Im Ungarischen Katholischen Lexikon sowie im Deutschen lesen wir über den Begriff „Schutzheiliger“ folgendes: „Schutzpatron, Patron, Patronin: ein von einem Volk, einer Diözese, einer Ortschaft oder einer amtlichen Person mit Zustimmung des Heiligen Stuhls als himmlischer Beschützer gewählter Heiliger. Bei Kirchen ist es der Titularheilige, zu dessen Ehren der Hauptaltar geweiht ist und unter dessen Schutz das betreffende Kloster oder die betreffende Siedlung oder Einrichtung gewöhnlich steht“. Und der Titel einer Kirche (lateinisch: titulus ecclesiae) ist „eine göttliche oder irdische Person (Heiliger), zu deren Ehren eine Kirche geweiht oder benannt ist. Neben dieser Person kann der Titel der Kirche auch das göttliche Geheimnis sein, das zu ihr gehört“.

„O Vater, o Sohn des Vaters, o erhabener Geist,
Einiger und dreifaltiger Gott, lenke uns mit Erbarmen.
Mich binden deine Befehle, mich mögen deine Verheißungen leiten;
In meinen Worten, so bitte ich, leuchte dein Licht.
In dir, Gallus, werde ich Gott, im Herrn dich, Gallus, bekennen;
Sprich du für mich heilige Gebete zum Herrn,
Damit er meinen Fehlern Nachsicht, den Worten eine Richtschnur gewähre,
Was schadet, ausreiße und vermehre, was nützt.”

So betete Walahfrid von der Reichenau (Strabo), ein deutscher Mönch, später Benediktinerabt, Schriftsteller, Chronist und Dichter, zu Beginn seines Werkes mit dem Titel Vita sancti Galli – Das Leben des hl. Gallus, indem er Gottes Gnade und die Fürsprache des Heiligen erbat, über dessen Taten er zu schreiben beabsichtigte. Diese Biografie des hl. Gallus ist die Hauptquelle über sein Leben, obwohl sie mehr als ein Jahrhundert nach dem Tod des Heiligen verfasst wurde. Der Grund, weshalb wir am 16. Oktober seines Festes gedenken, ist, dass dieser Benediktinermönch und Eremit der Patron der Kirche in Weidenthal (ehemalige selbstständige Pfarrei) ist, einer Filiale der Pfarrei Slatina an der Temesch.
„Zu der Zeit, als der vorbildliche Lebenswandel des überaus heiligen Mannes Kolumban, auch Kolumba ge nannt, in ganz Irland berühmt war und er wie der strahlen de Glanz der feurigen Sonne durch sein einzigartiges Cha risma die Liebe aller Menschen auf sich zog, so wie es – wie das Buch über seine Taten ausführlich darlegt – für ihn schon vor seiner Geburt vorhergesehen war, überga ben neben anderen, die der Ruf seiner Tugenden angezo gen hatte, auch die Eltern des seligen Gallus, vor Gott fromme und vor den Menschen vornehme Leute, ihren Sohn, der sich in der Blüte seiner frühen Kindheit befand, samt einer Opfergabe dem Herrn und vertrauten ihn seiner [Kolumbans] Unterweisung an, damit er sich in der Zucht des Mönchslebens entwickle und inmitten vieler Anhänger des geistlichen Kriegsdienstes ihren Beispielen von Gehorsam und überaus strenger Lebensführung folge“ – so beginnt die Biografie des hl. Gallus, der um das Jahr 550 vermutlich in Irland geboren wurde, und ein Jünger des hl. Kolumban war. Später gelangte der hl. Gallus in das Gebiet des heutigen Schweiz, wo er sich im Tal des Flusses Steinach, in einem Wald, niederließ – nahe jenem Ort, an dem später das Kloster St. Gallen errichtet wurde.

Chronik des Dorfes Weidenthal
Die Ortschaft liegt im Kreis Karasch-Severin, am Fuße des Semenik-Gebirges, am Nordufer des Drei-Wässer-(Trei Ape)-Sees, unweit der Quellen des Flusses Temesch, auf einer Höhe von 800–1000 Metern, in einer malerischen Landschaft, die bei Touristen sehr beliebt ist. Laut der Website www.brebu-nou.de, „Dieses Dorf wurde damals zusammen mit Wolfswiese, Wolfsberg, und Lindenfeld, von Siedlern aus Böhmen 1828, auf dem Gebiet der österreichischen Militärgrenze des Banater Berglandes, gegründet.“
In der Weidenthaler Chronik heißt es: „Die czechischen Colonisten stammen meist aus dem Berauner- die Deutschen aus dem Klattauer- Pilsener und Saazer Kreisen in Böhmen. Bekannt sind mir nachstehende Ortschaften der ehemaligen Herrschaft Gauth, aus welchen die Weidenthaler abstammen: Haselbach, Althütten, Heinrichsberg, Schmalzgrube, diese unterscheiden sich durch einen eigenthümlichen Dialekt, der gegenwärtig verschwunden ist. Rothenbaum, Neuern, Flecken, Kutiwa, Braunbusch, Pistritz, – ihr Dialekt ist mit einer Verschmelzung mit der Schriftsprache geblieben, weil er von der Majorität gesprochen wurde.“ Diese Chronik besteht aus drei Teilen. Der erste Teil wurde 1875 vom Dorfschullehrer Adam Krapfl verfasst. Siebzig Jahre später begann der Pfarrer von Weidenthal, Hermann Hausner, mit dem zweiten Teil, und der letzte Abschnitt wurde von Peter Peschka niedergeschrieben. (cf. web.archive.org)
Die ersten Häuser – insgesamt 120 – wurden aus Holz errichtet und folgendermaßen gruppiert: Der Kirchplatz, von da ab verzweigen sich die Gassen in rechte Winkel; in die Obere, in die Untere, in die Mittleren, und in die Ratschengasse. Für die Heilige Messe und das Gebet versammelten sich die Gemeindemitglieder im sogenannten Gemeindehaus (ebenfalls aus Holz), das im Jahr 1836 zusammen mit dem Friedhof gesegnet wurde. Die Kirche wurde später, im Jahr 1854, erbaut: „Am 28. Mai 1854 wurde die neue Kirche von Bauhauptmann Maywald abgesteckt, und gleich der Bau begonnen. Die Kosten wurden von der Kirchenkassa und der Rest von den Grenz-Proventen bestritten. Sie ward vollendet im Herbst desselben Jahres und ausgeweiht durch den Herrn Stadtpfarrer und Dechant Dr. Karl Littahorsky am 5. November 1854. Der Bau ist leider auch aus Holz mit Mörtel verputzt. Den Bau leitete der ärarische Zimmermann Weber aus Sadova, dem die Gemeinde noch einen Zimmermann aus Franzdorf namens Sporer beigab. Diese beiden wurden von der Gemeinde verköstiget. Auch wich man vom Bauplane ab, baute eine Sakristei, Chor und Turm dazu. Die Kosten der Feierlichkeit bei der Einweihung bestritt die Gemeinde. Von der hochw. Geistlichkeit waren zugegen: die Herren Karl Littahorsky, Dech. Georg Mundukovics Pfarrer von Slatina und Weidenthal, Anton Bartl, Pfarrer von Franzdorf. Die Gemeinde Wolfsberg erschien zur Feierlichkeit im Prozessionszuge geführt vom Herrn Pfarrer Bartl, an welchem sich auch viele Franzdorfer anschloßen. Leider war ein sehr schlechtes Wetter, es fiel der erste Schnee, nicht mild und flockig, sondern stürmisch. Die Chormusik besorgte Herr Eduard Gabriel aus Franzdorf. Aufgeführt wurde eine Messe von Haydn. (…) Die Kirchenparamente wurden vom hohen Ärar angeschafft, das Altarbild, den hl. Gallus darstellend, wurde in Wien gemalt. (…) 1855 am 3-ten Octobersonntage (Kirchweihfest) celebrierte der erste Weidenthaler Herr Pfarradministrator Johann Brandisz das Hochamt, von da ab hatte das Vorbeten ein Ende. (…) 1857 wurde zum erstenmale durch Sr. Excellenz dem Csanader Bischof Alexander Csajághy in Weidenthal das Sakrament der Firmung erteilt. Das Pfarrhaus wurde 1858 erbaut.”

Die heutige Kirche
Über die heutige Kirche berichtet die Chronik wie folgt: „1879 bauten die Weidenthaler aus eigenen Mitteln die neue Kirche. Der neue Bau wurde vom Baumeister Eduard Eckart aus Karansebesch entworfen und aus Stein und anderen festen Stoffen ausgeführt. Die Kosten wurden von den Weidenthalern geleistet und auch die Arbeiten. Die Kirche steht auf weiten Platz in der Dorfmitte heute von hohen Linden umschattet. (…) Nach wiederholten Vorstellungen, ernannte 1896 das Bischöfliche Ordinariat von Temesvar den Reschitzaer Kaplan Johann Rákosi, von Geburt aus hieß er Reidl, – zum Pfarrer von Weidenthal. (…) Die Orgel bestellten unsere Gläubigen 1904 von der Temesvarer Firma «Wegenstein.» (…) Zu den zwei Glocken von denen Adam Krapfl berichtet, besorgten die Weidenthaler 1908 eine dritte größere Glocke. Am 7. September 1916. wurden alle drei Glocken vom Staat zu Kriegszwecken enteignet. Die Glocken läuteten noch einmal (das Abschiedsgeläute) und dann wurden sie fortgeführt. Andreas Lohr, der langjährige Messner wußte sich da auch zu helfen. Er befestigte zwischen zwei Bäumen Eisenschienen, und „läutete“ so mit zwei Hämmern. Bald besorgte man zwei Stahlglocken aus Reschitza.“
Im Jahr 1935 fand in der Kirche von Weidenthal auch eine Priesterweihe statt.
„Bischof Dr. Augustin Pacha hielt die Priesterweihen gerne in den Geburtsorten der zu weihenden Priester. So wurde Hermann Hausner auch hier in Weidenthal geweiht. Der Bischof und sein Gefolge kam am Nachmittag des 29. Juni 1935 hier in Weidenthal an. Er wurde feierlich empfangen. Abends veranstalteten die Weidenthaler ihm zu Ehren vor dem Pfarrhaus ein frohes Abendständchen. Es war Sonntag, der 30-te Juni 1935. Ein stiller, sonniger Tag. Am Kirchplatz hatten sich Menschen von nah und fern versammelt. Vor dem großen Kreuz war im Freien auf einer Erhöhung ein Altar aufgestellt worden. Hier legte ihm der Bischof bei der Feier eines Pontificalamtes die Hände auf und weihte ihm zum Priester. Von einer Freikanzel aus, erläuterte ein liturgiekundiger Priester im einzelnen das Geschehen der Weihe. Nachmittag wurde das Sakrament der Firmung erteilt. Sein erstes Meßopfer feierte Pfarrer Hermann Hausner am 7. Juli 1935, auch hier in Weidenthal. Diese beiden Feiern waren die ersten in Weidenthal. Der verstorbene Abtpfarrer Johann Hoffmann, war der erste Priester, welcher aus Weidenthal stammte, doch hatte weder seine Weihe noch Primizfeier hier stattgefunden“ – steht in der Chronik´geschrieben.

Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg
Über das Leben der örtlichen Kirchengemeinde nach dem Zweiten Weltkrieg berichtet die Chronik: „Im Monat September 1944 floh Pfarrer Konrad Gröger außer Landes. Um Weihnachten 1944 versah hier Kaplan Geisa Heinrich die Seelsorge. Auch er zog in den Arbeitsdienst in die Sowjetunion. Über Winter versah hier der Wolfsberger Pfarrer Ludwig Parvy die Seelsorge. Am 16. April 1945 wurde Hermann Hausner hier Pfarrer. (…) Am 7. Juli 1950 kamen drei Vertreter des hierortigen Volksrates aufs Pfarramt, legten eine unleserliche Schrift vor und verstaatlichten die Pfarrbücher (Matrikelbücher) Bald stellte er sich herauß, daß die Pfarrbücher nur bis einschließlich 1895 verstaatlicht werden müssen, da der Staat ab dann, selbst Matrikelbücher hat. Daher wurden sie uns auf die Berufung des Pfarrer zurückgegeben. Die 1855 angelegten Pfarrbücher kamen mit der Verlegung der Pfarrei 1876 nach Wolfsberg, wo sie auch 1950 verstaatlicht wurde Am Palmsonntag 1951 verständigte unser Volksrat den Pfarrer, daß die Pfarrwiese verstaatlicht sei. Diese Verstaatlichung geschah auf Betreiben des Volksratvorsitzenden Genossen Johann Scherbauer, Nr. 220. Sie mußte aber wieder zurückgegeben werden. Im Sommer 1954 errichtete wir um den Kirchhof einen festen und schönen Zaun aus Zement und Eisen. In den Sommermonaten 1955 schlugen wir von der Aussenfläche unserer Kirche die ganze Kalkschicht ab und verputzten sie mit einen Kalk- und Zementspritz. Damals haben wir auch das Kirchendach gestrichen. Desgleichen haben wir in diesen Jahren auch die bereits sehr schadhaften Feldkreuze instandgesetzt.“
„Am 11. November 1965 – es war an einem Mittwoch – wurde im Pfarrhaus und in der Kirche (Weidenthal) von rumänischen Sicherheitsorganen eine Hausdurchsuchung durchgeführt. Dies geschah in meiner Anwesenheit und in Gegenwart zweier Zeugen. Als „corpus delicti“ beschlagnahmte man die Chronik von Adam Krapfl, sodann das Werk „Geschichte der deutsch-böhmischen Ansiedlungen im Banat“ von P. Grassl, das Heimatbuch „Die Deutschböhmen im Banate“ von Pfr. Josef Schmidt, ferner eine von mir verfasste „Historia Domus“ (Geschichte der Pfarre) und noch etliche Bücher religiösen Inhalts; auch meine Schreibmaschine nahmen sie mit. Die darauffolgenden. Verhöre dauerten sechs Wochen. Kurz vor Weihnachten wurde das Drama abgeschlossen. Nun bedurfte es einer langeren Zeit, mich zu erholen“ – schreibt Pfarrer Hermann Hausner in der Chronik.

Gegenwart
Weidenthal ist ein bekanntes und beliebtes Touristenziel. Laut der letzten Volkszählung (2021) leben in Weidenthal 166 Personen, davon 114 rumänischer und 36 deutscher Herkunft.
Diese Situation ist das Ergebnis der massiven Auswanderung deutscher Katholiken in den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts. Viele von ihnen, sowohl aus Weidenthal als auch aus Wolfsberg, besitzen jedoch noch immer ihre Elternhäuser und kommen im Sommer in ihre alte Heimat, um dort Urlaub zu machen. Darüber hinaus beabsichtigen sie, im Jahr 2028 das 200-jährige Jubiläum der Gründung des Ortes zu feiern, und möchten bereits jetzt damit beginnen, die Kirche und andere Dinge im Dorf in Ordnung zu bringen.
Der Ethnograph und Historiker aus Szeged, Bálint Sándor, erwähnt in seinem Band Ünnepi kalendárium (Festtagskalender), dass in der nach der osmanischen Herrschaft wiederhergestellten alten Diözese von Tschanad die einzige Kirche, die den hl. Gallus als Schutzpatron hat, jene in Weidenthal ist. „Bemerkenswert ist die Tatsache, dass die Wahl dieses Schutzpatrons typisch für Dörfer in bewaldeten Gegenden ist, was vermutlich mit der Legende des hl. Gallus zusammenhängt“ – schreibt der Ethnograph.
Zum Schluss zitieren wir erneut die Worte des Mönchs Walahfrid von der Reichenau: „Wir bitten dich, seliger Gallus, Bekenner Christi, du mögest, so wie du nach unserem Bericht durch deine Ver dienste vielen Menschen die körperliche Gesundheit zu rückgegeben hast, auch für unseren Geist Heilung durch Gottes Gnade erflehen. Amen.“

Pressestelle der Diözese Temeswar