Das historische Tiroler Land gehört heute teils zu Österreich, teils zu Italien. Doch nicht nur diese Region trägt diesen Namen. Es gibt auch eine gleichnamige Ortschaft im heutigen Südtirol in Italien, die im 11. Jahrhundert als Sitz der Grafschaft Tirol diente und praktisch dem gesamten Land den Namen gab. Darüber hinaus finden sich zwei weitere Ortschaften in Südamerika: Dorf Tirol in Brasilien und Puerto Tirol in Argentinien. Beide wurden von Tiroler Auswanderern gegründet – ebenso wie das banater Dorf Tirol im Jahr 1810, das auf Deutsch auch Königsgnad genannt wird.
Wer seine Heimat verlässt, kann nur wenig Besitz mitnehmen. So machten sich auch die Tiroler mit nur wenigen persönlichen Habseligkeiten auf den Weg in ihre neue Heimat. Doch im Herzen trugen sie Hoffnung, Entschlossenheit, Ausdauer und ihr Vertrauen in ihre Fürsprecherin, die Heilige Maria, deren Bild – Mariahilf – sie als kostbaren Schatz in ihrer Kirche bewahrten. In ihrer alten Heimat Tirol – ja, im gesamten Alpenraum – wurde das Mariahilf‑Gnadenbild am meisten verehrt. Es zeigt die innige, zutiefst vertraute Beziehung zwischen der Gottesmutter und dem Jesuskind. Zugleich ist der Ruf Maria hilf! auch ein inständiges Gebet.
Historischer Hintergrund
Nach der Französischen Revolution von 1789 fürchteten die Monarchien Europas – darunter auch das römisch-deutsche Kaisertum –, dass sich die revolutionären Ideen auf ihre eigenen Gebiete ausbreiten könnten. Napoleon, der Feldherr des revolutionären Frankreichs, führte mehrere Feldzüge gegen das Haus Habsburg, um den Einfluss Frankreichs zu stärken. Tirol gehörte damals zum Kaiserreich Österreich und war ein strategisch wichtiges Gebiet: ein Durchgang zwischen Nord- und Südeuropa über die Alpen. Wer das zwischen den Bergen eingeklemmte Tiroler Land beherrschte, kontrollierte die Verkehrswege nach Deutschland, Italien und Österreich.
Napoleon eroberte zunächst Norditalien und gelangte damit unmittelbar an die Grenze Tirols. In der Schlacht bei Austerlitz (1805) besiegte er das russisch‑österreichische Heer, und im Frieden von Pressburg (1805) musste Österreich Tirol an Bayern, Napoleons Verbündeten, abtreten. Unter bayerischer Herrschaft wurden in der tief religiösen, traditionsbewussten Tiroler Bevölkerung die bisherigen kirchlichen Privilegien aufgehoben und neue Steuern eingeführt – und all dies geschah im Schatten der Macht des französischen Kaisers aus eigenen Gnaden.
Die Einheimischen blieben jedoch weiterhin den Habsburgern treu und erhoben sich deshalb 1809 gegen die Fremdherrschaft. Der Aufstand wurde von Andreas Hofer angeführt und war zunächst erfolgreich, doch Napoleon entsandte erneut Truppen und schlug die Erhebung blutig nieder. Nach Hofers Hinrichtung verließen viele Tiroler als politische Flüchtlinge ihre Heimat. Ein Teil von ihnen siedelte sich in den östlichen Provinzen des Habsburgerreiches an, darunter auch im Banat, wo sie auf ein neues Leben hofften.
In der neuen Heimat
Darüber, wie das neue Leben im Banat – im Gebiet des heutigen Karasch‑Sewerin (Caraș‑Severin) – aussah, können sich Interessierte im Werk Die Gründung der Tiroler Kolonie Königsgnade im Banat von Ferdinand Hirn informieren. Der Autor beschreibt darin mit umfassender Gründlichkeit die Umstände der Gründung der Siedlung „Königsgnad“ und widmet mehrere Seiten sowohl dem historischen Hintergrund als auch der Lage, die zur Flucht der Tiroler führte.
Über die Anfänge von Tirol ist folgendes zu lesen:
„In der kaiserlichen Entschließung vom 1. September 1810 (…) der Monarch verhält alle Behörden, der Ansiedelung der Tiroler die größte Aufmerksamkeit zu widmen; da die erwartete Einwanderung aus den illyrischen Provinzen völlig ausgeblieben sei, ordnet er die Erbauung von 30 Häusern im Gemeindegebiete von Füzes an, (…) und den Komitatsingenieur, weist einen Reisevorschuß von 50 fl. wie auch zur Anschaffung der ersten Einrichtungsgegenstände eine Unterstützung von je 100 fl. an, die jedoch erst dann auszubezahlen sei, wenn die Siedler am Orte ihrer Bestimmung eingetroffen wären. (…) Nun erging an die ungarische Hofkammer der Befehl, sofort durch die Temeser Kameralverwaltung mit den Bauen von 30 Häusern beginnen zu lassen; sie seien aus gestampfter Erde aufzuführen und im Geschmacke der Tiroler zu halten; diese hätten hiebei Handlangerdienste zu leisten.“
Die ersten Tiroler, die zu einer „Erkundungsreise“ ins Banat aufbrachen, waren zwei hochangesehene Männer: Speckbacher und Thalguter. Die Behörden „Mit Rücksicht auf die gute Absicht, welche die Bittsteller leitete, wird auch das weitere Verlangen, es solle tunlichst bald zur Erbauung der Kirche, eines katholischen Pfarrhofes und der Schule geschritten werden, mit der Bemerkung gut geheißen, daß diese Last ohnehin der Grundherrschaft obliege, die hierfür das Patronatsrecht in Anspruch nehmen dürfe. (…) Fast ein halbes Jahr bevor alle die Siedlung betreffenden Fragen in der erwähnten Weise ihre Erledigung fanden, waren die ersten Tiroler in die neue Heimat aufgebrochen; ihr Geschick gestaltete sich wahrhaft erschütternd. Die unfreiwillige lange Rast in Ofen zehrte rasch den spärlichen Reisevorschuß auf, welchen sie in Wien erhalten hatten; die ungarische Hofkammer zahlte daher die zweite Rate von 30 fl. aus, ein Vorgehen, das der Hof völlig billigte. Des Zwanges müde, zogen sie dann auf eigene Faust in das Banat weiter. Im Herbst 1810 folgten verschiedene andere, zumeist junge Leute und Stellenflüchtlinge.“
Das Elend der ersten Siedler wurde durch den hereinbrechenden Winter noch verstärkt. Deshalb „Kameralbeamte Karl Richter in Detta nach dem Auskunftsmittel gegriffen, sie bei den dortigen deutschen Untertanen einquartieren und verpflegen zu lassen. Wohl waren für den Unterhalt täglich 30 Kreuzer angewiesen worden; der Beamte bemühte sich überdies nach besten Kräften, den Armen noch Verdienst zu verschaffen. Allein die Ankunft der Leute war zu einer Zeit erfolgt, als der Winter vor der Türe stand; es fand sich nur selten eine passende Arbeitsgelegenheit; daher steigerte sich die Not der Heimatlosen mit jedem Tage. Die ungeordnete Lebensweise wie auch die fremdartigen klimatischen Verhältnisse schädigten die Gesundheit der Angekommenen. Mit rühmenswertem Eifer nahm sich der Chirurg in Detta Franz Jäger der Kranken an.“
Wie der Autor am Ende des 1920 erschienenen Bandes anmerkt, „Nur 22 Familien blieben in Königsgnade zurück, von denen der unerbittliche Tod alle bis auf eine einzige hinwegraffte; heute befindet sich in Királykegye nur noch die Familie Zauner, deren Ahnen einst aus Tirol einwanderten.“
Das Geschenk des Kaisers: ein vergoldetes Kreuz und ein Marien-Bild
Werfen wir einen Blick in ein anderes mehrbändiges Werk, in die umfassende Reihe Erbe und Auftrag des emeritierten temeswarer Bischofs Martin Roos. Im Band I, 2b schreibt der Autor über die Gründung der Ortschaft Tirol / Königsgnad, die aus Dankbarkeit „der königlichen Gnade“ gewidmet wurde, Folgendes: „Als Napoleon auf seinem Siegeszug nach Osten auch das Land Tirol unter seine Herrschaft brachte, erhob sich hier Kind und Kegel gegen die fremden Besatzer. Dabei stand auch der Klerus nicht abseits. Napoleon wieder schickte unter einem französischen General Bayerische Abteilungen ins Land, die durch ihre Grausamkeiten an der Zivilbevölkerung sich den elementaren Haß der Landeskinder zuzogen. Unter Andreas Hofer und Josef Speckbacher errangen die Tiroler am 13. April 1809 am Bergisel bei Innsbruck einen glänzenden Sieg. Nur mit Mühe konnte sich der Franzose aus der verdammten Provinz – wie es die Besiegten sahen – nach Bayern flüchten.
Andreas Hofer aber wurde im Januar 1810 gefangen genommen und in den Festungsgräben von Mantua am 19. Februar erschossen. Im Wiener Friedens-vertrag, der für die Österreicher sehr nachteilig ausgefallen war, mußte der Kaiser auch Tirol seinem Schicksal überlassen. Die Getreuen Hofers erbaten sich unter Josef Speckbacher von Kaiser Franz I. einen Siedlungsplatz in Ungarn, was ihnen gerne gewährt wurde. Nach längerem Suchen entschieden sich die Tiroler Flüchtlinge für ein Gelände im Banater Bergland im Komitat Karasch, zwischen Doklin, Fizesch und Binisch, dass sie rodeten und aus Dankbarkeit Königsgnad nannten.
Die ersten Familien ließen sich hier im Frühsommer 1810 nieder (eher 1812), denen dann weitere im Spätherbst desselben Jahres und im Frühjahr 1811 (1813) folgten. Unter den Letzteren war auch Pfarrer Matthäus Johannes Stueffer, der sich aus seinem Versteck ebenfalls zur Auswanderung entschlossen hatte, der sich zusammen mit seinem jüngeren Bruder Aloys, der kaiserlicher Leutnant in der Armee war, in Königsgnad einfand. Matthäus wurde der erste Ortspfarrer und sein Bruder war für die Sicherheit im Dorf zuständig.
Das Wohlwollen des Kaisers den Siedlern gegenüber war gesichert, die Behörden aber angewiesen worden, den Flüchtlingen größtmögliche Unterstützung angedeihen zu lassen. Bei der kaiserlichen Audienz schenkte der Monarch seinen Tiroler Getreuen ein vergoldetes Holzkreuz mit einer Kreuzreliquie, die Behörden am Ort aber der kleinen Holzkapelle, die man schon bald errichtet hatte, ein Maria-Hilf-Bild. Beide befinden sich auch heute noch in der Kirche von Königsgnad, dass man auch als Tirol kennt (Inzwischen wurden beide Gegenstände ins Diözesanmuseum gebracht und das Maria-Hilf-Bild am Hauptaltar durch eine Kopie ersetzt).
Doch die Tiroler blieben nicht lange. Viele wanderten, als sich die politischen Verhältnisse wieder stabilisiert hatten, in ihre alte Heimat zurück, und auch Pfarrer Stueffer erhielt Anfang 1818 die Pfarrei der Temeswarer Josefstadt, wo er noch 42 Jahre bis zu seinem Tod segensreich wirkte. Ein Großteil seiner Gläubigen folgten ihm und ließen sich in der Tiroler Gasse in den Alten Meyerhöfen zu Temeswar, später Elisabethstadt genannt, nieder.“ Ebenda bemerkt der Autor, der emeritierte Bischof Martin Roos, dass Bischof Josef Lonovics anlässlich seiner ersten Visitationsreise am 18. August 1838 auch die Ortschaft Tirol aufgesucht hat.
Was genau ist das „Mariahilf“-Bild?
Der Mariahilf‑Typus ist eine ikonographische Bildform, deren ursprüngliches und bekanntestes Beispiel aus der Werkstatt von Lucas Cranach d. Ä. (1472–1553) stammt. Cranach war eine der zentralen Gestalten der deutschen Renaissance, Zeitgenosse Albrecht Dürers und Hofmaler der sächsischen Kurfürsten; seine Werkstatt befand sich in Wittenberg.
Das Mariahilf‑Bild ist nicht ein einzelnes Werk, sondern ein Bildtypus, den Cranach und seine Werkstatt in mehreren Varianten geschaffen haben. Die Komposition ist schlicht, klar, fast ikonenhaft und leicht zu vervielfältigen – daher verbreitete sie sich rasch. Die bekannteste Fassung ist das Gnadenbild im Innsbrucker Dom, nach dessen Vorbild auch das Tiroler Mariahilf‑Bild entstand.
Charakteristisch ist die Darstellung der Gottesmutter im Halbprofil oder leicht zur Seite gewandt, während sie das Jesuskind auf dem Arm hält. Das Kind schmiegt sich eng an Maria und berührt ihr Gesicht. Die Farbgebung folgt den klassischen Marienfarben: tiefblaues Gewand, roter Mantel, weißer Schleier.
Für die Siedler, die in ihre neue Heimat aufbrachen, wurde das in Innsbruck verehrte Marien‑Gnadenbild zu einem Zeichen ihrer Identität und zu einem Symbol der alten Heimat. Die Tiroler Fassung des Mariahilf‑Bildes ist eine barocke Nachbildung des Originals, geprägt von wärmeren Farbtönen, weicheren Gesichtszügen und einem ausdrucksstarken, innigen Blick.
Eine ähnliche Darstellung der Gottesmutter findet sich auch am Seitenaltar des hl. Josef in der Domkirche zum hl. Georg in Temeswar, eingefasst in einen reich verzierten, vergoldeten Barockrahmen. Darüber schreibt der emeritierte Temeswarer Bischof Martin Roos im ersten Band seines Werkes „Die Kathedrale zum hl. Georg zu Temeswar“: „Auf der Mensa, dem Altartisch ist das Gnadenbild Maria-Hilf in einem hervorragend gearbeiteten Rahmen mit dem Marien-Monogramm und einem Strahlenkranz abgestellt. Vor dem Original des Gnadenbildes zu Passau suchte und fand Kaiser Leopold I, zur Zeit der Türkenbelagerung Wiens 1683 Zuflucht und Hilfe.“
Dargebrachte Münzen und Medaillen
Das Marien‑Gnadenbild der Kirche von Königsgnad wurde im Laufe der Zeit mit zwei vergoldeten Silberkronen gekrönt. Zugleich legten die Tiroler vor dem Mariahilf‑Gnadenbild der Kirche im Laufe der Jahre Silbermünzen und Medaillen nieder – als Dankopfer und als Bitte um Schutz.
Unter den elf Münzen und Medaillen befinden sich:
- Münze aus der Regierungszeit Kaiser Franz’ I. (1792–1835), die sowohl in Ungarn als auch im Temescher Banat im Umlauf war.
- 30‑Kreuzer‑Silbermünze von 1749 aus der Regierungszeit von Franz I., römisch‑deutscher Kaiser (Franz Stephan von Lothringen, Gemahl Maria Theresias; reg. 1745–1765), mit der Aufschrift In Te Domine Speravi – „Auf Dich, Herr, habe ich gehofft“. Diese Umlaufmünze wurde wegen des Psalmzitates häufig auch als Votivmedaille verwendet.
- Silbermünze zum Millennium der ungarischen Landnahme: Zur Erinnerung an das tausendjährige Ungarn, im Wert von 1 Krone, aus der Regierungszeit Kaiser Franz Josephs I.
- Offizielle Tiroler Erinnerungsmedaille für die Verteidiger Tirols mit dem Porträt Kaiser Franz’ II. (1790–1805). Aufschrift: FRANZ II R. K. ERZ. ZU OEST. GEF. GRAF VON TYROL – Franz II., römisch‑deutscher Kaiser (1792–1806, später Kaiser Franz I. von Österreich), römisch‑kaiserlicher Erzherzog von Österreich, gefürsteter Graf von Tirol. Dies ist keine Umlaufmünze, sondern eine Treue‑ und Ehrenmedaille, die in Tirol zu Ehren des Kaisers herausgegeben wurde, besonders während der französischen Kriege. Unter dem Porträt steht der Name des Siegelschneiders: L. W. WIRT. (Ludwig W. Wirt, Tiroler Medailleur). Rückseite: DEN TAPFEREN VERTEIDIGERN DES VATERLANDES MDCCXCVII.
- 5‑Kronen‑Silbergedenkmünze von 1908 zum 60‑jährigen Regierungsjubiläum Kaiser Franz Josephs I. Vorderseite: FRANC IOS I D G IMP AVSTR REX BOH GAL ILL ETC ET AP REX HVNG. Rückseite: 1848 1908 5 COR DVODECIM LVSTRIS GLORIOSE PERACTIS.
Unter dem Schutz der Gottesmutter fanden die Tiroler im Banat eine neue Heimat. Die Geschichte von Königsgnad erinnert uns bis heute daran, dass aus dem Glauben erwachsener Mut und das Vertrauen in die Gottesmutter eine neue Heimat, einen neuen Anfang und eine neue Zukunft schenken können — und dass dieses aus Gnade geborene Erbe bis heute unter uns lebendig ist.
Pressestelle der Diözese Temeswar










