Dieses Jahr, am 1. Februar, anlässlich des Welttags der Priester und der Ordensleute, bzw. der Begegnung und des Einkehrtags für den Klerus und der Ordensleuten der Diözese, wurde das spirituelle Programm von Pfr. Florian Mross, Priester des Bistums Dresden-Meißen und derzeit Vizerektor des Päpstlichen Instituts Santa Maria dell’Anima in Rom, geleitet. Bei dieser Gelegenheit haben wir Florian Mross um ein Interview gebeten.

– Florian Mroß, in den letzten Jahren hast du unsere Diözese, durch freundschaftliche Beziehungen, durch Besuche in Temeswar und in Banat, kennengelernt. Bitte erzähl uns ein wenig über dich selbst, über deinen Hintergrund, aber auch darüber, wie du unsere Diözese, unsere Priester und unsere Realitäten kennengelernt hast.
– Ich bin Florian Mroß und komme aus dem Bistum Dresden-Meißen. Ich bin jetzt fast 35 Jahre alt und war zum ersten Mal hier im Banat im Jahr 2021 gewesen. Am 19. September, das weiß ich noch ganz genau, weil ich mich nämlich da bei den Franziskanerinnen in Karansebesch ins Gästebuch eingetragen habe und ich sie gestern besucht habe und deswegen also gleich nachprüfen konnte, wann ich das erste Mal da war. Ich habe das Bistum Temeswar kennengelernt, weil ich mit einem guten Freund, dem Zoltán Toman, hierhergekommen bin, der mich eingeladen hat und der gesagt hat: „Ja, weißt du was, ich zeige dir mal meine Heimat und du brauchst keine Angst zu haben, dass du da nichts verstehst, denn die Leute dort sprechen auch Deutsch, neben natürlich Ungarisch und Rumänisch und komm einfach mal mit und schau es dir an!“
Da bin ich dann mitgekommen und bin jetzt allerdings immer wieder mal da gewesen, auch zu verschiedenen Anlässen. Ich habe die Priester hier kennengelernt, allerdings auch Ordensschwestern, Ordensleute, als sehr gastfreundliche, als sehr offene Menschen. Ich glaube, das hat auch etwas damit zu tun, dass so unterschiedliche nationale Gruppen zusammenkommen, miteinander lernen, miteinander leben, miteinander Glauben teilen, ihre Kultur miteinander teilen. Das hat dazu geführt, dass ich eigentlich so etwas wie Gefallen am Banat gefunden habe, weil die Menschen hier neben dieser Herzlichkeit auch sehr gastfreundlich sind. Und das tut natürlich einem Gast gut, wenn er kommt und gleich willkommen ist und Begegnung findet.

– Wieso bist du nach Rom gezogen? Wie lange lebst du schon in Rom? Und was machst du eigentlich in der ewigen Stadt?
– Ich bin im Jahr 2020 nach Rom gesandt worden von meinem Bischof, Heinrich Timmerevers, der mich gefragt hat, ob ich nicht nach den Jahren als Kaplan in Dresden und Leipzig nochmal studieren wollte. Ich war erst ein bisschen erschrocken gewesen, weil ich das eigentlich nicht wollte, sondern weil ich gerne Kaplan war, wollte ich auch gerne in der Pastoral bleiben. Und dann hat der Bischof gesagt, ich solle auch noch Kirchenrecht studieren. So habe ich dann drei Jahre zunächst die Lizenz gemacht im Kirchenrecht und bin jetzt im zweiten Jahr im Doktoratstudium und schreibe an meiner Doktorarbeit. Nebenbei bin ich natürlich auch verantwortlich in dem Kolleg, in dem ich lebe, Santa Maria dell’Anima, dort trage ich mit einem Rektor zusammen die Verantwortung für 20 Priester aus unterschiedlichsten europäischen Nationen, die alle in Rom studieren. Zu dieser Aufgabe gehört auch, dass man noch ein bisschen in der Pastoral in Rom mitarbeitet. Es ist eine Pfarrei, die verantwortlich ist für die deutschen Pilger, die nach Rom kommen, aber auch für die deutschsprachigen Gläubigen, die in Rom leben. Und da gehört es dazu, dass ich eben auch über die Jahre, die jetzt ich in Rom bin, im Erstkommunionunterricht, in der Firmvorbereitung und in der Begleitung von den Studenten mitgeholfen habe. Ja, damit lässt sich der Tag gut fühlen.

– Kannst du uns bitte einige Worte über das päpstliche Institut Santa Maria del Anima, das du schon eigentlich eingeführt hast, und über das Profil dieses Instituts sagen?
– Santa Maria del Anima ist ein sehr altes Institut, das sich seit der Gründung im 14. Jahrhundert eigentlich um die deutschen Pilger kümmert. Man muss sich vorstellen, im 14. Jahrhundert gab es ja solche festen Strukturen, wie wir sie heute kennen, von Unterkünften bis hin zu Pilgerhäusern nicht und wenn, dann nur ganz, ganz wenige. Deswegen kam im 14. Jahrhundert ein niederländisches Ehepaar auf die Idee, wahrscheinlich hat es auch was mit dem Heiligen Jahr damals zu tun, denn das erste Heilige Jahr war 1300, dann sollte es eigentlich alle 100 Jahre ein neues Heiliges Jahr geben und das heißt so, um das Jahr 1350 fing dieses Ehepaar an, an diesem Institut zu arbeiten, das heißt Liegenschaften, Länder zu erwerben, um dann ein Hospiz zu bauen. Für das Heilige Jahr wahrscheinlich schon, dann 1400. So ist eigentlich in diesem Jahrhundert unser Grund gelegt worden für die Sorge um Pilger aus dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Das war natürlich etwas größer gewesen als heute, wenn man da nur auf Österreich oder auf Deutschland schaut. Heute gehören mehrere Nationen dazu, die alle bei uns im Institut willkommen sind. Und das zeigt sich darin, dass ganz, ganz oft, wenn Leute, deutschsprachige vor allen Dingen, die nach Rom kommen, sie zu uns kommen, eine heilige Messe feiern oder um Begegnung bitten, eine Führung wollen. Diese Pilgerseelsorge ist also eine Säule des Institutes. Daneben gibt es eine zweite Säule, das sind die in Rom lebenden Deutschen oder Deutschsprachigen, das ist vielleicht besser gesagt, um die kümmern wir uns auch. Die finden in Santa Maria dell’Anima, in unserem Institut, so etwas wie eine Pfarreiseelsorge, mit den Dingen, die dazugehören, die man aus dem Pfarreileben kennt. Und die dritte Säule ist eigentlich erst seit dem 19. Jahrhundert für das Institut wichtig: 1859 wurde nämlich ein Priesterkolleg eingerichtet, also ein Ort geschaffen, wo Priester aus den unterschiedlichsten europäischen Ländern zu uns kommen können, leben können und dann an den päpstlichen Universitäten in Rom studieren. Diese drei Säulen prägen unser Institut bis heute.

– In verschiedenen Artikeln im Internet kann man lesen, dass du der sorbischen Minderheit in Deutschland angehörst und wie du es schon kennst, sind auch in der Diözese Temeswar mehrere Minderheiten präsent, leben gemeinsam und entfalten hier ihr Glaubensleben. Glaubst du, dass die Zugehörigkeit zu einer Minderheit ein Vorteil oder ein Nachteil in diesem Jahrhundert, in der Kirche und in der Gesellschaft ist?
– Vielleicht ein Wort zunächst zu der sorbischen Minderheit. Das ist eine kleine slawische Minderheit, die im Osten von Deutschland ihr eigentlich sehr altes Siedlungsgebiet hat.
Diese slawische Minderheit hat eine eigene Sprache, hat eine eigene Kultur, eigene Tradition und diese bewahrt sie bis heute. Allerdings ist sie nicht sehr groß. Wir sind so älteren Zählungen nach um die 60.000 Sorben, die noch in Sachsen und in Brandenburg, fast an der polnischen, tschechischen Grenze, da leben.
Als diese kleine Minderheit wissen wir etwas zu schätzen. Und deswegen meine ich, dass Minderheiten immer etwas Positives sind. Ich sehe es immer auch als einen Wert einer nationalen Kultur an. Als Minderheit trägt man eine eigene Identität und ist von dieser nicht nur überzeugt, weil man eine nationale Identität verdeutlicht, sondern man hat noch ein Bewusstsein für Tradition und Werte, Kultur, auch Trachten. Ich glaube, wenn eine Minderheit lebendig ist, dann handelt es sich nicht nur um Folklore, sondern dann handelt es sich wirklich um gelebte Kultur. Diese durch die Minderheiten gelebte Kultur bereichert natürlich auch eine Nation. Deswegen denke ich, zum Beispiel, wenn man von der deutschen Nation redet, nie nur an DEN Deutschen, sondern ich weiß, den Deutschen viele Nationen prägen, und da gehören auch die Sorben dazu. So sehe ich das ein bisschen auch hier im Banat: Hier von dem Rumänen zu reden, bedeutet eigentlich für mich, schon gleich mehrere kleinere Minderheiten, Nationen zu bedenken. Es ist mir bewusst, geschichtlich müsste man vielleicht nochmal darüber nachdenken, ob man da von den Rumänen reden kann oder ob man da nicht von den Menschen im Banat reden sollte. Aber die Diskussion, die möchte ich jetzt nicht führen, die können Sie besser führen.

– Die letzten zwei Jahre waren von der Arbeit für die Synoder über die Synodalität in Rom geprägt. Und dieses Jahr wurde zum Heiligen Jahr, zum Jubiläumsjahr erklärt. Was glaubst du, werden diese großen Ereignisse das Leben der Kirche in Europa regeln?
– Das Problem der Synodalität ist, glaube ich, dass sie noch ziemlich jung ist. Und das Problem, dass damit zusammenhängt, ist dass die wenigsten wirklich wissen, was Synodalität ist. Es hat aber auch etwas mit unserem Denken zu tun. Ich würde es für mich zunächst so beschreiben: Synodalität ist so etwas wie eine innere Haltung, eine innere kirchliche Haltung, die auch jeden einzelnen Christen ausmachen kann, des Hörens. Wir sind manchmal etwas schnell zu sagen „Ich habe ja gehört und ich weiß, wie du denkst“. Synodalität, glaube ich, ist diese Haltung des Hörens, um noch nicht zu wissen, wie der andere denkt oder was er meint oder was er möchte, sondern, um gemeinsam weiterzudenken, um gemeinsam dann zu überlegen, was man möchte, um gemeinsam eine Vision, eine Zukunft auch für Kirche, für Pfarrei, für Gemeinden zu entwickeln. Und ich glaube, dieses gemeinsame Hören, dieses synodale Handeln, das braucht Europa, das braucht die Weltkirche, das brauchen wir allerdings auch in unseren Diözesen.
Weil ich glaube, die Zeiten, dass man von dem Pfarrer gesagt bekommt oder vom Bischof, wo jetzt die Kirche hingehen muss, die es vielleicht auch nie gab, sind auf jeden Fall vorbei.
Und es geht gemeinsam nur durch das Hören aufeinander, auch das Hören auf Gott, das gehört nämlich da auch mit dazu, dann auszumachen, wohin man geht, wohin man denkt und was man möchte, wie man Kirche sein will in Zukunft. Und das ist wichtig für Europa.
Das Heilige Jahr, das steht unter dem Motto „Pilger der Hoffnung sein“. Wenn man sich überlegt, dass so ein ordentliches heiliges Jahr alle 25 Jahre ist, dann muss man sich bewusst machen, das letzte ordentliche Jahr war also vor 25 Jahren und das nächste ist erst in 25 Jahren. Das heißt, wir haben eigentlich 50 Jahre, die so eine Zwischenzeit ausmachen. Dieses heilige Jahr ist auch so etwas wie nochmal eine Neuausrichtung, ein Umbruch. Das heißt auch, ein Sich-Neu-Bewusstmachen von dem, was Kirche ist, was wiederum mit der Synodalität zusammenhängt. Die Frage nämlich, wie kann man Pilger der Hoffnung sein? Wie ist man das als einzelner Christ? Wie ist man das in der Pfarrei? Wie ist man das im Bistum oder in der Weltkirche? Wer meint, dass man sich nach Rom auf den Weg macht, um dann dort durch die heiligen Pforten zu schreiten, das würde das Pilger-Der-Hoffnung-Sein ausmachen, der denkt, glaube ich, auch ein bisschen zu kurz.  Für mich bindet diese Haltung auch an die Synodalität,  an das innere Hören Gott, auf die Menschen, mit denen man zusammen in der Pfarrei lebt, im Bistum, um am Ende sich zu fragen, aber für was und für wen? Und ich glaube, dieses Jahr der Hoffnung gibt uns schon mal eine Antwort: Wir leben nämlich als Hörende im Glauben, um anderen Menschen Hoffnung zu machen. Und das geht nicht, wenn man irgendwo stehen geblieben ist, sondern wenn man unterwegs ist, wenn man pilgert, weil man Suchender ist nach Gott, aber auch nach den Menschen mit ihren Nöten, mit ihren Sorgen.
Inwieweit das allerdings Europa, das ist ja ein großer Horizont, beeinflussen wird, da kann ich vielleicht nur ein Stück weit aus den Erfahrungen in Rom jetzt darauf Bezug nehmen.
In Rom weiß ich, kommen gerade ganz, ganz viele Nationen aus Europa, aber auch darüber hinaus, zusammen. Sie kommen nach Rom, um sich stärken zu lassen. Und das Schöne ist zu sehen, dass sie da sind, dass sie beten, dass sie sich stärken lassen, aber, und das möchte ich betonen, dass sie dann auch wieder nach Hause fliegen. Nicht, weil es das Leben für uns, die wir in Rom leben, ein bisschen einfacher macht, sondern weil sie sich etwas mitnehmen und von den Erfahrungen zu Hause, so hoffe ich, Zeugnis geben und so hoffentlich den Menschen Hoffnung auch schenken.

– Mit welchen Gedanken bist Du in diesen Tagen nach Temeswar gekommen? Wie war das Treffen der Priester und der Ordensleute am Samstag in der Domkirche und im Gerhardinum? Und mit welchen Gedanken oder mit was für einem Gepäck fliegst du jetzt zurück nach Rom?
– Ich habe es in meiner Predigt am Samstag in der Heiligen Messe zum Treffen gesagt, dass ich eigentlich diesen Gedanken der Hoffnung von einem Pfarrer bekommen habe, der hier in der Diözese Dienst tut. Meine Absicht war es, nachdem der Bischof mich eingeladen hat, zum Tag der Priester und der Ordensleute zu predigen und dann auch einen Impuls zu geben, denen, die verantwortlich sind für Kirche, auch hier in der Diözese, Hoffnung zu machen und auch Mut zuzusprechen. Mit diesen Gedanken bin ich gekommen, also auch mit dieser Absicht, den Menschen iin ihrem Glauben zu bestärken. Und ich habe daraufhin auch mein Zeugnis diese Tage, am Samstag und am Sonntag in der Heiligen Messe in der Predigt gegeben.  Und was ich mitnehme? Das ist erstaunlich, wenn ich herkomme, dann erlebe ich ganz, ganz viele Eindrücke. Einer der wesentlichen Eindrücke ist, dass ich hier Menschen begegne, die ihren Glauben teilen, aber auch in ihrer Nationalität, also ob nun als Deutsche, als Ungarn, als Rumänen, dieses Miteinander, dieses Offensein. Bei den Priestern habe ich das erlebt, die dann in kleineren Gruppen auch zusammen sind, selbstverständliche, übernationale, übersprachliche Beleben und Zeugnis geben. Das ist eine Bereicherung, das nehme ich mit. Ich nehme natürlich aber auch einige Gesichter mit, einzelne Personen. Manchem Priester habe ich angesehen, dass er krank ist. Das bewegt mich natürlich und es fällt mir nicht so leicht, mit dem Menschen in der kurzen Zeit, in der ich da bin, in Kontakt zu kommen. Aber ich nehme sie mit, weil ich weiß, ich habe das Gesicht vor Augen und ich weiß, für den möchte ich gerne beten. Oder den nehme ich auch mit zu den heiligen Orten in Rom. Ich nehme die Wertschätzung mit, meine persönliche Wertschätzung, den Ordensangehörigen, den Schwestern, die ihr Dienst in den unterschiedlichsten Bereichen tun. Ich fahre immer als Beschenkter  und bereichert zurück.

– Vielen herzlichen Dank für das Gespräch, für die Antworten und für die Zeit!

Verschriftet von Astrid Weisz (Radio Temeswar / ADZ)
Interview geführt von Claudiu Călin
(Pressestelle der Diözese Temeswar)