Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg brachten den schwäbischen, sächsischen und anderen Minderheiten im Banat und in ganz Rumänien Erschütterungen, die bis heute das familiäre Gedächtnis prägen. Die Geschichte der in die Sowjetunion verschleppten Zivilisten blieb lange unausgesprochen: In Jahrzehnten der Angst, des Schweigens und der politischen Unterdrückung überlebten die entscheidenden Details nur im engen Kreis der Familien — jene Details, aus denen sich heute das gemeinschaftliche Erinnern wieder zusammensetzen lässt.
Die folgende Erinnerung schildert die harte Realität der ab 1945 einsetzenden Deportationen der Schwaben und anderer Minderheiten in die Sowjetunion anhand des Schicksals einer Familie aus Temeswar. Die aus der Perspektive eines Kindes aufgerufenen Bilder — die Tage am Tor des Sammellagers, die Angst um die Angehörigen, der tägliche Kampf ums Überleben und schließlich das kaum wiedererkennbare Heimkehren des Vaters nach fünf Jahren — spiegeln eine Erfahrung wider, die viele Überlebende jener Zeit teilen.
Diese Geschichte ist nicht nur die persönliche Tragödie einer einer römisch-katholischen Familie aus Temeswar, sondern Teil der Leidensgeschichte einer ganzen Gemeinschaft – einschließlich der Diözese Temeswar, deren Gläubige diesen Qualen ausgesetzt waren. Die Erinnerung an die Deportationen mahnt uns auch heute, wie zerbrechlich die menschliche Würde ist und wie wichtig es bleibt, dass die Wunden der Vergangenheit nicht im Vergessen verschwinden. Das Zeugnis — so schmerzlich es auch sein mag — ist eine der wesentlichsten Formen der Bewahrung des kollektiven Gedächtnisses.
Derjenige, der sich erinnert ist Andreas Hofgärtner, heute pensionierter Diplom-Ingenieur in Nürnberg, dessen Vater, Alois Hofgärtner, fünf Jahre als Deportierter in der Sowjetunion verbringen musste.
Alois Andreas Hofgärtner wurde am 11. April 1904 in Temeswar geboren und wohnte in der Újlaki-Straße, heute Drubeta-Straße im Elisabethstadt-Viertel (laut Matrikelbuch im Archiv der Römisch-Katholischen Diözese Temeswar).
In der Liste der zur Deportation bestimmten Personen deutscher Volkszugehörigkeit, die auf der Website des Nationalrats für die Untersuchung der Archive der Securitate (CNSAS) zugänglich ist, sind unter seinem Namen folgende Angaben verzeichnet:
- ID: 90950
- Person: HOFFGERTNER ALOIS (Der Familienname ist fehlerhaft angegeben; korrekt: Hofgärtner)
- Geburtsdatum: 11.05.1904 (Der Monat ist tatsächlich April, nicht Mai)
- Ethnie: deutsch
- Signatur: D 013347
- Band: 2
- Blatt: 234
Auch wir versuchen heute, nach mehr als acht Jahrzehnte, mit Respekt und im Gebet an die Menschen und ihre Leiden, in den damaligen schwierigen Zeiten, zu erinnern.
„Meinen Vater brachte man mit dem ersten Transport von Temeswar in das ukrainische Saporischschja. Er wurde zu Hause verhaftet und zunächst in ein Sammellager gebracht, wo er warten musste, bis die erforderliche Zahl der zu Deportierenden zusammengekommen war. Von dort brachte man ihn direkt zum Bahnhof und verlud ihn in den Zug, der in die Sowjetunion fuhr. Ich war damals zehn Jahre alt. Ich erinnere mich, dass ich zwei Tage lang am Tor des Sammellagers stand und darauf wartete, hineingelassen zu werden, um meinen Vater sehen zu können. Nur zum Essen ging ich nach Hause. Den russischen Wachposten am Tor bat ich auf Deutsch, mich hineinzulassen. Schließlich gelang es mir, hineinzugehen. Mein Vater überschüttete mich mit Küssen, und zum Abschied tröstete er mich damit, dass wir uns keine Sorgen machen sollten, man werde ihn bald nach Hause lassen. Aus diesem „bald“ sind fünf Jahre geworden. Er wurde mit dem ersten Transport weggebracht, und nach fünf Jahren ließ man ihn unter den Letzten heimkehren. Wo er bis zur Abfahrt festgehalten wurde, erfuhren wir von Nachbarn und Bekannten, denn einige hatten ihre Angehörigen bei der Verhaftung bis zum Sammellager begleitet.
Als mein Vater verhaftet wurde, versteckten wir meine Mutter und meinen älteren Bruder, Roli. Sie fanden Zuflucht bei einer ungarischen Familie im Nachbarhaus in der Drubeta‑Straße, die nicht von der Gefahr der Deportation bedroht war. Meine Mutter war eine sehr schöne Frau, und wir fürchteten, dass die russischen Soldaten sie vergewaltigen oder ebenfalls verschleppen könnten. Vor Letzterem hatten wir auch um meinen damals 14‑jährigen Bruder Angst. Deshalb brachte ich ihnen während der Zeit der Verhaftungen jeden Tag Essen und das Mittagessen hinüber zu den Nachbarn. Meine Großmutter blieb zu Hause bei mir; sie kochte und sorgte für uns. Bei der Verhaftung meines Vaters sagte man uns, dass man ihn zur Zwangsarbeit bringen werde, also wussten wir, was auf ihn zukommt. Doch ihn – und viele andere – führte man in genau den Kleidern ab, die sie gerade trugen. Es war keine Rede davon, dass er warme Kleidung oder Bettwäsche mitnehmen dürfte.
Als er nach Hause zurückkehrte, erzählte er, dass im ersten Jahr, ja sogar schon im ersten Monat, sehr viele Menschen gestorben waren, darunter auch drei unserer Nachbarn. Sie lebten in einem Lager, in hastig gezimmerten Holzbaracken, durch deren Ritzen der kalte Winterwind hindurchpfiff. Drinnen war es fast genauso kalt wie draußen, obwohl die Deportierten versuchten, die Spalten zwischen den Balken und Brettern zu stopfen. Sie schliefen eng aneinandergedrückt, um sich gegenseitig zu wärmen. In den Wintermonaten war an Körperpflege überhaupt nicht zu denken, denn sie hatten kaum (Trink)Wasser. Nur Schnee und Eis. Viele tranken verunreinigtes Wasser und starben an den verschiedenen Infektionen, die sie sich dadurch zugezogen hatten. Die Wasserleitung funktionierte nur von Frühling bis Herbst; dann konnte man trinken und sich auch waschen.
In den Wintermonaten konnten selbst die Verstorbenen nicht beerdigt werden, weil der Boden bis zu etwa einem Meter Tiefe gefroren war. Daher lagen die Toten in einfachen, hastig gezimmerten Holzkisten, die außerhalb des Lagers übereinandergestapelt wurden, und warteten auf den Frühling, wenn der Boden so weit auftauen würde, dass man Gräber ausheben konnte. Die Toten wurden von den Überlebenden oft auch ihrer warmen Kleidung beraubt. Obwohl die ersten aus Temeswar deportierten Menschen in dasselbe Lager gebracht wurden, konnten sie einander nur abends sehen, da sie tagsüber an verschiedenen Orten zur Arbeit eingesetzt wurden. Die meisten arbeiteten am Wiederaufbau des Staudamms des Dnepr‑Wasserkraftwerks bei Saporischschja, das im Zweiten Weltkrieg beschädigt worden war, und starben im strengen Winter, weil sie keine warme Kleidung hatten. Mein Vater überlebte, weil er Geige spielen konnte. Tagsüber arbeitete auch er mit den anderen am Staudamm, doch am Wochenende, wenn ihre Bewacher – die Natschalniki – Lust zum Feiern hatten, riefen sie ihn, damit er für sie spielte. Später bekam er bei solchen Gelegenheiten sogar etwas zu essen und konnte davon auch den anderen Deportierten etwas mitbringen. Die russischen Natschalniki liebten es zu feiern und zu trinken. Dann waren sie die besten Freunde der Zwangsarbeiter. Unter der Woche jedoch schrien sie sie an und bedrohten sie mit dem Revolver. Mein Vater sprach mit großer Anerkennung und Dankbarkeit von den ukrainischen Einheimischen, die versuchten, ihnen zu helfen, obwohl auch sie selbst ein sehr schweres Leben hatten. Alte Frauen steckten den Deportierten morgens, wenn sie zur Arbeit gingen, ein Stück getrocknetes Brot oder andere haltbare Lebensmittel in die Tasche, obwohl sie selbst arm waren. Meinem Vater gelang es hin und wieder, eine offene Postkarte zu schicken, auf der er mitteilte, dass er am Leben sei, und uns bat, uns keine Sorgen um ihn zu machen. Von seiner Heimkehr jedoch wurden wir nicht von ihm selbst, sondern von den Behörden benachrichtigt. Gemeinsam mit meiner Mutter warteten wir auf ihn am Temeswarer Hauptbahnhof, also am Nordbahnhof. Und wir hätten ihn wohl kaum erkannt, wenn er nicht selbst auf uns zugekommen wäre, denn in den fünf Jahren hatte er sich sehr verändert. Zum Beispiel hatte er wegen der elenden Ernährung alle seine Zähne verloren. Deshalb musste man ihm ein Gebiss anfertigen. In den ersten zwei bis drei Monaten ließ ihn meine Mutter nicht arbeiten. Er ruhte sich aus und versuchte, seine Kräfte zurückzugewinnen. Danach gelang es ihm relativ leicht und schnell, eine Arbeitsstelle zu finden. In seiner Jugend hatte er eine Handelsschule besucht, und vor der Deportation hatte er Büroarbeit verrichtet, die er später auch wieder aufnehmen konnte. In Temeswar hatte er viele Freunde, die ihn unterstützten. Denn er musste sein Leben von Grund auf neu aufbauen. Vor dem Krieg hatten wir ein Holzlager, das vom kommunistischen Regime beschlagnahmt wurde. Nachdem mein Vater verschleppt worden war, führte meine Mutter eine Zeit lang das Geschäft weiter. Nach der Verstaatlichung des Holzlagers begann sie in der Ada‑Marinescu‑Fabrik (Ţesătoria de Mătase Ada Marinescu – Ada‑Marinescu-Seidenweberei – Anm. d. Red.) zu arbeiten. Es war eine schwere Zeit.“
Pressestelle der römisch-katholischen Diözese Temeswar
Foto auf der Titelseite: Herr Alois Hofgärtner zusammen mit seinem ältesten Sohn Roland









