M A R I A    R A D N A

500 Jahre Zuflucht und Zuversicht

200 Jahre seit der Konsekration der Basilika

Singende Pilger, Frauen in Trachten mit Kopftüchern, Kinder, die Süßigkeiten-Mitbringsel in den Händen halten, Pilger, die mit dem Bus aus fernen Ländern anreisen, und junge Leute in Stiefeln, die Rucksäcke tragen, alle gehen zur Kirche, die den Hügel dominiert. Dem Weg zum Hügel entlang beten an den Bildstöcken, die die Stationen des Kreuzes Jesu markieren – im Volksmund auch als Kalvarienberg bekannt – eine Handvoll Pilger mit einer weißen, gestickten Kirchenfahne. Sie beten laut den Rosenkranz. Diejenigen, die in der Richtung gehen, weichen in ehrfürchtiger Stille vor Ihnen aus. Seit vielen, vielen Jarzehnten begrüßt dieser Anblick alle, die die Kirche in Maria Radna anlässlich eines schönes Feiertags oder an einem ruhigen Wochentag besuchen. Die Gegenwart ist eine würdige Fortsetzung der Vergangenheit…

Der Ort Radna wird 1440 erstmals urkundlich erwähnt. Die mündliche Überlieferung besagt, daß um 1520 eine fromme Witwe in den Lippaer Weingärten, also zu Radna, eine Marien-Kapelle errichtet habe.
Der größte Teil Ungarns befand sich ebenfalls unter osmanischer Herrschaft. Die Bosnischen Väter, die Franziskaner, die ab 1626 in Radna wirkten, kamen als Begleiter ihrer Landsleute, die sich überall im Osmanischen Reich als Kaufleute niederließen, auch nach Radna. In deren Schatten waren die sonst anspruchslosen Mönche zu Nutznießern von Privilegien und Freiheiten geworden, die der Sultan allen Handelsleuten in seinem Reich gewährte. So konnten die Franziskaner mit stillschweigender Duldung der Türken Seelsorge betreiben, ja, sie erhielten sogar, gegen einen entsprechend hohen Bakschisch, kaiserliche Fermane, um verfallene Kirchen wieder aufzurichten und Gotteshäuser zu unterhalten. Aus schriftlichen Berichten aus den Jahren vor 1750 geht hervor, dass sich das heutige Gnadenbild, eine Gottesmutter vom Berge Karmel, schon 1668 in Radna befand. Es soll von einem hier lebenden Bosnier, Đjuro Vrichonossa, von einem Bilderkrammer abgekauft worden sein. Der bosnische Greis schenkte es später der Radnaer Kirche. Das Bild entstand in einer Druckerei in Norditalien. Zusammen mit dem Radnaer Bild verließen Hunderte, wenn nicht gar Tausende von Exemplaren dieses Bildes die Druckerpresse. Das Bild selbst misst 477 x 705 mm und ist auf mittelmäßigem Papier gedruckt; es weist oben sowie links und rechts eine Reihe von Szenen mit entsprechenden italienischen Texten auf: Alles Begebenheiten, in denen Menschen in Not die Hilfe der Gottesmutter wunderbar erfahren haben. Unterhalb der Madonna mit dem Jesu-Kind steht: La Beatissima Vergine del Carmine. Darunter sind die armen Seelen in den Flammen des Fegfeuers zu sehen. Das Bild ist heute auf einer Holztafel befestigt und an seinen Rändern mit Goldbrokatstreifen abgedeckt. Seit 1767 steht es auf dem Hochaltar der 1756 begonnenen heutigen Kirche. 1769/71 schuf der Wiener Goldschmidt Joseph Moser den prächtigen Silberrahmen, in dem das Bild auch heute noch verehrt wird. Ebenso schuf Moser 1767 die große Ewig-Licht-Ampel und 1768 zwei kleinere Ampeln, alle aus Silber.
Wie türkische Urkunden es nahelegen, hatte Radna 1642 auch eine verfallene, renovierungsbedürftige Kirche, die man um diese Zeit wieder instandesetzte. Im Jahre 1681 wurde sie abermals renoviert. In der 164 Jahre andauernden türkischen Herrschaft im Banat kam es öfters zu Kämpfen, wodurch verschiedene Ortschaften die Besitzer / Besatzer wechselten. Während solcher Kämpfe kam es wiederholt auch zu Zerstörungen von Kirchen. So wurde auch die Kirche von Radna 1695 ein Raub der Flammen, die ein türkischer Soldat gelegt hatte. Einem anderen Türken, der mit seinem Pferd in die Kirche eindringen wollte, soll, der Legende zufolge, der Huf seines Pferdes im Stein versunken sein, worauf Malerei und Stein an der rechten Seitenwand der Kirche aufmerksam machen.
Anna Maria Bummerin, die Frau eines Soldaten aus dem Heisterischen Infanterieregiment zu Arad, lag 1707, an der Pest bewußtlos darnieder. Vor ihrem Tode erwachte sie und sagte, die Pest werde in der Stadt Arad erst erlöschen, wenn man zur Kapelle der Gottesmutter nach Radna gepilgert sei. Daraufhin zogen die Arader Bürger in Prozessionen nach Radna und – so der Chronist – hörte die Pest zu Arad auf.
Doch diese erwies sich bald als zu klein, so dass 1756 mit dem Bau der heutigen Kirche begonnen wurde. Sie stellt einen stattlichen Hallenraum dar, der eine Länge von 56,2 m hat; das Schiff hat eine Breite von 19,8 m, die sich im Altarraum auf 9,3 verengt. Die Höhe der Kirche beträgt im Schiff 20,6 m und im Sanktuarium 18,8 m. Die Türme, die als letzte fertiggestellt und 1911 erhöht wurden, haben eine Höhe von 67 m.
Franz Anton Graf Engl zu Wagrain war zwischen 1750 und 1777 Bischof von Tschanad, mit Sitz in Temeswar. In den Pfingsttagen des Jahres 1767 übertrug er das Gnadenbild aus der alten in die neue, jetzige Kirche.
Den höchsten Gast beherbergte Radna wohl am 25. April 1768, als Kaiser Joseph II. mit seiner Begleitung in den Nachmittagsstunden der Gnadenmutter von Radna, wie auch dem Kloster einen Besuch abstattete. Damals, so weiß die Überlieferung zu berichten, soll er gesagt haben: Wäre ich nicht Kaiser in Wien, möchte ich Guardian in Radna sein! An dieses denkwürdige Ereignis in der Geschichte des Klosters erinnerte eine Pyramide auf dem sog. Kaiserhügel. Sie wurde 1776 errichtet und 1843 erneuert. Heute liegt diese Pyramide leider zerlegt auf dem benachbarten Militärgelände herum.
Ein weiteres wichtiges Datum ist der 9. April 1820. Auf seinem Weg von Siebenbürgen in seine neue Erzdiözese Gran (Esztergom) empfing Fürstprimas Alexander von Rudna, vor dem Gnadenbild zu Radna, aus der Hand des Bischofs Ladislaus Kőszeghy das erzbischöfliche Pallium. Aus Dankbarkeit gegenüber der Gnadenmutter, deren besonderer Verehrer er war, konsekrierte er ihre Kirche. Von Gran aus sandte er zwei goldene Kronen, mit denen Bischof Kőszeghy das Gnadenbild am 7. Juni desselben Jahres krönte. Erzbischof Rudnay war dem Gnadenort zeitlebens sehr verbunden. Er vermachte nach seinem Tode sein Herz der Gnadenkirche, wo es auch heute noch in einem Kristallgefäß aufbewahrt wird.
Der inzwischen heiliggesprochene Heilige Vater, Papst Johannes Paul II. erhob, mit dem päpstlichen Breve vom 28. August 1992, die Gnadenkirche, die cas Patrozinium „Mariä Verkündigung“ trägt, zur Würde einer Basilica Minor mit den entsprechenden Privilegien und Ablässen.
Über diesen historischen Ereignis schrieb Erzbischof Dr. Adalbert Boros in einem seiner Briefe: „Maria-Radna. Die Kirche erhielt vom Vatikan das Privileg einer Basilica Minor. Am ersten Sonntag im Mai wird die päpstliche Bulle feierlich verkündet. Es ist eine große Freude, mit Hilfe meiner guten ausländischen Kollegen einen so schönen Altar mit Marmorverkleidung „aus Dankbarkeit gegenüber Unseren Lieben Frau für alles“ errichten zu können.“ (Temeswar, 1992)
Im „Schau-Prozess“ von 1951 zu lebenslanger Haft und Zwangsarbeit verurteilt, unternahm Erzbischof Dr. Adalbert Boros am 5. August 1964, nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis von Gherla/ Neuschloss, nach 13 Jahren Haft, seine erste Reise zur Radnaer Kirche. „Ich kam um 12 Uhr in Radna an, bärtig und ungepflegt, und wurde von einem Franziskanerbruder empfangen. Er erkannte mich nicht; er dachte, ich sei ein Landstreicher. Ich sagte, ich suche den Guardian. Dann kam P. Ernő (Franz Harnisch) und er erkannte mich sofort. Ich habe mich gewaschen, rasiert und um halb drei die Messe gehalten.“ (Károly Hetényi Varga: Papi sorsok a horogkereszt és a vörös csillag árnyékában (Priesterschicksale im Schatten des Hakenkreuzes und des Roten Sterns) – aus einem Interview mit Erzbischof Dr. Adalbert Boros). In einem anderen Brief schrieb Dr. Boros: „5. August – An meinem Tag (dem Tag seiner Freilassung – unsere Anmerkung) ging ich dieses Jahr wieder nach Radna (mit Kaplan Kapor und Schwester Petronia) und hielt eine Dankmesse“ (…) Heute: 15. August: Ich weihte in Radna den neuen (Marmor-)Volksaltar: Ich schenke ihn Unserer Lieben Frau aus Dankbarkeit!! (Temeswar, den 15. August 1992). Dei tiefe Verehrung des Erzbischofs Unserer Lieben Frau gegenüber, hängt teilweise mit den Jahren seiner Gefangenschaft zusammen. Er erzählte, dass er im Gefängnis von Râmnicu Sărat seine Stimme verloren hat. Er konnte nur flüsternd Sprechen und war verzweifelt: was wird mit seiner weiteren priesterlichen Tätigkeit passieren, wenn er nicht mehr predigen können wird? Als er jedoch befreit wurde, bekam er bei der ersten Messe in der Kirche von Radna seine Stimme zurück. Er sah dies als ein Wunder Unserer Lieben Frau. Der Altar aus Russkitza-Marmor bewahrt noch immer die Erinnerung an den Erzbischof in der Basilica, der auch in der schwierigen Zeit der Trübsal seinem Glauben treu geblieben ist.
Die Wallfahrtskirche Maria-Radna ist unter Nr. 313 in der Liste der historischen Monumenten Rumäniens/ Kreis Arad, die unter Denkmalschutz stehen, aufgenommen worden. Sie Trägt die Code: AR-II-m-A-00616.01.
Die Basilika und das Kloster wurden 2008-2015 vom Bistum Temeswar, im Rahmen eines europäischen Projekts restauriert.

Maria Radna feiert heuer ein doppeltes Jubiläum: 500 Jahre seit der Errichtung der ersten Kapelle im damaligen Weinberg, am Ort der jetzigen Wallfahrtskirche, aber auch 200 Jahre seit der Kosekrierung des Gotteshauses durch den Erzbischof von Gran/Esztergom, durch den damaligen Fürstprimas Alexander Rudnay. Auch wenn die Gesundheitsvorschriften keine grossen Feierlichkeiten erlauben, kann der historische Moment nicht unmarkiert bleiben. Weit über das Jubiläum bleibt die heutige Realität: Radna repräsentiert für einen jeden von uns ein spezieller Ort, ein Ort der Seele, der das christliche Leben eines jeden von uns markiert hat, und das schon aus der Kindheit!
Die Ereignisse der Vergangenheit werden in schriftlichen Chroniken aufbewahrt; Augenzeugen sprechen am authentischsten über die jüngsten und gegenwärtigen Ereignisse. Viele von ihnen konnten erleben, bzw. sie litten unter den Exzessen derer, die die Macht ausübten. Aber nach den Veränderungen von 1989 wurden sie aktive Teilnehmer an der Erneuerung und Stärkung des Glaubens. Die nächsten Seiten enthalten die Worte unterschiedlichen Menschen: Gottesdiener, ältere Menschen, die an ihrer Religion festhalten, junge Menschen, die im Glauben aufwachsen, Bewahrer unserer gemeinsamer Feste und Pilger am jahrhundertealten Gnadenort von Maria-Radna.

(Das Pressebüro der Diözese Temeswar, übersetzung: Maria Lazar)