Liebe Schwestern und Brüder, liebe ehemalige Russlanddeportierten!
Wir haben soeben das Evangelium gehört, welches darüber spricht, was Jesus hier auf der Erde getan hat und tut. Hören wir einen Teil davon noch einmal: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; / denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt,/ damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde / und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.“ (Lk 4, 18-19)
Bleiben wir hier stehen. Wir gedenken unserer ehemaligen Deportierten, die nach Russland verschleppt wurden nur darum, weil sie Deutsche waren. Sie haben dort grausame Qualen, ja sogar Folter erdulden müssen, viele sind dann auch gestorben. Das Leid ist ein Geheimnis. Kaum können wir es in seiner Tiefe verstehen.
Hören wir jetzt das Zeugnis eines Menschen, der 10 Jahre lang in Russland verschleppt war und im Jahre 2017, im Alter von 100 Jahren, gestorben ist. Es ist die Rede über den Benediktiner Ordensmann P. Dr. Placidus Olofsson OSB (1916-2017). Er beschreibt wie der Glaube ihm und seinen Mitgefangenen in jenen grausamen Situationen geholfen hat. Sie haben mit den anderen Deportierten vier Regeln ausgearbeitet, die vielen von ihnen geholfen haben. Ich beschreibe sie hier, denn es ist möglich, dass sie auch uns heute helfen können. Ich zitiere ihn mit wenigen Auszügen aus einem Interview mit ihm, kurz vor seinem Tod:
Die erste Regel: Das Leid dürfen wir nicht allzu ernst nehmen. Das würde uns nur schwächer machen, wobei ich ja, um das Leid zu ertragen, all meine Energie brauche, sagte er. Somit haben wir nicht erlaubt, dass jemand beginnt sich zu beklagen. Wenn jemand damit begonnen hat, dann haben wir ihn nach einem halben Satz unterbrochen und wir haben ihn gebeten, dass er über seinen Beruf reden möge, uns seine Fachkenntnisse mitteile. In diesen zehn Jahren habe ich so unzählige Berufe erlernt… Das war aber ein Begriff: wir dürfen uns nicht beklagen! Also, die erste Regel: wir sollen das Leid nicht allzu ernst nehmen und uns nicht beklagen. Das ist auch heutzutage keine schlechte Regel, denn es gefällt uns ja auch, uns zu beklagen. Wenn jemand zum Beispiel einen Mercedes besitzt und das Benzin ein bisschen teurer geworden ist, dann beklagt sich dieser Mensch vom Morgen bis zum Abend eben darüber, dass das Benzin teurer geworden ist.
Pater Placidus beschreibt auch die zweite Regel: Wir sollen die kleinen Freuden des Lebens suchen, denn es gibt viel Freude, aber wir bemerken sie oft nicht. Es war nicht leicht unter jenen entsetzlichen Umständen zu erlernen, dass es sogar auch dann noch im Leben kleine Freuden gibt. Wir sollten diese entdecken und uns freuen, denn das ist die Kunst des Lebens, erzählte Pater Placidus. Damals fanden die olympischen Spiele von Helsinki (Sommer 1952) statt. Auch wir haben Olympia gespielt und wir haben es so gemacht: 6 oder 8 Personen unter uns machten Wettbewerb, wer während des Tages mehrere kleine Freuden findet. Der wird Sieger werden. Diese Sieger bildeten dann eine zweite Gruppe, in der wir dann den Olympiasieger fanden. Einmal hatten wir einen Sieger, der 17 Freuden an einem Tag gefunden hatte. Und er schilderte am Ende: Brüder, ich hatte keine Zeit zum Leiden, denn ich sollte die kleinen Freuden suchen und sie im Gedächtnis immer wieder wiederholen, damit ich sie am Abend auch aufzählen kann.
Die dritte Regel, laut Pater Placidus: Wenn ich mich damit nicht abfinden will, dass ich vor dem Menschen mit der Pistole nur eine Ameise bin, dann muss ich meine ganzen Kräfte sammeln, um zu zeigen, zu beweisen, dass ich menschlicher, besser, edler bin als der Bewaffnete. Das mobilisierte unsere Energie, sagte Pater Placidus und erzählte auch ein Beispiel: Irgendwann erhielten wir ein Papier zum unterschreiben, dass wir in 6 Tagen zurück in die Heimat gelassen werden. Das bedeutete, dass wir in diesen letzten 6 Tagen nicht mehr arbeiten mussten. Während wir aber noch mit dem Unterschreiben beschäftigt waren, kam der Fabrikdirektor böse schreiend zu uns, dass er keine Prämie mehr bekommen wird, weil wir den Plan in diesen Tagen nicht erfüllen werden. Jetzt bot sich uns die Gelegenheit an, zu zeigen, wer wir sind, unsere Menschlichkeit zu beweisen. Wir haben entschieden, dass eine Gruppe unter uns, obwohl wir nicht dazu verpflichtet waren, diese Arbeit in den nächsten 6 Tagen erfüllt, damit der Direktor seine Prämie bekommt. Es ist eine Kleinigkeit, aber das hat uns sehr viel geholfen in unserem Selbstbewusstsein. Dem Menschen, der uns 10 Jahre lang gedemütigt hatte, konnten wir nun zeigen, dass wir Menschen sind, dass wir anders sind als er.
Die vierte Regel: Wer sich in irgendetwas verankern kann, der vermag das Leid leichter zu ertragen. Wir, gläubige Menschen, hatten jemanden, an wen wir uns klammern konnten: an den lieben Gott. Deswegen war es für uns leichter, alles zu ertragen. Wir haben noch hinzugefügt, dass Er ja allmächtig ist und Er will, dass wir das alles überleben. Das war etwas Großartiges!
Bisher das Zeugnis von Pater Placidus…
Die vier Überlebensregeln sind aber – denke ich, liebe Schwestern und Brüder, – auch für uns gültig: das Leid sollen wir nicht zu ernst nehmen; die kleinen Freuden des Lebens sollen wir erkennen und feiern; wir dürfen nicht behaupten „ich bin der beste Mensch auf Erden“, denn der andere kann auch ein besonderer Mensch sein, aber unter schwierigen Umständen muss ich edler sein, als mein Umfeld; und schließlich: ich soll mir dessen bewusst sein, dass auch der liebe Gott will, dass ich meine jetzige Schwierigkeiten und Leiden überwinde, – wenn ich mich in Ihm verankere, schaffe ich das leichter.
Heute beten wir für unsere lieben Deportierten, die schon zum lieben Gott heimgegangen sind, aber auch für diejenigen, die noch am Leben sind, dass sowohl die einen, als auch die anderen die Nähe und Güte Gottes erfahren. Was wir von ihnen lernen können, dass soll uns in unserem Leben Wegweiser sein. Amen.
Domkirche zum Hl. Georg,
römisch-katholische Kathedrale von Temeswar,
Sonntag, 26. Januar 2025, 10.00 Uhr,
Hl. Messe in deutscher Sprache







