Am 3. Juli dieses Jahres waren es bereits 100 Jahre seit der Geburt des Priesters und Meisters der Orgelkunst, Josef Gerstenengst.
Gegen Ende des Jahres 1958 kam Josef Gerstenengst nach Bukarest, um für einige Monate pastorale und künstlerische Unterstützung bzw. Hilfeleistung dem Sankt–Josef-Dom zu bieten. Da man aber die Hilfe des Pfarrers und Künstlers für längere Zeit brauchte bzw. in Anspruch nehmen musste, verlängerte er seinen Aufenthalt in Bukarest und blieb da bis zum Ende seines Lebens im Januar 1992.
Als Priester war er sehr geschätzt für seine weisen Ratschläge, die er denen gab, die zu ihm zur Beichte kamen aber auch für seinen Takt und sein Mitgefühl bei seinen Krankenbesuchen.
Als Künstler wurde er sehr gelobt und gewürdigt für seine Konzerte, besonders im Dom aber auch im Athenaeum oder Radiosaal. Seine Kunst prägte gleichzeitig die Lehrlinge, die er im Laufe der Zeit ausgebildet hatte, die durch ihr Können Zeugnis ablegten und auch heute noch Zeugen dessen sind, was Josef Gerstenengst für ihren Werdegang bedeutet hat.
Aber Josef Gerstenengst zeigte seine Kunst nicht nur in Bukarest. Seine Laufbahn begann eigentlich im Alter von 13 Jahren, im Rahmen eines Festivals, das vom Deutschen Katholischen Lyzeum Temeswar, dessen Schüler er war, veranstalt wurde. Damals trug er ein Solfegietto von Philipp Emanuel Bach am Klavier vor. Mit 17 Jahren wurde er bereits von mehreren Temeswarer Zeitungen lobpreisend erwähnt, nachdem er die A-Dur-Sonate von Mozart in einem vom gleichen Lyzeum veranstalteten Konzert spielte.
Gleichzeitig mit dem begonnenen Studium an der Temeswarer Theologischen Akademie (Priesterseminar des lateinischen Ritus) wollte Josef Gerstenengst seine Kenntnisse über die Orgelkunst vertiefen und bald darauf gab er mehrere Konzerte in den Kirchen von Temeswar aber auch in Tschakowa (sein Heimatort).
Nach der Priesterweihe im Jahr 1945 und seiner Ernennung zum Kaplan der katholischen Pfarre Reschitza 1946 entfaltete der junge Seelsorger eine wunderbare und lobenswerte künstlerische Tätigkeit mit dem Kirchenchor dieser Pfarre. Gleichzeitig spielte er gegen Ende der 40-er Jahre in zahlreichen Konzerten und Orgelabenden in den Kirchen Banater Ortschaften wie Karansebesch, Orawitz, Temeswar, Tschakowa, später auch im Sankt-JosefDom zu Bukarest. Anfang der 50-er Jahre wurde er nach Temeswar, Großwardein, Klausenburg, Großkarl, Orschowa und sehr oft nach Hermannstadt für Konzerte eingeladen.
Nach seiner Übersiedlung nach Bukarest gab Josef Gerstenengst regelmäßig Orgelabende und -konzerte sowohl in Bukarest (besonders in der Sankt-Josef-Kathedrale) aber auch in anderen Ortschaften des Landes (Ploiesti, Temeswar, Großwardein, Tschakowa, Reschitza, Craiova, Kronstadt, Neumarkt, Klausenburg, Sathmar, Hermannstadt, Jassy, Constanta, Timisul de Sus, Turnu Severin, Sächsisch-Regen, Karlsburg, Botosani, Piatra Neamt usw). Gleichzeitig gab er Orgelkonzerte in vielen Hauptstädten europäischer Länder wie Ungarn, Polen, Österreich, Tschechoslowakei, in der BRD, in der DDR, Jugoslawien, Slowenien, Belgien, Frankreich, England, Italien, in der Schweiz, in Kroatien, in der UdSSR (Sowjetunion), Dänemark, Schweden, Finnland, Bulgarien, Holland und in den Vereinigten Staaten.
Das Repertoire seiner Konzerte war sehr reich und vielseitig und umfasste sowohl  Werke klassischer als auch zeitgenössischer Komponisten, besonders Werke der rumänischen Komponisten.
Es ist schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, die Namen all derer zu erwähnen, bzw. festzuhalten, mit denen er im Laufe der Zeit mitgewirkt hatte: Dirigenten, Solisten, Chöre, Orchester sowohl aus dem In-, als auch dem Ausland.
Für seine sehr beeindruckende und außergewöhnliche künstlerische Laufbahn wurde Josef Gerstenengst durch zahlreiche Konzerte geehrt und gewürdigt. Er erhielt sehr viele Auszeichnungen, unter welchen die des Ehrendomherrs (Canonicus ad Honorem) des Temeswarer Doms oder die des Doctor Honoris Causa der Internationalen Universitäts-Stiftung „Marquis Giuseppe Scicluna” hervorzuheben sind.
Wer sich für den Lebenslauf, die Konzerte, das Repertoire oder die Mitarbeiter von Josef Gerstenengst interessiert, bekommt ausführliche Informationen im Buch von Iosif Sava „Orga lui Iosif Gerstenenst“ („Die Orgel des Josef Gerstenengst“), erschienen beim Verlag des römisch katholischen Erzbistums Bukarest im Jahr 1991, oder im Artikel von Georg Colta, dem Dirigenten des „Harmonia Sacra“/Chores der röm.-kath. Pfarre Maria Schnee Reschitza, unter dem Titel „100 Jahre seit der Geburt von  Josef Gerstenengst (1920 – 2020)“, der auf der Seite (home page) des römisch-katholischen Bistums Temeswar am 13. Mai 2020 veröffentlicht wurde.

Welche Erinnerung über Josef Gerstenengst bewahren Sie?

Dr. Ioan Robu, em. Erzbischof-Metropolit von Bukarest
Welche Erinnerung ich bewahre? Pfarrer Josef Gerstenengst nannte mich nie weder Pater, noch Exzellenz, sondern sagte einfach Herr Kollege zu mir.
Er war mein Beichtvater lange Jahre hindurch. Ich hatte das Gefühl, dass er ein Ohr Gottes war, das, nachdem es dich gehört hat, erst in der sakramentalen Absolution der Beichte Stimme bekam.
Ich werde nie seine besondere Feinheit (sein Fingerspitzengefühl) im Verhältnis zu mir und zu anderen, seine überwältigende Bescheidenheit trotz aller Gaben und Talente, die er von Gott erhielt, vergessen.
In den Konzerten, die er im Sankt-Josef-Dom oder in so vielen anderen Orten der Welt gegeben hatte, erklang wahrhaftig die MUSIK, doch in ihr und durch sie durchdrang und  verkörperte sich auch der Glaube an den, der ihm die musikalische und priesterliche Berufung (zusammen) geschenkt hat.
Seine Erinnerung erfreut, entzückt mich und baut mich immer auf. Möge Gott ihn in seinem Licht selig haben!

Francisca Băltăceanu, em. Professor der Universität Bukarest
Einige Erinnerungen über den Priester und Menschen Josef Gerstenengst (Pater Seppi, wie ihn alle nannten.)
Er war ein sehr feiner und höflicher Mensch zu allen Leuten, oft äußerst untertänig. Vor jedem Gottesdienst kam er in den Beichtstuhl und „löste“ ziemlich schnell eine manchmal beträchtliche Schlange von Menschen, die zu einer „mini-invasiven“ Beichte kamen. Er wies auch jene wenigen älteren, sehr „gott-fürchtenden“, besser ultra-skrupulöse Leute genannt, ab, die auch mehrmals täglich zur Beichte kamen und die anderen Priestern loswerden wollten! So dass manche ihn auch noch „Zuflucht der Sünder“ nannten.
Als er zum Dom kam, übernahm er, da er der jüngste Seelsorger war, die Hausweihe in den entfernsten Wohnvierteln, denn damals gab es nicht viele Pfarreien. In jener Zeit besaßen die Priester kein Auto, sodass er ab dem 6. Januar durch viele finstere Gassen ging, beim Licht einer Laterne die Hausadressen von den Zetteln ablesend. Einmal fiel er in eine Kanalöffnnung ohne Deckel rein und nur der Instinkt der Armeaustreckung hielt seinen Kopf aus dem Kanalloch heraus. Dies erfahrend waren alle äußerst erschreckt, an seine so wertvollen Hände denkend. Er aber erzählte das Geschehene ziemlich humorvoll und belustigend.
Sein Verhalten war sehr natürlich, zeigte kein besonderes Selbstbewusstsein, sodass, nachdem er einmal eingeladen wurde, in einer großen europäischen Kathedrale ein Konzert zu geben, beim Eingang nicht eingelassen wurde, da er keine Eintrittskarte besaß. Nach einer Weile gelang es ihm doch zu erklären, dass ohne ihn das Konzert nicht stattfinden könne!
Er spielte die Orgel viel und oft, auch wenn es keine Messe gab. Aber immer mit solch einer Intensität und Feinheit, die zum Beten, zur Andacht geeignet waren.

Pfr. Tarciziu Hristofor Șerban
„Angelus Commuicationis“, römisch-katholisches Erzbistum Bukarest, 20. Sept. 2020
Übersetzung in Deutsch: Georg Colța

https://angelus.com.ro/2020-centenar-al-nasterii-unui-mare-om-al-bisericii-si-al-artei-organistice-iosif-gerstenengst/