Liebe Mitbrüder im priesterlichen Amt!
In Christus geliebte Brüder und Schwestern!

In der Beschreibung der Weihnachtserreignisse liegt etwas Poetisches, Idyllisches, etwas Schönes, Berührendes, etwas, was ganz tief ist. Sobald wir an Weihnachten denken, scheint es, dass unsere Seele sich zum Himmel erhebt.
Aber warum ergeht es uns so? – Denn die Realität, die Lage vor Ort, die dort beschrieben wird, ist alles andere als idyllisch: Die Heilige Familie kommt in Bethlehem ermüdet an – Maria war ja hochschwanger – an einem Ort, wo sie niemand aufnimmt, wo sie sich nachts unter Fremden befinden… In ihren Herzen stellen sie sich wohl die Frage: Wieso konnten wir nicht mehr für dieses Kind tun? Eigentlich, gibt es dort nichts, was uns edel oder märchenhaft erscheinen könnte. – Sicher, kurz danach finden dann die wichtigsten Ereignisse statt. – Es ist aber gut, wenn wir feststellen, dass es eine schmerzhafte Realität gibt, eine Realität, inmitten derer wir alle leben: manchmal reicht das Geld nicht aus, unsere Gesundheit ist nicht immer die Beste, wir verlieren manchmal unsere Geduld, wir sind manchmal mit uns selbst oder mit anderen unzufrieden, manchmal sind wir müde, das Leben ist kurz… All diese Sachen machen eine Realität aus. Eine bittere Realität. Und wie wird diese bittere Realität zu einem schön gelebten, erfüllten Leben?
Mit der Geburt Jesu Christi wurden wir mit einer Fähigkeit beschenkt: wir können von nun an jenseits der Dinge sehen. Die Heilige Schrift sagt: „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben”. Wer Ihn aufnimmt, wer an Ihn glaubt, der sieht jenseits der Dinge, im besten Sinne des Wortes. Er sieht die Schönheit, die Poesie, die Liebe Gottes, all das, was er als Geschenk bekommen hat, alles, was ihm gegeben wurde.
Haben wir Augen des Glaubens? Diese Augen nämlich schenken uns die Fähigkeit, die Möglichkeit, jenseits der Dinge zu sehen, zu erkennen, dass es in dieser Welt nicht nur die Unbarmherzigkeit der Menschen gibt, die Maria und Josef in keine der Herbergen aufnehmen, dass es nicht nur Mühe und Leid gibt, sondern wir können eine höhere Realität entdecken, nämlich dass wir die Liebe Gottes für uns erfahren dürfen, dass sie sich uns offenbart hat. Gott, der Allmächtige, ist unter uns gekommen. Das Weihnachtsfest öffnet unsere Augen, damit wir diese Tatsache erkennen. Und gerade deshalb ist es so schön! Von nun an sehen wir nicht mehr nur die bittere Gegenwart unserer Existenz, sondern auch diese andere Realität, die wir vielleicht am Anfang nur mit den Augen des Glaubens erkennen. Aber später werden wir sie noch oft genug auch mit unseren leiblichen Augen sehen, genau wie Maria und Josef es nun sehen: es kommen die Hirten, die Engel, die heiligen drei Könige… hier ist etwas passiert, hier hat etwas begonnen! Aber dafür brauchen wir den Glauben, der nicht darauf beruht, was wir mit den Augen des Leibes sehen, sondern der Glaube ist viel mehr als das! Erst dann können wir richtig sehen, wenn wir mit Glauben dem Ruf Gottes folgen.
Wir feiern die Geburt Jesu Christi. Und, jenseits aller Dinge, mögen wir den Emmanuel – Gott mit uns – erkennen, mögen wir den Gott sehen, der hier, inmitten seines Volkes wohnt!
Wenn wir diese besondere Sehkraft nicht verlieren, so kann sich unser Leben von Grund auf verändern.
Einst hörte ich eine interessante Geschichte:
Es war einmal ein Kloster, das gerade schwere Zeiten erlebte. Die Mönche wurden immer älter und die jüngeren Kandidaten waren immer weniger. Die wenigen, die geblieben waren, erfüllten traurig und schweren Herzens ihre täglichen Pflichten. So versammelten sie sich eines Tages, um sich über ihre Lage zu beraten. Sie erinnerten sich, dass im Wald, rings um ihr Kloster, ein weiser Greis lebte – den wollten sie besuchen und um Rat fragen! Der Abt des Klosters machte sich auf den Weg und besuchte den alten, weisen Mann. Der Greis hörte dem Abt zu und gab ihm schließlich einen Rat: – Sag deinen Mitbrüdern nur einen Satz, den du aber nicht wiederholen darfst. Du darfst diesen Satz nur ein einziges mal aussprechen. Und dieser Satz lautet: Der Messias ist unter euch.
Ins Kloster zurückgekehrt, versammelte der Abt alle Mönche und sagte ihnen, was der weise Mann ihm gesagt hatte: Der Messias ist unter uns. Die Mönche durften den Satz nicht wiederholen. Sie fragten sich, was dies bedeuten könnte: ist einer von ihnen der Messias? Könnte es wohl Bruder Thomas, oder Bruder Elias, oder sogar Bruder Matthias sein? Oder vielleicht bin ich es… ?
Während sie gerade dabei waren, all diese Möglichkeiten zu erwägen, begannen die Mönche sich gegenseitig anders anzusehen, sich miteinander aufmerksamer zu benehmen. Sie erwiesen einander viel mehr Respekt, denn sie dachten von nun an, dass irgendeiner von ihnen der Messias sein könnte. Langsam änderte sich die Atmosphäre im Kloster grundsätzlich, so dass die Besucher, welche die Abtei betraten, diese Änderung, diesen neuen, guten Geist bemerkten. Die liebevolle Umgangsweise in dieser Gemeinschaft gefiel ihnen sehr und so riefen sie ihre Freunde, ihre Bekannten und… so kamen auch die Jugendlichen. Unter ihnen gab es sogar einige, die die Berufung zum Klosterleben spürten. Und so erneuerte sich langsam-langsam das Kloster.
Ist es uns tatsächlich bewusst, dass der Messias eigentlich unter uns ist? Er kam, um sein Leben mit uns zu teilen. Haben wir eigentlich Augen, um die große Entdeckung zu machen, dass er hier, in unseren Nächsten, in uns selbst lebt? Er will auch in unseren Beziehungen zueinander lebendig sein. Deshalb ist er Mensch geworden, um uns zur Seite zu stehen und um uns zu zeigen, wie Gott eigentlich ist. Er ist ganz klein geworden. So klein, dass andere sich nun zu ihm beugen können, dass sie ihm helfen können; dass wir ihn lieben können. Und seitdem lebt er mitten unter uns. Er öffnet unsere Augen, damit wir seine Anwesenheit entdecken; er öffnet unsere Herzen, um sie mit seiner Liebe gänzlich zu füllen und damit unser ganzes Leben eine Antwort unserer Liebe auf seine Liebe werde.
Mit diesen Gedanken wünsche ich Ihnen, liebe Gläubige, ein gesegnetes Weihnachtsfest!
✠ Josef
Diözesanbischof