Maria Radna feiert heuer ein doppeltes Jubiläum: 500 Jahre seit der Errichtung der ersten Kapelle im damaligen Weinberg, am Ort der jetzigen Wallfahrtskirche, aber auch 200 Jahre seit der Kosekrierung des Gotteshauses durch den Erzbischof von Gran/Esztergom, durch den damaligen Fürstprimas Alexander Rudnay. Auch wenn die Gesundheitsvorschriften keine grossen Feierlichkeiten erlauben, kann der historische Moment nicht unmarkiert bleiben.
Die Ereignisse der Vergangenheit werden in schriftlichen Chroniken aufbewahrt; Augenzeugen sprechen am authentischsten über die jüngsten und gegenwärtigen Ereignisse. Die nächsten Seiten enthalten die Worte unterschiedlichen Menschen: Gottesdiener, ältere Menschen, die an ihrer Religion festhalten, junge Menschen, die im Glauben aufwachsen, Bewahrer unserer gemeinsamer Feste und Pilger am jahrhundertealten Gnadenort von Maria-Radna.

Pfarrer János Kapor, geboren in Tschakowa, ist seit dem 1. September 2020 Pfarrer von Kischineu a.d. Kreisch und Schimonydorf. Seine erste Station war aber die Pfarrgemeinde Temeswar-Josefstadt, wo er als Kaplan arbeitete. Zwischen 1998 und 2000 war er Direktor des Römisch-Katholischen Lyzeums Gerhardinum und Diözesanjugendseelsorger, von 2000 bis 2008 war er Pfarrer von Mailat, bzw. ab September 2008 Pfarrer der Millenniumskirche in Temeswar-Fabrikstadt.

– Welche sind Ihre ersten Erinnerungen an den Wallfahrtsort Maria Radna, Herr Pfarrer? Mit wem sind Sie zuerst nach Radna gegangen/ gefahren?
– Als Kind nahm ich zuerst an einer Pilgerreise nach Radna teil. Ich war in der fünften oder sechsten Klasse, als der Pfarrer unserer Gemeinde, György Kóbor, einen kleinen Autounfall hatte, sich den Bein brach und mich bat, die Mai-Andacht der Jungfrau Maria in der Kirche zu leiten. Es war das erste Mal, dass ich der Muttergottes näher kam und so… stärkte sich meine Ehrfurcht vor Maria! Pfarrer Kóbor organisierte jährlich eine Wallfahrt nach Radna für die Gläubigen von Tschakowa. Damals, in den Jahren der kommunistischen Diktatur, war dies politisch nicht einfach, andererseits benötigte man mehr Busse, da wir doch noch recht viele waren. Da es offiziell nicht möglich war, ein Fahrzeug für die Pilgerreise anzufordern, wurde in dem Antrag immer angegeben, dass wir einen Ausflug zum Denkmal der Schlacht von Paulisch (1944) machen. Am Ende sind wir immer in Maria-Radna gelandet. Die damaligen Tschakowaer pilgerten im Juli, am Tag der Hl. Anna, nach Radna. In jenen Tagen hatte jede Siedlung ihren eigenen Pilgertag. Später, als unser Pfarrer auch die Seelsorge der Pfarrei Satu Iosif übernahm, organisierte er auf die gleiche Weise eine Wallfahrt für die Gläubigen dieser Gemeinde. Wir sind immer mit dem Bus gefahren. Als junger Theologiestudent habe ich einmal versucht, zu Fuß nach Radna zu gelangen, aber ich hatte nicht damit gerechnet, an einem einzigen Tag 90 Kilometer nicht laufen zu können. Ich habe zwei Drittel des Weges zurückgelegt, aber der gute Gott hat dafür gesorgt, dass ich gesund und in Sicherheit in Radna angekommen bin.

– Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie als Theologiestudent die Wallfahrtskirche wieder sahen?
– In unserer Diözese hat es eine lange Tradition gegeben, dass an wichtigen Feiertagen wie Mariä Himmelfahrt oder Mariä Geburt, wenn viele Pilger nach Radna kommen, die Seminaristen den Franziskanern von dort halfen. Wir haben normalerweise am Tisch geholfen oder einfach gereinigt. Dies bot uns auch die Möglichkeit an, mehrere Tage am Wallfahrtsort zu verbringen. Als ich Theologiestudent war (in meinem Fall von 1983 bis 1988), haben wir uns an diesen Feiertagen vielen meiner Diözesankollegen aus Temeswar angeschlossen. Ich traf dort regelmäßig Adalbert Jäger, den derzeitigen Pfarrer von Temeswar VI Fratelia, László Wonerth, den derzeitigen Pfarrer in Lugosch, oder S.E. László Böcskei, den derzeitigen Diözesanbischof von Großwardein. Wir haben im Oratorium, oberhalb der Sakristei, geschlafen. Damals war Pater Ernst (Franz Harnisch) Guardian des Klosters in Radna. Diese Anlässe erwiesen sich als starke Verbindung, und im Laufe der Zeit wurde meine Beziehung zum Wallfahrtsort, zur Muttergottes und zum Franziskanerpater noch enger.Als Diakon hatte ich vor einem dieser Feste das Privileg, den silbernen monumentalen Rahmen der Marienikone zu reinigen, der das Gnadenbild schmückt. Es war eine bleibende Erfahrung, dem Gnadenbild so nahe zu kommen. Jedoch war es eine noch größere Erfahrung den Pilgern, die die Kirche am 8. September bei der Hl. Messe füllten, auch als Priester predigen zu können.
Ich erinnere mich auch lebhaft an die Pilgerfahrten der Gläubiger aus Jahrmarkt. Ich konnte den Anblick nicht einmal vergessen: zweihundert bis dreihundert Gläubige, dreißig bis vierzig Mitglieder Blaskapellen, die zur Kirche auf Marienlieder marschierten. Bereits am Abend des 14. August kamen sie in Radna an, um am nächsten Tag an der Hl. Messe teilzunehmen. Zu dieser Zeit hatten wir Seminaristen ein herausragendes Vorbild in Person von Papst Johannes Paul II., der inzwischen heiliggeprochen wurde. Obwohl wir damals wenig Informationen über sein Leben erhielten, sammelten wir wieder die Nachrichten über ihn. Dies führte mich dazu, vor meiner Priesterweihe, das bekannte Totus tuus von Papst Johannes Paul II. als Motto zu wählen. Ich möchte auch zwei Gedanken dazu anführen: der heilige Bernard von Clairvaux schrieb, daß je mehr man die Jungfrau Maria ehrt, desto mehr wächst die Herrlichkeit ihres Heiligen Sohnes. Und Papst Johannes Paul II. formulierte es so: „Als meine priesterliche Berufung Gestalt annahm, änderte sich meine Sicht der Ehrfurcht vor Maria in gewisser Weise. Bis dahin war ich überzeugt, dass Maria uns zu Christus führen würde, aber dann wurde mir klar, dass Christus uns auch zu seiner Mutter führen würde.“ Dies macht die Botschaft dieses Spruchs noch deutlicher. Als Kaplan ging ich in die Gemeinde Temeswar- Josefstadt, in der auch Erzbischof Béla Boros lebte. Ihn zu treffen war für mich entscheidend und ich lernte nicht nur viel von ihm, sondern stellte auch fest, dass kein einziger Tag verging, ohne den Rosenkranz in den Händen des Erzbischofs zu sehen. Wir waren auch mehrmals in einem Jahr zusammen in Radna. Zurück zu den Pilgerreisen nach Maria-Radna: Ich bin nicht der einzige, der erklärt, dass bei solchen Gelegenheiten nicht nur unsere Beziehung zu Unserer Lieben Frau immer stärker wurde, sondern unsere Berufung eine ganz andere, tiefere Bedeutung erhielt. Unsere Liebe Frau sagt uns immer wieder: „Tut, was mein Sohn euch sagt.“ Deshalb besuche ich diesen Ort seit Jahren, Jahrzehnten, ein Ort wo ich tiefer in die Berufung eintauchen kann, die mir gegeben wurde.

Sie sind auch durch einen spirituellen Liebesbündnis mit Unserer Lieben Frau verbunden…
– Ja. Ich habe vor Jahren die Schönstätter Apostolische Bewegung kennengelernt, als die ersten Schwestern in Temeswar kamen. Bischof Sebastian Kräuter suchte einen Ansprechpartner aus unserer Diözese, der den Marienschwestern bei der Organisierung ihrer Aktionen hilft. Weil der Bischof wusste, dass ich einen besonderen Respekt vor Unserer Lieben Frau hatte, dachte er, ich wäre die geeignete Person für diese Aufgabe. Ein Merkmal der Spiritualität der Gemeinschaften (für Priester und Laien, Männer, Frauen, Familien und Jugendlichen) aus denen die Schönstatt-Bewegung besteht, ist die Verehrung Mariens. Dies wird durch den Liebesbund mit Unserer Lieben Frau, der tiefes Engagement bedeutet, sowie das Motto der Bewegung weiter unterstrichen: Nichts ohne dich, nichts ohne uns. Der Liebesbund mit der Jungfrau Maria war mir wichtig, weil er die Anfänge noch weiter vertiefte. Durch den Liebesbund habe ich die Möglichkeit, jeden Tag zu sagen: Ich widme Ihm mein ganzes Wesen. Als wir viele Jahre lang mit den Schwestern im Caritas-Haus in Lippa ein Sommer-Camp für Mädchen aus verschiedenen Diözesen des Landes organisierten, die sich der Bewegung anschließen wollten, gingen wir immer nach Maria Radna, um dort den Liebesbund mit der Jungfrau Maria zu schliessen. Dank dieser Ferien-Camps sind die Schwestern von Schönstatt heute noch in der Diözese Temeswar aktiv: Schwester M. Böbe Tari, Schwester Erika-Maria Bukovics, Schwester Mária Beáta Horváth. Insgesamt sieben junge Mädchen aus Siebenbürgen, Sathmar, dem Kreis Arad und dem Banat schlossen sich der Kongregation der Schwestern von Schönstatt an.

– Was bedeutet für Sie Maria-Radna?
– Spirituelle Aufladung! Wenn ich dorthin fahre, halte ich immer vor der Wallfahrtkirche an, auch wenn ich es nur für kurze Zeit schaffe, dort zu sein. Ein paar Minuten vor dem Gnadenbild sind für mich eine Kraft-Quelle. Vielleicht ist es kein Zufall, dass die Kirchen meiner früheren Stationen, d.h. die Kirchen von Josefstadt, Mailat, Fabrikstadt und jetzt Schimonydorf, unter dem Schutz Unserer Lieben Frau gestellt wurden und ihre Patrozinien mit verschiedene Marienfeste verbunden ist. Ich habe das Gefühl, dass die Muttergottes mich mein ganzes Leben lang begleitet.

– Hochwürdiger Herr Pfarrer, vielen Dank für das Gespräch!