischer Unordnung werden kann und wie wesentlich gegenseitige Unterstützung ist. Zugleich zeugen sie von der Kraft des Glaubens, vom stillen Mut der Helfenden und von der Würde der Leidenden.

Pressestelle der Diözese Temeswar

Foto Startseite: Sanktandres, Kreis Temesch – Abtransport der Deutschen zur Deportation in die UdSSR. Naives Gemälde von Julianne Rausch (Hrsg. Günther Czernetzky et alli, Lager Lyrik, Schiller Verlag Hermannstadt 2015, S. 13)