Maria Radna feiert heuer ein doppeltes Jubiläum: 500 Jahre seit der Errichtung der ersten Kapelle im damaligen Weinberg, am Ort der jetzigen Wallfahrtskirche, aber auch 200 Jahre seit der Kosekrierung des Gotteshauses durch den Erzbischof von Gran/Esztergom, durch den damaligen Fürstprimas Alexander Rudnay. Auch wenn die Gesundheitsvorschriften keine grossen Feierlichkeiten erlauben, kann der historische Moment nicht unmarkiert bleiben.
Die Ereignisse der Vergangenheit werden in schriftlichen Chroniken aufbewahrt; Augenzeugen sprechen am authentischsten über die jüngsten und gegenwärtigen Ereignisse. Die nächsten Seiten enthalten die Worte unterschiedlichen Menschen: Gottesdiener, ältere Menschen, die an ihrer Religion festhalten, junge Menschen, die im Glauben aufwachsen, Bewahrer unserer gemeinsamer Feste und Pilger am jahrhundertealten Gnadenort von Maria-Radna.

Nach Abschluss der Ungarischsprachigen Gemischten Pädagogischen Schule in Temeswar unterrichtete Erzsébet Sipos in Reschitz und später an der 7. klässigen Ungarischsprachigen Schule in Rekasch. Seit 1967 arbeitet sie als Journalistin in der Redaktion der Tageszeitung „Szabad Szó“ und der Wochenzeitung „Temesvári Heti Új Szó“. Auch nach ihrer Pensionierung erscheinen viele ihrer Artikeln und Beiträge in der lokalen Presse. Der folgende Bericht wurde ebenfalls von ihr unterschrieben.

Unsere Begegnungen mit dem Wallfahrtsort
Sie können sich als eine glückliche Person schätzen, wenn sie sich an wen und woran noch erinnern können. Und Sie können das als ein Geschenk des Himmels betrachten, wenn Sie all dies Ihrer Familie, Ihren Mitmenschen und sogar den Fremden, die ihre Traditionen pflegen und retten wollen – dessen Säulen der Glaube ist – mit klarem Verstand erzählen können.Es gibt mehrere Wege dazu. Die zum Gebet gefalteten Händen eines kleines Kindes, das gelernte Kreuzzeichen, das erste kurze Gebet zeichnen bereits die Richtung vor. In Familienhäusern fehlt es nicht an Zeichen der Religiosität: ein Kruzifix an der Wand, ein gerahmtes, heiliges Bild Jesu oder der Gottemutter mit dem Kind, die geweihten Palmkätzchen, der Rosenkranz, das Gebetbuch, ein Bild von Maria Radna.
Auf der Buchdeckel des ersten Gebetbuchs meiner Mutter, auf einer der ersten Seiten, in einem ovalen Rahmen war ein Bild von Maria und ein Eintrag zu lesen: „Julianna Horváth, geboren am 30. August 1913. Das Gebetbuch wurde am 8. September 1928 in Maria Radna gekauft.“ Dies zufolge war meine Mutter damals erst fünfzehn Jahre alt, und wie oft sie seitdem die Reise mit den Pilgern aus Rekasch und dann, später in hohem Alter mit dem Auto unternommen hat, hat sie leider nicht aufgezeichnet. Aber es war sehr oft – das weiß ich! Als Sie mich zum ersten Mal auf eine Wallfahrt mitnahm, war ich bereits Schülerin an der Temeswar-Fabrikstädter Schule der Notre-Dame-Schwestern. Oft eilte ich im Schulhof zur schönen Marienstatue, um um Hilfe zu bitten, besonders vor dem schwierigere Prüfungen und Unterrichtstunden. Die schöne Statue erinnerte mir an die Gottesmutter von Maria Radna… Und ich konnte mir nicht einmal vorstellen, dass diese Marienstatue von irgend jemandem entfernt werden könnte. Aber das ist trotzdem auch passiert… Die Abschaffung der kirchlichen Schulen 1948 bedeutete jedoch nicht die Vertreibung des Glaubens aus dem Herz des Volkes. Die Dorfbewohner von Rekasch bereiteten sich auf die Feiertage und auf die Pilgerfahrten nach Radna vor, und meine Mutter war Sonntags immer dabei an die ungarischen Messen. Viele Jahre später nahm Sie auch ihren Enkel zum ersten Mal mit in die Kirche. Zu dieser Zeit bezeugten alle noch ihren Glauben in ihrer Muttersprache. Während der Pilgerreisen erlebte ich, dass fast alle ungarischen Siedlungen im Banat ihre eigene spezielle religiöse Volksmusik, Aufführungsart, dekoriertes Kruzifix und Kirchenflagge an der Spitze der Prozession hatten, und die typische Kleidung und das Kopftuch der Frauen zeigten bereits beim Betreten der Kirche, ob die Menschen von Temeswar, Kerestesch, Gataja, Petschka oder einer anderen Ortschaft stammen.
Auf dem Gebiet der alten Diözese Tschanad pilgerten in den letzten Jahrzehnten viele zum Gnadenort und auf dem Hügel hinter der Basilika sind die in Stein gemeißelten Zeugnisse ihrer spirituellen Bindung heute noch zu sehen. Die „eifrigen Gläubigen“ aus Nagykamarás (Ungarn) haben 1910 zu Ehren des heiligen Wendelin ein Bildstock errichtet, Familie Szabó aus Kecskemét hat zu Ehren des heiligen Florian ebenfalls ein Bildstock errichtet, die Pilger von Zenta haben in Erinnerung an die Schlacht von Zenta, vom Jahre 1697, zu Ehren des heiligen Michael eine Statue errichtet, die Goldbacher (Roșia Montană) Bergleute haben im Jahre 1935 zu Ehren der heiligen Barbara eine Statue errichtet, Pilger aus Arad haben im Jahr 1926 zu Ehren der heiligen Elisabeth ebenfalls eine Statue errichtet, die Mitglieder der siebenbürgischen Franziskanerprovinz haben 1926, zu Ehren des heiligen Franziskus dessen Marmorstatue errichtet, die Gemeinde Kiskunfélegyháza hat 1890, zu Ehren des heiligen Stephanus dessen Statue aufgestellt, die Gläubigen von Magyar-Bánhegyes errichteten 1910 ein Denkmal zu Ehren des Heiligen Geistes.
Der Kreuzweg wurde 1889 erbaut. Dessen 14 Stationen wurden von Gemeinden wie Glogowatz/ Fünfhügel (1914 von der Gemeinde Apátfalva renoviert), Pécs/ Fünfkirchen, Endrőd, Kiszombor (1914 von den Gläubigen von Kecskemét renoviert), Makó, Hódmezővásárhely, Elek (1914 von der Gemeinde Mezőkovácsháza renoviert), Battonya, Szentes, Vinga, Csongrád, Neuarad, Altbeschenowa und Apácza gestiftet. Die meisten dieser Stationen wurden 1914 renoviert. In den Korridoren der Klosterkirche erinnert die Vielzahl der von den Pilgern gespendeten Heiligenbilder an wunderbare Ereignisse, an erfüllte Gebete und Wünsche.
Es gibt einen Grund, wofür Pilger aus Rekasch in diesem Bericht ausführlicher behandelt werden: eine authentische Informationsquelle – ein Augenzeuge und ein Teilnehmer – teilt uns seine Wallfahrtserinnerungen mit. Anna Németh (geb. Kohajda) erinnert sich im Alter von vierundachtzig Jahren noch deutlich an die Ereignisse der Pilgerfahrten, die Namen der Teilnehmer, ihre religiösen Bräuche und all dies ist Teil der Geschichte des Dorfes.
– Der Pilgertag der römisch-katholischen Ungarn aus Rekasch und der dort lebenden Schokazen ist der 8. September, das Fest Mariä Geburt. Vor einem halben Jahrhundert war Tante Ila Biczók die Organisatorin der Pilgerfahrten, eine Frau mit einem starken Willen, die wir als Vorbeterin und gute Sängerin respektierten. Niemand außer ihr kannte die Texte der Gebete, die Pilgerfahrt-Lieder, die Melodien, den Verlauf von allem besser als sie. Es gab keine Einwände, sie war unsere Anführerin, wir folgten ihr in allem. Am frühen Morgen, vor Mariä Geburt, versammelten wir uns am Glockenturm von Újfalu (Teil von Rekasch) und machten uns nach dem gemeinsamen Gebet auf den Weg: vorne das Kreuz mit einem Blumenkranz verziert – in der Vergangenheit wurden sogar Kirchenfahnen von den Gläubigen getragen – und in vierer Reihen gingen wir in Richtung Stantschowa, Richtung Weinberge, natürlich betend und singend los. In Stantschowa haben wir gefrühschtückt, und von dort gingen wir durch die Felder, den Wald und über Hügel in Richtung Radna. Wir nahmen nur Trinkwasser mit, packten unser Gepäck auf Pferdewagen. Ich weiß auch von Jahren, in dem sechs bis acht von Pferde gezogene Planwagen unsere Sachen mitnahmen, jüngere Kinder oder sehr müde Senioren darauf sitzen konnten, um Kraft zu schöpfen. Vor den geschmückten Wagen wurden schöne Pferde Eingespannt. Wagen und Pferd wurden Tage zuvor sorgfältig vorbereitet und dekoriert. Von den vielen Dörfern unternahmen vor allem die Familien Ördög, Sándor, Imre, Onkel Pista, Béla Bába, Ferenc Deák, András Biacsi, András Vincze und Sándor Vékony die lange Reise; meine Mutter und ich fuhren mit dem letzteren. Ich weiß von András Vincze, dass er gemeinsam mit seiner Familie aus seinem Heimatdorf nach Bărăgan 1951 verschleppt wurde, und als er zurückkam, ließ er sich in Rekasch nieder. Von da an hat er jedes Jahr an den Pilgerfahrten von Maria Radna teilgenommen… Ich habe auch nicht vergessen, dass meine Mutter, Ilona Kohajda, solange sie sich wohl fühlte (sie wurde fast 100 Jahre alt), jeden September an der Wallfahrt teilnahm.
In Radna übernachteten wir zehn Jahre lang bei derselben Familie, sie warteten bereits af uns. Es waren sehr liebe Leute, wir hatten alle einen Platz, egal ob im Zimmer, in der Scheune, auf einen Heuboden. Die Pferde waren Nachts im Stall, die Kutschen wurden in die Höfe gezogen, wir konnten uns in Frieden ausruhen. Wir waren sehr Müde. Wir machten die Reise zu Fuß an einem einzigen Tag und es gab keine Unterbrechung beim Singen oder Beten. Wir ertrugen die sengende Sonne, manchmal die Schauer – wir haben alles ausgehalten, wir waren Pilger.

Als wir aus dem Wald kamen, war der Turm der Kirche von Radna bereits sichtbar. Wir haben uns sehr gefreut! Aber es war am besten, als wir von einem Priester vor der hohen Treppe kam, begrüßt wurden – er war sehr berührt, als er sah, dass wir mehr als hundert waren. Ich denke, dass die Gottesdienstordnung in Radna deshalb so gestaltet wurde, dass die Hl. Messe für die Pilger aus Rekasch um zwölf Uhr stattfinden konnte. Wir hatten am Morgen Zeit zu Beichten und zu warten, bis wir vor dem Beichtstuhl an der Reihe waren, denn zu dieser Zeit waren immer viele Leute da. Beichte und Kommunion sind ein unverzichtbarer Bestandteil der Wallfahrt, denn jeder sucht spirituelle Beruhigung und nimmt den Segen von dort mit nach Hause. Nach der Messe gingen wir zum Kreuzweg auf der Treppe, die zum Kalvarienberg hinter der Kirche hinaufführte, und wir waren froh zu sehen, dass die Statuen der Stationen den Krieg überlebt hatten; es gab einige Menschen, die sich um ihre Rettung gekümmert hatten. Es gab schon damals viele Andenkenverkäufer in der Gegend um die Kirche, es gab eine große Auswahl an Gebetbücher, heilige Bildchen, Rosenkränze, gerahmte bunte Bilder der Kirche und Unserer Lieben Frau, Lebkuchen, Kinderspielzeug, und jeder fand etwas nach seinem Geschmack. Wir wussten, dass zu Hause jeder auf ein Mitbringsel wartete. Mein kleiner Sohn hat sein erstes Geschenk von seiner Großmutter gekriegt, als sie Pisti zum ersten Mal auf Wallfahrt nach Radna brachte. Von da an war das Kind immer sehr glücklich, hat sich immer gefreut mitgehen zu können. Viele Eltern taten das Gleiche.
Die Rückkehr nach Hause war nicht einfacher und die Reise war für uns nicht kürzer. Um fünf Uhr morgens versammelten wir uns in der Kirche, nahmen unser Vortragekreuz und machten uns nach der Abschiedspredigt und dem Abschiedsgebet auf dem üblichen Heimweg. Wir wurden Zuhause schon sehnsüchtig erwartet.
Ich kann nicht verschweigen, dass wir Senioren immer noch viele schöne Marienlieder kennen, und alle wurden auf der langer Pilgerfahrt gesungen. Und sie werden nicht einmal vergessen, wenn es jemanden gibt, der das Singen lernt. In Rekasch versucht János Fodor, die ungarische Gläubigen zusammenzuhalten. Ich weiß, dass er in den letzten Jahren auch eine Fahrradpilgerreise mit den Jugendlichen organisiert hat. Leider gibt es immer weniger Menschen, auf die Sie zählen können. Die Menschen in meinem Alter haben die alten mühsamen, aber gesegneten Wallfahrten nicht vergessen. Die jungen Menschen von heute können nicht einmal wissen, was sie verpasst haben, was sie verlieren…