Der Advent, der liturgische Festkreis, in den wir jetzt eintreten, lädt uns ein, still zu verweilen, um eine Gegenwart zu erfassen. Er ist als eine Einladung zu verstehen, daß die einzelnen Ereignisse des Tages Hinweise sind, die Gott an uns richtet, Zeichen der Aufmerksamkeit, die er einem jeden von uns entgegenbringt. Wie oft läßt Gott uns etwas von seiner Liebe spüren! Sozusagen ein »inneres Tagebuch« über diese Liebe zu führen, wäre eine schöne und heilende Aufgabe für unser Leben! Der Advent lädt uns ein und spornt uns an, über die Gegenwart des Herrn nachzudenken. Sollte die Gewißheit seiner Gegenwart uns nicht helfen, die Welt mit anderen Augen zu sehen? Sollte sie uns nicht helfen, unser ganzes Leben als »Besuch« zu betrachten, als eine Weise, wie er in jeder Situation zu uns kommen und uns nahe sein kann?
Ein weiteres Grundelement des Advents ist das Warten, das zugleich ein Hoffen ist. Der Advent spornt uns an, den Sinn der Zeit und der Geschichte als »kairós« zu verstehen, als günstige Gelegenheit für unser Heil. Jesus hat diese geheimnisvolle Wirklichkeit in vielen Gleichnissen erläutert: in der Geschichte von den Dienern, die aufgefordert werden, die Rückkehr des Hausherrn zu erwarten, im Gleichnis von den Jungfrauen, die auf den Bräutigam warten, oder in den Gleichnissen von Saat und Ernte. Der Mensch lebt in ständiger Erwartung: Als Kind will er erwachsen werden, als Erwachsener strebt er nach Verwirklichung und Erfolg. Wenn er älter wird, sehnt er sich nach der verdienten Ruhe. Aber es kommt die Zeit, wo er entdeckt, daß er zu wenig gehofft hat, wenn ihm über Beruf oder gesellschaftliche Position hinaus nichts zu hoffen bleibt. Die Hoffnung prägt den Weg der Menschheit, aber für die Christen ist sie von einer Gewißheit beseelt: Der Herr ist auf unserem Lebensweg gegenwärtig, er begleitet uns, und eines Tages wird er auch unsere Tränen trocknen. Eines nicht fernen Tages wird alles seine Erfüllung finden im Reich Gottes, dem Reich der Gerechtigkeit und des Friedens. (Feier der ersten Vesper zum ersten Adventssonntag, Predigt von Papst Benedikt XVI., 28. November 2009)







