Liebe Mitbrüder im priesterlichen Amt!
In Christus geliebte Brüder und Schwestern!

Beteiligt sein!
Im Januar besuchte ich das Heilige Land. Die tiefsten Eindrücke hinterließen in mir jene Orte, wo Jesus gelitten hat: der Ölberg, die Todesangstbasilika (Kirche aller Nationen), der Kreuzweg. Zwar haben wir diese Orte erst am letzten Tag erreicht. Aber all die vorherigen Tage waren eine Vorbereitung dafür, dass wir nun den Gipfel der Liebe Christi erleben durften: „So sehr hat er uns geliebt“, so sehr hat er mich geliebt!
In der Auferstehungsbasilika waren viele Menschen. Ebenso auf den Straßen der Via Dolorosa, auf dem Kreuzweg, aber wenige dieser Menschen haben tatsächlich wahrgenommen, wo sie sich befanden, in wessen Fußstapfen sie traten. Viele von ihnen waren mit ihrem Handel beschäftigt, mit ihren Einkäufen oder suchten einfach nach weiteren Sehenswürdigkeiten… Dabei dachte ich: War es denn nicht auch damals genauso, als Jesus sein Kreuz nach Golgota trug? Einige waren neugierig, andere warteten auf das Sensationelle, viele beachteten Ihn einfach gar nicht… Aber diese Menschen wurden auch nicht von der unermesslichen Liebe Jesu berührt. Für einige von ihnen bedeutete der Tod Jesu gar nichts, auch nicht Seine Auferstehnung. Sie machten einfach mit ihren alltäglichen Geschäften, mit ihren eigenen Problemen weiter: Einige beschäftigten sich mit dem Handel, andere mit ihrer Hauswirtschaft. Nur diejenigen, die aktiv teilgenommen haben an den Ereignissen, konnten sich darüber auch freuen! Wenn ich meine Hand, im Dunkeln, zum Lichtschalter hin führe, ganz egal, wie nahe meine Hand an den Schalter kommt – es wird erst dann Licht, wenn ich auf den Knopf drücke. Egal, wie nahe ich zu den göttlichen Dingen stehe, das ist noch immer nicht genug. Ich muss mich daran beteiligen. Sonst wird es in meinem Leben nicht hell, es wird nicht Licht.
Liebe Schwestern und Brüder! Wir durchleben schwierige Zeiten. Am schwierigsten ist es vielleicht das Gefühl der Hilfslosigkeit zu erfahren. Und dennoch können wir ganz viel tun. Das erste und wichtigste, was wir tun können, ist wiederentdecken, dass unser Leben, unsere Gesundheit, unsere Welt und unsere Wirtschaft, ja alles in der Hand Gottes liegt. Auch diesen Zeitabschnitt in unserem Leben können wir mit Ihm durchleben, im Vertrauen auf Seinen göttlichen Willen. Und dann, wenn wir unsere ganze Aufmerksamkeit auf Ihn gerichtet haben und uns nach Seinem Willen ausrichten, können wir auch viele konkrete Dinge tun. Viele Menschen haben, zum Beispiel, jetzt wieder begonnen in ihren Familien gemeinsam zu beten. Einige Familien habe sich über das Internet oder über das Telefon mit vielen anderen Familien zum Gebet verbunden. Und so beginnen sie ihr Leben in einem neuen Licht zu entdecken.
Andere erkennen den Willen Gottes im gegenwärtigen Augenblick und helfen ihren Nächsten, indem sie für diese Einkäufe erledigen oder ihnen mit anderen kleinen Taten der Nächstenliebe beistehen. Auch ist diese Zeitspanne eine besondere Gelegenheit dafür, dass wir die Heilige Schrift (wieder)entdecken als lebendiges Wort Gottes, das Er aus Liebe zu uns spricht. Im Osterevangelium, beispielsweise, sehen wir, dass Jesus seine engsten Freunde in sein Werk einbindet, Er sendet sie aus. Den Frauen, die zusammen mit Maria Magdalena zum Grab gehen, gibt Jesus eine konkrete Mission: Bleibt nicht am Grab stehen, sondern „geht und sagt meinen Brüdern, sie sollen nach Galiläa gehen und dort werden sie mich sehen.” (Mt 28, 10). Er sieht, dass auch seine Jünger der Versuchung verfallen könnten, am „Grab” stehen zu bleiben. Er sieht, wie einige von ihnen sich in ihren Häusern verschließen, andere kehren zu ihrem alltäglichen Fischen zurück… Den Aposteln gibt er eine Lebensmission: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung…” (Mk 16, 15) – Es reicht nicht zu wissen, dass ich auferstanden bin, es reicht auch nicht, dass dies euch glücklich macht – geht in alle Welt und verkündet es! Er wusste, dass wir nur dann unseren Glauben bewahren können, wenn wir ihn weitergeben. Und diese Sendung sollen wir auch über  das Telefon und über das Internet weiterführen.

Lasst uns nicht am Grab stehen bleiben, unser Blick hänge nicht am Grab fest!
Auch in unserem Jahrhundert, sogar selbst in der Kirche, können wir unter der „Krankheit“ leiden, dass wir unseren Blick an das „Grab” heften, an das Grab unseres Lebens, das Grab aller Fehltritte der Kirche, Europas und der ganzen Welt. Wir bleiben stehen, voll von Schmerzen und  Nostalgie… und inzwischen ergeht es uns ähnlich wie den zwei Emmaus-Jüngern, wir entdecken den Auferstandenen unter uns nicht, den Auferstandenen, der mit uns auf unserem Lebensweg geht, der uns begleitet, uns leitet und uns ruft, Ihm zu folgen.
Wir beklagen uns, dass wir früher zahlreicher waren und es nun nicht mehr sind. Wir bleiben am „Grab” stehen. Aber wer hindert uns daran, kleinere, authentische Gemeinden zu bilden, wo der Auferstandene unter uns sichtbar wird? Gemeinden, in denen der Geist Jesu gelebt wird! Und wenn wir nicht reisen können, wenn wir uns nicht persönlich treffen können, dann verwenden wir das Telefon und all die anderen Kommunikationsmöglichkeiten. Wenn auch die Gläubigen nicht mehr so zahlreich sind, dann sollen eben die wenigen, die es gibt, die Liebe des Auferstandenen leben! Das sind die „zwei oder drei”, über die Jesus redet. Man muss die Tatsachen nicht idealisieren, wir müssen uns nur auf den Weg machen, genauso wie Maria Magdalena es getan hat, um den Aposteln die Frohbotschaft zu überbringen. Sie wartete nicht darauf, dass „die Kompetenten“ dies zuerst tun, sondern setzte sich schon „früh am Morgen“ in Bewegung, um Jesus zu suchen. Auf dieser Suche kam Jesus ihr entgegen, er begegnete ihr. Nachher bekommt sie die Mission, zu den Aposteln zu gehen.
Oft verstehen wir die Dinge falsch. Wir glauben, dass unsere Gemeinden gestorben sind, nur weil sie klein geworden sind. Aber nicht deswegen ist eine Gemeinde tot. Eine Gemeinde stirbt, wenn es nicht zumindest zwei oder drei gibt, die mit dem Auferstandenen leben, die bereit sind, seine Mission zu leben!
Der Auferstandene sucht die Begegnung mit uns. Er schaut uns in die Augen und wird uns nicht fragen, wie zahlreich wir einst waren, auch nicht wie viele wir heute noch sind, sondern, wie er einst Petrus fragte, wird er auch uns fragen: „Liebst Du mich?“ Wir können nicht schweigen. Wir müssen unsere Liebe zu Ihm zum Ausdruck bringen. Wir müssen unsere Bereitschaft Ihm gegenüber bezeugen: „Hier bin ich, sende mich aus!“ Ihm dürfen wir vertrauen. Seine Mission wird weitergeführt werden, auch wenn wir in unseren Häusern werden bleiben sollen. Er wird mit uns sein, auch in unseren Schwierigkeiten.
Mit diesen Gedanken wünsche ich Ihnen gesegnete Feiertage! Möge der Auferstandene Heiland Ihre Herzen mit der Freude seiner Gegenwart erfüllen!

Temeswar, am Ostersonntag des Herrenjahres 2020

† Josef Csaba Pál,
Bischof von Temeswar