Über 32 Jahre sind vergangen, seit in Rumänien der kommunistische Diktator Nicolae Ceaușescu gestürzt wurde. Der galt als ein besonders rabiater Herrscher, der vor allem für die römisch-katholische Kirche nicht viel übrighatte – und eigentlich eher Gotteshäuser dutzendweise abreißen ließ, als den Bau neuer Kirchen voranzutreiben. Da grenzt es dann schon an ein kleines Wunder, dass in den 1970er Jahren, also mitten in der kommunistischen Zeit, im Donau-Anrainerstädtchen Orschowa eine neue katholische Kirche errichtet wurde. Was den Kommunisten damals entging: Die Erbauer schummelten seinerzeit Symbole westlicher Pop-Kultur, offensichtlich als Zeichen der Aufmüpfigkeit, in den Kreuzweg hinein. Und auch darüber hinaus kann man in dieser Kirche unweit des rumänischen Donauufers so allerlei Besonderheiten finden, wenn man den richtigen Führer hat.
„Die Kirche ist eine „Kirche der unbefleckten Empfängnis‘, eine wunderschöne Kirche, gebaut in den 70er Jahren. Was damals gelungen ist – fantastisch! Eine Kirche ohne Fenster, das Licht kommt durch das Kreuz, das oben das Gewölbe teilt – LICHT DURCH DAS KREUZ! – sehr symbolisch. Licht auch durch einen Mauerdurchbruch in der Altarwand: wieder ein Kreuz. Das meiste ist Beton, aber auch Holz haben wir in der Kirche, teils als Täfelung und Farbkontrast – Wärme – zum Grau.“ Pfarrer Davor Lucacela, ein Kroate aus dem Banater Bergland, macht diese Einführung mit kaum unterdrückter Begeisterung. In der Tat, man hat, trotz aller Moderne, das Gefühl, in einem Riesenzelt der Hirten und Nomaden zu sein, die das Urchristentum (er)lebten, was dann von draußen wieder wie ein kieloben an den Strand zum Trocknen gezogenes Fischerboot anmutet – ja, waren die meisten der Apostel nicht Fischer? „Menschenfischer“? Orschowa, eine Zehntausend-Einwohner-Gemeinde im Südwesten Rumäniens, direkt an der Donau gelegen; am gegenüberliegenden Ufer grenzt das Nachbarland Serbien an. Wenn der römisch-katholische Gemeindepfarrer Davor Lucacela über die Kirche mitten im Ort spricht, gerät er leicht ins Schwärmen. Und das hat nicht nur mit der modernistischen Architektur zu tun, mit der Betonbauweise, mit dem riesigen, in der Decke als Glaskörper eingearbeiteten Kreuz, durch das das Tageslicht fällt. Pfarrer Luccela gesteht, aus diesem Grund die Messen vor der Abenddämmerung zu zelebrieren, um das Tageslicht voll zu nutzen. Die Scheinwerfer – Original-Stadionscheinwerfer aus den 1970er Jahren – verbrauchen so viel Strom, dass er sich ans Tageslicht klammern muss… Diese Kirche in Orschowa weist gleich mehrere Besonderheiten auf: „Da haben wir einen sehr modernen Kreuzweg. Es sind 15 Stationen. Nach der Wende hat man immer öfter ausgedrückt, was so mancher längst wusste: dass die Gesichter der gemalten Menschen auf dem Kreuzweg die Gesichter von in den 1970er bis 1980er Jahren (und teilweise auch davor) bekannten Personen sind. Da haben wir berühmte Sportler und Schauspieler. Und drüben, bei dem Prozess, wo Jesus verurteilt wurde, hat Gabriel Popa auch den Lenin gemalt. Unter die Pharisäer.“ Das war ja seinerzeit, im kommunistischen Rumänien der 1970er Jahre, nicht gerade vereinbar mit der Staatsdoktrin. Doch bei diesem Gesicht, ebenfalls eingearbeitet in den Kreuzweg, ist das anders. „Da, auf der 15. Station seines Kreuzwegs, der `Auferstehung´ oder `Verklärung durch die Musik´ hat er den John Lennon gemalt. Ich weiß nicht, warum. Der Maler ist gestorben. Wir wissen nicht, warum er gerade John Lennon auserwählt hat.“ Oder warum die Gestalt mit dem Mikrofon in der Hand, mit nacktem Oberkörper, so verdächtig dem Mick Jagger von den Rolling Stones ähnelt… Oder warum er den damaligen Pfarrer der (alten und neuen) Orschowaer Kirche, ebenfalls auf dem `Auferstehungsbild´, einen Umhang im Kardinalsrot umgehängt hat…“ Wo keine Gewissheit ist, bleiben Vermutungen: „Ich weiß, es gibt sehr viele, sehr bekannte Melodien, auch im Rock und im Pop, die eine christliche Wurzel haben. Zum Beispiel haben wir das ‚Let it be‘. Das ist von der Mutter Gottes, weil sie gesagt hat: Mir geschehe nach Deinem Wort. Warum aber ausgerechnet Lennon ausgewählt wurde, wissen wir nicht. Der Maler selbst hat das nicht erzählt. Zumindest ist es uns nicht überliefert.“ Wohl mit gutem Grund, meint Pfarrer Davor Lucacela heute: „Es war eine problematische Phase in der Kommunistischen Zeit. Gabriel Popa hatte wohl Angst, Argumente gegen sich zu liefern – meine Meinung! Aber gemalt hat er das alles. Trotz allem. Oder Allem zum Trotz.“ „Alle Maler, die wichtige Kreuzwege gemalt haben, haben ihre Zeit im Kreuzweg eingeschlossen. Das, was wir in Orschowa zu sehen kriegen, ist eigentlich, so gesehen, nichts Besonderes! Es ist beste Kulturtradition,“ ergänzt der ADZ-Journalist Werner Kremm, der, selbst katholisch, immer mal wieder die ‚Kirche der unbefleckten Empfängnis‘ in Orschowa besucht und der uns eigentlich auf die Idee dieses Besuchs für den Deutschlandfunk gebracht hat. Auch für Kremm bleibt die Frage: Wie konnte der Maler einst, Anfang der 1970er Jahre, in der Blütezeit des Ceaușescu-Kommunismus in Rumänien, so einfach ein John-Lennon-Porträt oder den Lenin unter die Pharisäer in den Kreuzgang ‚hineinschummeln‘? „Ich glaube, es war nicht nur die versteckte Opposition eines denkenden Künstlers: Es war mehr!“ Werner Kremm verweist auf die Herkunft des Malers Gabriel Popa und des Architekten Hans Fackelmann, beide längst verstorben. „Beide sind Banater, beide lebten zu jener Zeit, als Kirche und Kreuzweg von Orschowa entstanden – das die Banater auch heute für ihr südöstlichstes Städtchen halten – in Temeswar, in der westlichsten Gegend Rumäniens. Und diese westlichste Gegend war nicht umsonst die Gegend, in der nachher die Revolution ausgebrochen ist. Es war eine (welt-, kultur- und ideologie-) offenere Gegend. Außerdem waren Gabriel Popa und Hans Fackelmann im Umfeld der rumänischen Pop-Bewegung in Temeswar, der Gruppe Phoenix. Und einer künstlerischen Avangarde (etwa die Gruppe Sigma um Stefan Bertalan und Roman Cotoșman). Also da schließt sich, meiner Meinung nach, ein Kreis.“ Und so spiegelt dann die Kirche in Orschowa ein Stück weit auch die Geschichte in Ansätzen vorhandener Aufmüpfigkeit gegen das kommunistische Regime von einst wieder. Von bewusst gelebter künstlerischer Freiheit – trotz Zensur. Interessant ist: Da sind eine ganze Reihe bekannter Persönlichkeiten der 1970er und 1980er Jahre auf den einzelnen Stationen des Kreuzwegs. Auch die Tatsache, dass die Christusporträts, die den Kreuzweg (eigentlich ein Kontinuum) strukturieren, Selbstporträts des Künstlers sind. Viele von den Persönlichkeiten seiner Zeit hat Gabriel Popa unter dem Gekreuzigten platziert. Sie stehen direkt neben Maria unter dem Kreuz, etwa die Schauspieler Florin Piesic, Ana Szeles oder die Turnweltmeisterin Nadia Comăneci.
Je öfter Pfarrer Davor Lucacela an dem Kreuzweg vorbeischlendert, desto häufiger kann er die Gesichter der abgebildeten bekannten Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur zuordnen. Doch immer wieder bleibt er vor dem Abbild John Lennons stehen: „Er hält seine Arme nach oben. Und genauso macht es ja Christus. Sicher hat der Maler da an eine Melodie gedacht.“ Dass der Maler damals ausgerechnet das Konterfei einer westlichen Pop-Ikone in den Kreuzweg hineingemalt hat, ist den kommunistischen Machthabern anscheinend nicht aufgefallen. Oder hat man da beide Augen zugedrückt? Diejenigen, die den Beatles-Star erkannten, behielten das für sich. Außerdem war solche „Kirchenmalerei“ – der orthodoxen, streng dogmatisch geregelten Ikonenmalerei folgend, die Überraschungen ausschloss – quasi zensurfrei. Außerdem: „Damals war alles sehr still. Man wollte keine Probleme haben. Und auch anderen keinerlei Probleme aufhalsen. Ich denke, man hat damals sehr wenig darüber geredet.“ Wobei die kritische Haltung des Malers nicht nur beim Lennon-Porträt greifbar ist. „Interessant ist es bei dem Lenin. Er wurde mit einem halben Gesicht gemalt. In der orthodoxen Ikonographie sind alle Heiligen, alle positiven Personen, mit dem ganzen Gesicht gemalt, frontal, mit dem Blick immer auf den Betrachter gerichtet. Beim Lenin ist zum Beispiel nur eine Seite, eine Hälfte seines Gesichtes… faktisch also ist er damit als negative Person beschrieben. Es war damals schon problematisch genug, den Lenin überhaupt darzustellen, erst recht als eine negative Person in einer Kirche. Das war echt mutig!“ Von Maßregelungen, Repressionen gegen den Maler ist allerdings nichts bekannt. Abgesehen vom in mehrfacher Hinsicht bedeutungsvollen Kreuzweg ist die katholische Kirche „Zur unbefleckten Empfängnis“ in Orsowa am rumänischen Donauufer aber noch in einer weiteren Hinsicht einzigartig. Werner Kremm: „Es ist die einzige römisch-katholische Kirche, die in Rumänien im Kommunismus gebaut wurde.“ Über 90 Prozent der Rumäninnen und Rumänen gehörten, damals wie heute, der orthodoxen Kirche an; die katholische Kirche findet sich bis heute in Rumänien in einer Art Diaspora wieder. Diktator Ceaușescu hatte für die katholische Kirche wenig übrig. „Das ist auch das kleine Paradoxon hier: Während Ceaușescu dafür bekannt ist, dass er Kirchen und Klöster in Bukarest erbarmungslos wegrasiert hat, um Neubauten zu errichten oder seinen Prunkboulevard des ‚Sieges des Sozialismus‘ und dass „Haus des Volkes“, sei-nen Amtssitz, ist hier eine Kirche gebaut worden. Allerdings einige Jahre vor seiner Zerstörungswut, die er mit dem Segen des damaligen Patriarchen entfesselte!“ Die Gründe für den Bau der katholischen Kirche in der kleinen Donaugemeinde sind dann auch tief in der damaligen Politik verwurzelt. „Der Vatikan hatte unter Ceaușescu diplomatische Beziehungen aufgenommen mit Rumänien. Vorher war die katholische Kirche eine geduldete Kirche. Es gab eine Konvention: Sollten Kirchen zerstört werden müssen, sorgt der Staat dafür, dass neue Kirchen aufgebaut werden. Das grundsätzlich. Allerdings hat die deutsche Caritas diesen Fackelmann-Bau am Donauufer finanziert.“ In Orschowa wurde vorher eine Kirche zerstört: Direkt vor dem heutigen Donaustausee im „Golf von Orschowa“ haben die Machthaber damals die Donau angestaut, zur Energiegewinnung.
Das alte Orschowa versank im See – und mit der Ortschaft auch die alte Kirche. „Der Grund war eigentlich der, dass die alte katholische Kirche von Orschowa auf dem Grund des Stausees versunken ist, nachdem die Donau beim Eisernen Tor ab 1971 aufgestaut war. Das heißt: Im Golf von Orschowa ist noch die alte Kirche vorhanden. Und wenn der Wasserspiegel sinkt, etwa bei Grundentleerungen, kann man sogar den Turm noch sehen.“ Heute bietet Pfarrer Davor Lucacela täglich Gottesdienste in der neuen Kirche an – ein Beispiel für Multikulturalität. Denn: Orschowa gehört zum Westen Rumäniens und beugt sich den Regeln des Katholizismus in Rumänien: Mehrsprachigkeit der Gottesdienste. Aber: „Wir haben eine kleine Gemeinde. Es ist heute eine fast ausschließlich tschechische Gemeinde. Die Deutschen sind ausgewandert. Die Tschechen sind geblieben. 80, 90 Prozent Tschechen haben wir, Rumänen ein wenig, Ungarn, ein paar Deutsche. Das sind noch so zehn bis zwanzig Familien.“ Die tschechische Gemeinde besteht aus den Nachfahren ehemaliger Migranten, Bergleute und Wehrbauern, die einst von Tschechien, aus dem Böhmerwald, hiergekommen sind – ebenso wie manche der Rumäniendeutschen, die Deutschböhmen des Banater Berglands. Pfarrer Davor Lucacela selbst ist übrigens weder ethnischer Deutscher, noch ethnischer Tscheche, von der Staatsbürgerschaft zwar Rumäne – aber: „Ich bin kroatischer Abstammung. Es gibt ja im Banat auch eine kroatische Minderheit in der Nähe von Reschitza. Das sind sieben Dörfer. Ungefähr 6500 Kroaten sind noch hier im Banat – eine sehr, sehr alte Minderheit.“ Und so wird die katholische Kirche in Orschowa zum einen zum Symbol der leisen Aufmüpfigkeit gegen den Kommunismus – und zu einer Art multikulturellem Schmelztiegel im Westen Rumäniens. Pfarrer Lucacela: „Sehr stolz bin ich. Das ist ein sehr großes Erbe. Und man hat eine sehr große Verantwortung hier, nicht nur als Pfarrer.“

Von Thomas Wagner
Fotos: Werner Kremm

Erschienen in: Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien, 30. Jahrgang, Nr. 7360 Bukarest, Samstag, 18. Juni 2022, S. 8-9.