Heute, an Karfreitag, fühle ich mich sehnsuchtsvoll ins einst heimatliche Temeswar zurück versetzt, in unser Elternhaus in der Turghenievgasse (jetzt Protopop Dragomir) Nr.13, im Herzen der Elisabethstadt gelegen,  mit dem Klang der Herz- Jesu- Kirche im Ohr, vor Augen das Blühen im Hof, das erste Grün im nahe gelegenen Park (P-ta Bisericii), benannt nach der dem Park gegenüber liegenden alten, denkmalgeschützten rumänisch – orthodoxen Kirche.
– Doch eben so nah war das russische Militär stationiert. Aus dem Kloster der Salvatorianer – Patres war eine Kaserne geworden, mit Eingang in der hinter der Kirche gelegenen kurzen Gașpar-Gasse. Ein- zwei weitere Häuser, ehemals Privatbesitz, wurden von der Besatzung genutzt. Ihnen war jeder Kontakt zur Zivilbevölkerung streng untersagt, obwohl sie in der ganzen Stadt anzutreffen waren. Sie blieben bis Sommer 1958. Kurz vor ihrem Abzug brach die Mauer des Schweigens zusammen, schnell wurde das eine oder andere Geschäft abgewickelt. Ich hatte eben mein Lehrerinnendiplom erworben und kaufte mir mit meinem Ersparten – aus Privatstunden und Stipendium – meine erste Handuhr, eine Pobeda.
2022 liegen die Festtage dicht beisammen: Ostern (die Karwoche, die Auferstehungsfeier sowohl der katholischen wie der rumänisch-orthodoxen und griechisch-katholischen Christen), das jüdische Pessach [Passah]- Fest, der muslimische Ramadan. Letzterer ist uns vollkommen fremd geblieben. Auch zu den Hochfesten der jüdischen Gemeinde(n), zu den Riten hatten wir fünf Geschwister, drei Mädchen, zwei Buben, keinen wirklichen Bezug und wenn, dann eher zufällig (z. B. bei der Familie Naschitz und dem Morawetz- Großvater), dies obwohl unsere Eltern mehr wussten und wir (Eltern wie Kinder) mit einigen jüdischen Familien befreundet waren. So brachte uns Frau Irene Grünhut einige Male vom Pessach-Fest Matze, das ungesäuerte Brot. Doch wir fragten nicht viel. Neugierde hatte uns hingegen in die fast benachbarte orthodoxe Kirche gelockt, um bei Taufen dabei zu sein. – Aus Glaubensgründen hat es jedenfalls schon zu Zeiten der Großeltern und Urgroßeltern keine Zwistigkeiten gegeben. Es war ein eher friedliches, ja gutes Nebeneinander, als ein enges Miteinander. Temeswar – ein Vielvölkerstaat im Kleinen. Und der Geist der Toleranz hat sich sogar während der Jahre 1940-44 bewährt, wofür Getta Neumann das Beispiel des deutschen Konditors Potichen wählt, der sich geweigert hat, in seinem Schaufenster die drohend- diskriminierende Mitteilung  „Juden unerwünscht!“ auszulegen. Ihr Kommentar: „Trăiau mulți oameni cumsecade în Timișoara multietnică și pluriconfesională, fapt care reiese din mărturiile contemporanilor.“ (S. 201 ihres Buches „Pe urmele Timișoarei evreiești. Mai mult decât un ghid“ / 2019 – inzwischen auch in deutscher Übersetzung, unter dem Titel/ 2021 erschienen).
Ich gehöre zur Generation, die in ihrer Kindheit die letzten Kriegsjahre größtenteils bewusst erlebt hat, die in die Jahrzehnte des Sozialismus / Kommunismus hineinwuchs, die nicht unberührt blieb von der langen Reihe schwer wiegender Fehler gegenüber den sogenannten Minderheiten, verübt – nach sowjetischem Muster- von Politik, Staat und den durchführenden Organen. Davon betroffen waren vor allem die Rumäniendeutschen und die Geistlichkeit – in unserem Fall die katholischen Priester. Ich muss nicht aufzählen, da die Fakten inzwischen hinlänglich bekannt sind. Doch ich will versuchen, die Stimmung von damals zu skizzieren.
Es waren gegenläufige Richtungen: Einerseits bedrängten Ängste und Verunsicherung die Menschen, nur zu berechtigt war ihre Furcht davor, wann immer zu Sündenböcken gestempelt zu werden und als solche Ausgelieferte zu sein. Jedem Unbekannten begegnete man mit Misstrauen, mit innerer Ablehnung, vor allem wenn er im Namen der Polizei (damals Miliz genannt) oder einer Behörde agierte. Im Umgang mit ihnen war Vorsicht geboten. Schwierig war die Pflege privater Kontakte. – Die aufs Überleben bedachten Eltern und Großeltern, die direkt Betroffenen, verbannten ihre Befürchtungen und Sorgen tief in ihr Inneres, ebenso ihr Aufbegehren gegen Unrecht und erduldeten Machtmissbrauch. – Dazu gehörte unter vielem anderen die Verdrängung aus der eigenen Wohnung durch Herbeigezogene, begünstigt durch ebenfalls neu besetzte Behörden. – Viel Zündstoff, der nicht explodieren durfte! – Nöte dieser Art führten zwangsläufig zu einer Annäherung von Minderheiten untereinander. Dennoch kann man nicht generell von einer Spaltung in ethnischer Hinsicht sprechen, denn den alteingesessenen rumänischen Mitbürgern, wie überhaupt den Banater Rumänen begegneten die meisten, erfreulicher Weise, mit Vertrauen. Was durchaus auf Gegenseitigkeit beruhte. Mancher glückliche Einzelfall und die Zeit führten allmählich zu einer inneren Akzeptanz des anderen.
All diesen Bedrängnissen stand nun auf der anderen Seite der unbedingte Wille durchzuhalten gegenüber. Unermüdlich wurde gearbeitet, um den Unterhalt zu sichern. Wir fünf waren in das Kämpfen ums Notwendigste mit eingebunden. Wie dieses Sich-Abrackern konkret ablief, nicht ohne Eifer und Freude, das soll w. u. eingeblendet werden.
Ostern! Wie die Überschrift vermuten lässt, hinterließen die Auferstehungsfeierlichkeiten tiefe Eindrücke. Kirchliche Feiertage hatten im Jahreslauf ihren festen Platz, nur Ostern erlebten wir zweimal. Über viele Jahre hinweg waren es nämlich die „rumänischen“ Ostern, die wir als wiederkehrendes Wunder erlebten, jedes Mal, wenn die nächtliche Auferstehungsprozession feierlich durch unsere Gasse Richtung Lahováry zog, unterm Gesang des Chors, dem Schein der Kerzen, die jeder der Gläubigen in Händen hielt. In großer Zahl folgten sie ihren Priestern im festlichen Ornat unterm Baldachin. Es gab kaum ein Fenster in den Häusern links und rechts der Straße, das nicht durch Kerzenlicht und Blumenschmuck anzeigte, dass hinter den Vorhängen Erwachsene wie Kinder – jedwelcher Nation und Glaubensrichtung – ergriffen an der Andacht teilnahmen. – Nie zu vergessende Erfahrung von christlicher Solidarität in Jahren des Sozialismus. Nachdenken über Religion und Glauben, über die Grenzen der Konfessionen hinweg; vielleicht war sogar der Punkt erreicht, an dem ein besseres Verständnis der christlichen Offenbarung einsetzte. – Dieses Miteinander begann eigentlich schon an Gründonnerstag, wenn mit den Hammerschlägen der toaca Christi Leidensweg ins Tagesgeschehen herein geholt wurde. Unverwechselbar der Rhythmus. – Wie oft haben meine Brüder da mitgemacht!
So haben wir Christentum als ein einigendes Band erlebt, doch nicht ohne Wermutstropfen: Uns Katholiken war nämlich die Auferstehungsprozession zu später Stunde untersagt worden. Um 18 Uhr konnte gestartet werden – bei Tageslicht und starkem Verkehr  um das Karree: Kirche, um das altes Grundhaus herum (wo jetzt das Schulgebäude steht), einst Verwaltungssitz für diesen Bezirk, hinein in die Turghenievgasse, vorbei am Haus, in dem noch die Witwe des verdienstvollen Prof. D. Lintia wohnte, kurz darauf, beim Albert-Haus (bewohnt u. a. von Hans und Irene Mokka geb. Albert mit den beiden Kindern Horst und Heike Fassel, von dem allseits bekannten Musiklehrer und Chorleiter Mathias Schork und seiner Ehefrau) abbiegen in die „Russengasse“, der Kaserne entlang – abermals um die Ecke – der 6er Straßenbahnlinie entlang (ehemalige Wilhelm- Mühle- Straße) zurück zum Kircheneingang. Da konnte keine rechte Andacht aufkommen. Überdies dachte so mancher der Gläubigen an die zu dieser Zeit bereits zu hohen Gefängnisstrafen verurteilten Geistlichen, nicht zuletzt an Bischof Augustin Pacha und Schwester Hildegardis / Dr. Hildegardis Wulff und das Schicksal der Lioba- Benediktinerinnen, die in der Elisabethstadt ihr Heim und Kloster gehabt hatten.
Aus einem Abstand von so vielen Jahrzehnten betrachtet, waren für uns fünf  die Jahre mit dem sich wiederholenden nächtlichen Auferstehungswunder eine  überaus glückliche Zeit, auch wenn wir – wie viele Altersgenossen manche Verunsicherung und Spannung, manchen Zweifel mit uns herumtrugen. Der bis zum Rand ausgefüllte Alltag, unser eigener Optimismus und der unserer Eltern halfen uns darüber hinweg. – Und so sah unser Alltag aus:
Vater war neben seinem schlecht bezahlten Lehrerberuf seit 1947 Imker (wie halfen beim Schleudern). Zusammen mit uns bearbeitete er „um die Hälfte“ [des Ertrags] zwei Gärten alter Frauen, ging zur Zeit der Weizenernte in den Schnitt um einen Anteil in natura. Wir zogen jedes Jahr ein Ferkel groß, mit Küchenabfällen, die wir täglich bei Verwandten und Bekannten einsammelten, schafften uns eine Ziege an, hielten ein paar Hühner, standen um Petroleum und Lebensmittel an. Mutter ging in Stelle und pinselte in ihrer Freizeit hübsche Andenken, die es im staatlichen Handel nicht gab: Glückwunschkärtchen und Lesezeichen für Weihnachten, Ostern, zur Erstkommunion; bemalte kleine gedrechselte Andenken für die Sommerfrischler, die „Luftschnapper“ in Wolfsberg oder auf dem Semenic. Mutter und Vater sangen mit uns, waren darauf bedacht, dass wir schwimmen lernten usw. Vater verdiente sich ein Zubrot als Sänger im Chor der Philharmonie; erklärte uns bei jeder Gelegenheit den Nutzen von Pflanzen, kannte die Geschichte unsrer Vaterstadt.
Auch wenn sich unversehens – immer wieder – politisch motivierte schlimme Vorfälle ereigneten, so fiel es den „Jungen“ in der Regel weniger schwer als manchem der Älteren, sich an dem aufzurichten, was erlaubt war, was uns geboten wurde: der Unterricht in deutscher Muttersprache (wieder zugelassen seit der Unterrichtsreform von 1948), die Möglichkeit, ein deutsches Theater zu besuchen, eine Tageszeitung in der Muttersprache zu beziehen, am Religionsunterricht im Innenraum der Kirche bzw. in der  Sakristei teilzunehmen oder sich als Pfarrjugend zu treffen; die Matinee- Aufführungen der Philharmonie zu besuchen, Zeit zum Lesen. In der Bibliothek unserer Eltern fand jeder das eben passende Buch. – Freilich, jedes Kind und jeder Jugendliche wusste, was gesagt werden durfte, was hingegen gefährlich war, wem man was anvertrauen durfte. – Schulen, die engere Nachbarschaft, der Arbeitsplatz boten viele Gelegenheiten, sich näher kennen zu lernen. Immer öfter kam es zu Freundschaften, die Bestand hatten, trotz mancher neuer Hiebe in den Nacken von Seiten der Regierung.
Die Erinnerung an treue Bindungen ist ebenfalls Teil meiner Sehnsucht, freilich: durchzogen von Wehmut, weil fast alle, an denen das Herz hing, nicht mehr leben. Je älter ich bin, desto dankbarer erkenne ich im Glauben an die Auferstehung den Ausblick, die Nähe der Verheißung. – Für Temeswar. wünsche ich mir – an das Beispiel der Turghenievgasse denkend -, dass zur Osterzeit an möglichst vielen Häusern Fenster aufleuchten, zum Zeicchen, dass die Frohe Botschaft des Sieges über den Tod angekommen ist.
Ans Ende setze ich die Worte, mit denen auch mein Brief endet:
Bewegt von solchen Erinnerungen / Gedanken wünsche ich Ihnen, den Mitarbeitern der Diözese, den Exzellenzen Bischof Martin Roos und Bischof Csaba Pál eine segensreiche Zeit über das Osterfest hinaus, persönlich Gesundheit, ersprießliches Wirken – und für uns alle – weltweit – eine friedlichere Zeit.

Ihre
Radegunde Täuber