Maria Radna feiert heuer ein doppeltes Jubiläum: 500 Jahre seit der Errichtung der ersten Kapelle im damaligen Weinberg, am Ort der jetzigen Wallfahrtskirche, aber auch 200 Jahre seit der Kosekrierung des Gotteshauses durch den Erzbischof von Gran/Esztergom, durch den damaligen Fürstprimas Alexander Rudnay. Auch wenn die Gesundheitsvorschriften keine grossen Feierlichkeiten erlauben, kann der historische Moment nicht unmarkiert bleiben.
Die Ereignisse der Vergangenheit werden in schriftlichen Chroniken aufbewahrt; Augenzeugen sprechen am authentischsten über die jüngsten und gegenwärtigen Ereignisse. Die nächsten Seiten enthalten die Worte unterschiedlichen Menschen: Gottesdiener, ältere Menschen, die an ihrer Religion festhalten, junge Menschen, die im Glauben aufwachsen, Bewahrer unserer gemeinsamer Feste und Pilger am jahrhundertealten Gnadenort von Maria-Radna.

Mein Name ist Boris Rancov, ich bin 44 Jahre alt, verheiratet, komme aus Vinga, Kreis Arad. Derzeit arbeite ich als Musiklehrer am Kunstlyzeum „Regina Maria“ in Karlsburg/ Alba Iulia. Nach meinem Konservatorium-Abschluss begann ich in Karlsburg und Fulda, Deutschland, Römisch-Katholische Theologie zu studieren, Studium mit Master-Abschluss und Baccalaureatus in Sacra Theologia an der Pontificia Universitas Lateranensis ebenfalls abgeschloßen. 

–  Als Musiker und Organist sind Sie ein Verehrer der Muttergottes von Radna. Welche ist Ihre erste Kindheitserinnerung an diesen heiligen Ort? Mit wem sind Sie zum ersten Mal nach Radna gefahren?
– Gelobt sei Jesus Christus!Zunächst möchte ich mich bei Ihnen dafür bedanken, dass Sie an mich gedacht haben, dieses Interview mit mir zu machen, und für die Ehre, die mir dadurch im Zusammenhang mit dem Radnaer-Doppeljubiläum dieses Jahres zuteil wird. Diese Zeit zu erleben, in diesem Jahr, in dem wir ein doppeltes Jubiläum haben, ist für mich eine Zeit der Gnade. Um aus meiner Sicht über Radna mit allem, was sie für mich bedeutet, sprechen zu können, muss sich der Faden meines Lebens entfalten, bis die ersten Erinnerungen und Gefühle, an diesem Ort der Gnade in Gegenwart der Mutter der Gnaden, erwachen.
Zum ersten Mal ging ich mit meiner Großmutter, väterlicherseits, nach Maria Radna. Jedes Jahr ging ich vom 6. bis 8. September mit ihr dorthin. Während dieser Zeit nahmen die katholischen Pilger bulgarischer Abstammung, zusammen mit anderen Pilgern verschiedener Ethnien, an der jährlichen Pilgerreise nach Maria Radna, zur Mutter der Gnaden, teil. In Radna übernachteten wir bei der Familie Banu, zusammen mit einer besonderen, lieben ungarischen Frau aus Giroda.
Die Erinnerungen beginnen an dem Moment, als die Großmutter bereits begann, sich auf diese Pilgerreise vorzubereiten. Dieses „Vorbereitungsfieber“ für die Reise nach Radna umfasste auch mich völlig. Der Opa musste zu Hause bleiben, um sich um die Vieher und das Haus zu kümmern. Er ging an einem anderen Fest, allein oder mit mir, nach Radna. Für mich begann die Reisevorbereitung schon am Tag vor der Abreise, weil ich am Abend vor der Abreise bei meinen Großeltern schlafen musste. Am frühen Morgen wachten wir auf, um zum Bahnhof zu gehen. Die Abfahrt erfolgte mit dem „ersten Zug“, d.h. dem, der gegen 6.00 Uhr morgens von Vinga abfährt. In Arad mussten wir umsteigen und den Zug in Richtung Radna nehmen. Ich erinnere mich, dass es ein echtes Abenteuer war, von Arad nach Radna zu reisen, weil es sehr viele Pilger gab, die aus verschiedenen Gründen nicht laufen konnten und den Zug nahmen. Große Hitze, viel Gedränge – aber ich habe bis zum Ende hart gekämpft!
Ein emotionaler Moment, an den ich mich erinnere, war als ich versuchte, die Türme der Basilika vom Zug aus zu sehen – dies passierte immer nachdem wir Paulisch hinterlassen haben. Ich kann sagen, dass es für mich wie eine Offenbarung war, die Türme zu sehen. „Diese „Offenbarung“ wurde auf dem Heimweg zu Traurigkeit, weil wir diese Türme und die Gottes-Mutter für ein weiteres Jahr zurückließen.

– Wann haben Sie zum ersten Mal in Radna an der Orgel gespielt oder zusammen mit den Pilgern auf dem Kreuzweg gebetet? Was haben Sie in diesen Momenten gefühlt?
– Für mich war die Begegnung mit der Orgel der Basilika in Radna „Liebe auf den ersten Blick“, auch wenn die Kirche in Vinga eine ebenso gute wie schöne Orgel hat, nur die Klänge, die Instrumentalfarbe unterscheiden sich. Wie auch immer, nachdem ich mit meiner Großmutter in die Kirche gekommen war, obwohl ich ein Kind war und mir kaum Platz unter den Pilgern schaffen konnte, mein Erstes war zur Orgel zu gelangen, um sie zu sehen und zu hören. Ich könnte zwei oder drei Messen nacheinander sitzen, um der Orgel zuzuhören. Ich achtete auf alles, was an ihrem Spieltisch vor sich ging, wer spielte, wie gespielt wurde, welche Knöpfte gedruckt wurden. Ich habe versucht, von allen etwas zu lernen und ich habe von dem Tag und von dem Moment geträumt, an dem ich auf diesem Stuhl, an der Orgel sitzen und der Mutter Gottes singen werde!
Dieser Tag ist asber auch gekommen! Wenn ich mich richtig erinnere, war dieser Tag während meines Studiums am Konservatorium, als ich zum ersten Mal an der Orgel in Radna spielte. Ich erinnere mich, dass ich es eine Weile geschafft habe, jede Woche nach Radna zu fahren. Ich hatte die Gelegenheit, sowohl bei der Heiligen Messe mit den Pilgern in der Kirche als auch auf dem Kreuzweg zu singen.
Die Gefühle, die ich in diesen Momenten spürte, weiß ich nicht, ob ich sie in Worten beschreiben kann. Ich fühlte mich tatsächlich vor Freude schwebend. Ich konnte nicht glauben, dass ich derjenige war, der sang, der spielte. Ich fühlte mich sehr glücklich und geehrt!

– Welches war das erste Marienlied, das Sie dort gesungen/ gespielt haben? Welches Lied liegt Ihrer Seele näher?
– Ich erinnere mich nicht genau, welches Marienlied ich zum ersten Mal gesungen habe, aber ich weiß, dass ich all diese Lieder von Anfang an geliebt habe. Sie haben einen besonderen Reiz. Das Marienlied, das meiner Seele am nächsten ist, ist die Hymne der hl. Jungfrau Maria von Lourdes, Frankreich, die auch ins Bulgarische übersetzt wurde. Tatsächlich ist jedes marianische Lied wunderschön, etwas Besonderes für sich, und die Texte dieser Lieder sprechen meine Seele an.

– Im Laufe der Jahren haben Sie in Radna verschiedene Pilger und Gruppen von Gläubigen getroffen, die jeweils in ihrer eigenen Sprache singen und beten. In welcher Beziehung stehen Sie zu diesem Reichtum an Sprachen, musikalischen Schätzen und Gebeten, die hier gesprochen werden? Natürlich haben Sie Lieder gehört, die in anderen Sprachen gesungen wurden, deren Text Ihnen jedoch in Ihrer Muttersprache bekannt ist.
– In dieser „Einheit in der Vielfalt“ liegt die Schönheit dieses besonderen Wallfahrtsortes. Es ist etwas Besonderes und gleichzeitig Faszinierendes und Erhebendes, einfach vor der Basilika zu stehen, jede Prozession, jede Gemeinde aus unserer Diözese zu beobachten und zu hören, – und nicht nur -, die in die Kirche kommt und sie betritt und die schönen Marienlieder singt. Die Gesichter der Pilger zu sehen, die beim Anblick der Basilika Glück ausstrahlen und wissen, dass sie die Pilgerreise nach Maria Radna gut beendet haben und dass unsere Mutter dort ist und mit offenen Armen und ihrer mütterlichen Liebe auf sie wartet.Natürlich habe ich all die Jahre viele Lieder gehört, deren Texte ins Bulgarische übersetzt wurden. Es ist bekannt, dass viele der liturgischen Kirchenlieder auf Bulgarisch aus verschiedenen Sprachen übersetzt wurden: Deutsch (Gotteslob, Diözesangebets- und Liederbuch), Kroatisch (Vienac), Ungarisch (Szent vagy, Uram), wobei die gleiche Melodie beibehalten wird. Selbst auf dieser Ebene findet man diese multiethnische Zusammenarbeit, deren Schönheit sowohl unsere Diözese Temeswar, als auch das Banat schmückt.

– Haben Sie Pilgergruppen im Laufe der Zeit zu Fuß oder mit Bus, Bahn oder auf andere Weise begleitet? Welche Erinnerungen haben Sie, welche Erfahrungen, ihre Atmosphäre?
– Im Laufe der Jahre hatte ich die Möglichkeit, Pilger sowohl zu Fuß als auch mit verschiedenen Transportmitteln zu begleiten. Für mich begann die Pilgerreise nach Radna oft in meinem Geburtsort Vinga. Selbst jetzt, wo ich seit einigen Jahren nicht mehr in Vinga lebe, versuche ich es, von zu Hause aus, vor der Gemeinde zu starten.Meine erste Fußwallfahrt nach Radna fand in dem Jahr statt, in dem ich die Erstkommunion machte. Ich war noch ein Kind, aber ich durfte alleine ohne andere Familienmitglieder pilgern und wurde einer Frau anvertraut, die auch an der Prozession teilnahm. Ich erinnere mich, dass es in diesem Jahr viele junge Leute unter den Wallfahrern gab. Wir redeten nicht einmal über die Prozession. Die Vorderseite der Kolonne befand sich irgendwo auf der Straße vor der Basilika, und die letzten Pilger befanden sich noch in der Nähe des Bahnhofs. Wenn jemand nicht mit der Prozession gehen konnte, schließte er sich uns noch bevor wir Lippa erreicht haben an, so dass schon am Eingang von Lippa die Prozession so imposant war dass wir selber, bei der Fußgängerbrücke über die Eisenbahnlinien, am Bahnhof, überrascht waren, dass es so viele Menschen dabei waren. Der Stolz jeder Gemeinde war die große Anzahl der teilnehmenden Pilger. Jede Pfarrgemeinde versuchte, mit so vielen Mitgliedern wie möglich nach Radna zu gehen. Vergessen wir dabei nicht, dass wir über die kommunistische Zeit sprechen, also vor den 1990er Jahren!
Die Atmosphäre war großartig! Der Treff- und Abreisepunkt war die Pfarrkirche von Vinga. Nach dem Segen, der uns von Pfarrer Nikola Nakov erteilt wurde, verließen wir die Kirche. Bis zum Ortsende, in Richtung Arad, wo sich eine Kapelle des Hl. Antonius von Padua befindet, gingen wir von Marieniedern und Gebeten begleitet. Diejenigen, die kommen wollten, aber aus persönlichen oder gesundheitlichen Gründen nicht mitpilgern konnten, nahmen bis dort an der Prozession teil. Dies war der Ort, an dem sich diejenigen, die zu Hause blieben, von denen verabschiedeten, die nach Radna weitergingen. Jedes Mal lautete das Gebet derer, die zu Hause blieben: „Betet auch für uns!“Von hier aus fuhren wir mit unterschiedlichem Transportmittel bis nach Aliosch. Von dort gingen wir wieder nur zu Fuß, nach Radna weiter. In Neudorf wurde zu Mittag gegessen. Radna wurde gegen 17.00 Uhr erreicht. Jedes Mal leiteten ein oder zwei Personen das Gebet und die Lieder. Mit der Zeit trat auch Müdigkeit auf, aber nach Neudorf, Kilometer für Kilometer, kamen wir unserem Ziel immer näher. An einer Stelle erschienen vor unseren Auguen auch die Türme der Basilika. Dies ermutigte uns, gab uns Kraft. Es war, als würde ich auch Schwung bekommen. In Radna wurden wir wieder von unserem Pfarrer Nakov begrüßt, der die gesamte Prozession segnete. Danach betraten wir alle die Kirche und sangen.

– Die Atmosphäre der Wallfahrten nach Maria Radna ist eine besondere, manchmal sehr abwechslungsreiche. Welche ist die Episode, die Ihnen in Erinnerung geblieben ist und die Sie am meistens beeindruckt hat?
– Radna ist ein besonderer Ort, ein Ort der Gnade. Man sagt nicht umsonst, dass wir zur Mutter der Gnaden gehen, um sie zu ehren und um ihre Hilfe zu verlangen. Zu diesem Zweck möchte ich über eine Tatsache Zeugnis ablegen, die ich an diesem Ort der Gnade erlebt habe.Vor zwei Jahren, genau am Fest der Geburt der Gottes-Mutter, kamen immer mehr Pilger zur bischöflichen Messe. Im Hof befanden sich die Helfer, die die Messintentionen entgegennahmen und sie aufschrieben. Ich unterhielt mich mit ihnen, aber als immer mehr Pilger unterschiedlichen Ethnien kamen, half ich schließlich auch beim schreiben. So kam eine Frau zu mir, die eine sehr ernste und schwierige Grebetsintention hatte. Sie hatte bereits ein Kind, einen Jungen und hätte gerne noch ein anderes Kind bekommen, aber aus verschiedenen Gründen erhielt sie diese Gnade nicht. Ich sagte ihr, sie soll glauben, dass die Muttergottes ihr helfen wird und Sie soll um die Gnade der Geburt von Kindern beten.
Ein Jahr verging und ich war wieder auf einer Wallfahrt in Radna. Ich saß mit einem lieben Freund vor der Sakristei und wartete auf den Beginn der Heiligen Messe, an der wir beide teilnahmen. Irgendwann erscheint hinter mir eine Frau, sehr glücklich das Sie mich gefunden hat. Sie war die Frau, von der ich vorher erzählt habe. Tatsache ist, dass ihr zweites Kind geboren wurde, ein kleines Mädchen, mit dem sie, zusammen auch mit ihrem Ehemann und ihrem größeren Sohn nach Radna kam, um der Muttergottes zu danken.

– Was bedeutet für Sie Maria Radna?
– Diese ist eine vielseitige und gleichzeitig komplexe Frage für mich, denn ich sollt die Gefühle, die mich jedes Mal wenn ich nach Radna gehe, versuchen, in Worte zu fassen. Gefühle und Stimmungen, die nicht immer in Worten gesagt werden können…
Radna bedeutet für mich Zuhause! Wer freut sich nicht, wenn er weiß, dass er seine Mutter treffen wird? Mit ihrer Hilfe versuche ich jedes Jahr nach Radna zu kommen. Hier treffen sich Freunde, man trifft besondere Menschen. Wir können einige von ihnen nur einmal im Jahr in Radna sehen. An diesem wunderbaren Ort trifft man liebe Freunde, die Priester aus der Basilika, die Mitarbeiter und die aus der Pfarrgemeinde.
Ich fordere alle auf, die dieses Heiligtum, diese päpstliche Basilika, die Heilige Jungfrau und Gottesmutter Maria lieben, die Flamme der Liebe zur Mutter der Gnaden von Radna in ihnen nicht ausgehen zu lassen!

– Das Pressebüro der Diözese Temeswar bedankt sich herzlichst für das Gespräch!